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Rot ist offenbar wieder in Mode

Saarbrücken. Am Sonntag springt in Melbourne die Startampel für die neue Formel-1-Saison auf Grün. Doch vieles dreht sich derzeit um Rot. Sebastian Vettels Wechsel zu Ferrari soll eine neue Ära der Rotkäppchen einleiten. Peter Wilhelm

Er hat sein Lachen wiedergefunden. Egal, wo Sebastian Vettel (27) zuletzt auch auftauchte, er sprühte nur so vor guter Laune. Vergangenes Jahr hatte er dieses Lausbub-Grinsen bisweilen verloren. Doch jetzt ist sie zurück, diese fast schon kindliche Freude, die in den erfolgreichen Red-Bull-Jahren so typisch für den Heppenheimer war.

Vettel hat quasi umgesattelt - vom Roten Bullen auf das sich aufbäumende Pferd von Ferrari . Und kurioserweise hat ihm ausgerechnet der Abgang vom Energy-Hersteller neue Energie gegeben. "Ich habe aufgetankt, bin voller Tatendrang", sagt Vettel. Man spürt es: Der Tapetenwechsel hat gut getan.

"Wie eine Kopie von Schumi"


Rot macht offenbar froh. Jedenfalls Vettel. Mit dem Wechsel zur Scuderia erfüllte er sich einen Kindheitstraum. Schon als kleiner Bub war er mit seinem Vater nach Maranello gefahren und versuchte, durch Löcher im Zaun einen Blick aufs Werksgelände und die Teststrecke zu werfen. "Dass sich mir hier mal alle Schranken öffnen würden, hätte ich nie gedacht", staunt er selbst. Mittlerweile darf er sogar im alten Haus von Enzo Ferrari schlafen.

Schon nach ein paar Wochen scheint der Deutsche angekommen - nicht nur im Cockpit der Roten, sondern auch in den Herzen der Menschen. Bei seinem Antrittsbesuch in der Fabrik schoss er jede Menge Selfies mit Mitarbeitern - und auch außerhalb des Werks hat er die wichtigste Person schon im Sturm erobert. Bei einem Besuch im Ristorante Montana kritzelte er flugs auf einen Zettel: "An Rosella, ich hoffe, du wirst meine italienische Mamma." Mamma Rosella - so wurde Rosella Paolucci früher von Michael Schumacher genannt, der bei Besuchen in Maranello hier immer seine Pasta aß. "Wir hatten das gleiche Gefühl wie damals bei Michele", sagt ihr Mann Maurizio.

Überhaupt - die Parallelen zu Schumacher, sie sind allgegenwärtig. "Sebastian ist super professionell, super konzentriert und verbeißt sich in jedes Detail - beeindruckend", sagt der neue Teamchef Maurizio Arrivaben: "Ich habe Michael damals ja hautnah erlebt und muss gestehen, dass mich Vettel manchmal sprachlos macht: In gewissen Dingen scheint er wie eine Kopie von Schumacher zu sein."

Ob am Ende auch der gleiche Erfolg steht? Ferrari arbeitet daran. 40 Millionen Euro wurden in einen neuen Motoren-Prüfstand investiert. Zudem wurden sämtliche Schlüsselpositionen zuletzt neu besetzt. Nachdem Teamchef Stefano Domenicali im Mai 2014 selbst seinen Hut nahm, wurden im Laufe des Jahres auch dessen Nachfolger Marco Mattiacci und der kapriziöse Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo in die Wüste geschickt. Über Winter mussten zudem Chefdesigner , Motorenchef und Technikchef gehen. Dafür warb Ferrari bei Mercedes unter anderem Jock Clear ab, den Renn-Ingenieur von Weltmeister Lewis Hamilton . Und es kam ein Mann, der schon zu Schumachers Zeiten großen Anteil am Erfolg hatte: Rory Byrne. Der ehemalige Konstrukteur, mittlerweile 71, leitet die verjüngte Technik-Mannschaft.

"Ferrari lebt wieder"

Seit Mai 2013 ist die Scuderia ohne Sieg, 2014 war für die Fans ein Jahr der gefühlten Demütigung und Schande. Platz vier in der Konstrukteurs-WM, bei den Fahrern die Plätze sechs und zwölf - indiskutabel. Doch jetzt soll es aufwärts gehen. "Es ist eine Mission", sagt Vettel. Und die geht er voller Tatendrang an. Eine Szene vom Auftakt der Testfahrten beweist das: Vize-Weltmeister Nico Rosberg wartete am Ende der Boxenausfahrt auf die Streckenfreigabe. Doch als die Ampel auf Grün sprang, zog Vettel frech am wartenden Rosberg vorbei - und fuhr als Erster auf die Strecke. Das Manöver hatte Symbolkraft. Vettel will nach vorne.

Und Ferrari hat der roten Göttin im Winter offenbar Beine gemacht. Bei den Gegnern herrscht Alarmstufe Rot. "Das Auto ist vor allem auf der Geraden verdammt schnell", staunt Mercedes-Pilot Rosberg. Vor einem Jahr betrug der Rückstand der Roten auf die Silberpfeile 1,9 Sekunden. Jetzt ist er nach Mercedes-Berechnungen auf 0,8 Sekunden geschrumpft. "Dass wir noch nicht an der Spitze sind, ist klar. Wir müssen Schritt für Schritt schauen", sagt Vettel. Schumacher holte den ersten Titel auch erst im fünften Ferrari-Jahr. Doch Ex-Pilot Christian Danner glaubt: "Ferrari lebt wieder."



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Auf einen BlickDas Fahrerfeld der Formel 1 ist kurz vor dem Saisonstart am Sonntag in Australien (6 Uhr/RTL und Sky) komplett. Manor Marussia gab gestern den Spanier Roberto Merhi (23) als zweiten Piloten neben Will Stevens (23, England) bekannt. Während Stevens in der Vorsaison ein Rennen für das mittlerweile insolvente Caterham-Team bestritten hatte, gibt Merhi beim Nachfolge-Rennstall des Marussia-Teams sein Debüt in der Königsklasse.Manor Marussia hatte erst vergangene Woche vom Automobil-Weltverband Fia die Starterlaubnis für den Auftakt erhalten. Das Team konnte aus finanziellen Gründen aber nicht an den Testfahrten teilnehmen. sid