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Riskanter Neustart so kurz vor Olympia

Schwimmen : Riskanter Neustart so kurz vor Olympia

Die deutschen Schwimmer werden künftig von zwei Bundestrainern geführt. Die neue Struktur sorgt auch für Skepsis und Kritik.

Das „Team Tokio 2020“ nimmt zwar erst ab dem heutigen Freitag offiziell seine Arbeit auf, doch für einen Ex-Weltmeister hat sich der Führungswechsel im deutschen Schwimmsport schon gelohnt. Der für die EM nicht qualifizierte Marco Koch löste gleich im ersten Versuch sein Ticket für die WM im kommenden Sommer in Südkorea – weil die Normzeiten deutlich abgeschwächt wurden.

Dies ist eine Maßnahme des neuen Kompetenzteams im Deutschen Schwimm-Verband (DSV), das nach dem Rücktritt von Henning Lambertz fast das komplette Konzept des langjährigen Bundestrainers kassiert hat. Ein riskantes Spiel, wie manche finden. „Anderthalb Jahre vor Olympia völlig neue Weichen zu stellen“, sagt der ehemalige Bundestrainer Dirk Lange: „Das kann fatale Folgen haben.“

Das Konstrukt ist im deutschen Leistungssport tatsächlich ungewöhnlich: Statt eines verantwortlichen Cheftrainers gibt es zwei neue Bundestrainer: Der Magdeburger Bernd Berkhahn führt die Nationalmannschaft als „Teamchef“ bei allen internationalen Wettkämpfen und zentralen Trainingslagermaßnahmen. Der langjährige saarländische Landestrainer Hannes Vitense, seit einem Jahr in Neckarsulm tätig, verantwortet als „Teamcoach“ die inhaltlich-methodische Planung des Olympia- und Perspektiv-Kaders. Unterstützt werden Berkhahn und Vitense von zwei Bundesstützpunkttrainern, Team-Manager Christian Hirschmann und externen Experten. Mit dieser Strategie wolle man „den Schwimmsport in seiner Gesamtheit näher an die Weltspitze führen“, sagt DSV-Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen. Der Verband schwärmt in seiner Pressemitteilung von einer „High-Performance-Strategie“.

Lange ist aber skeptisch. „Es ist wie auf einem Schiff“, vergleicht der Schwimmtrainer: „Es muss einen Kapitän geben, der die Entscheidungen trifft.“ Doch die neue DSV-Strategie zielt darauf ab, den Athleten und ihren Heimtrainern wieder mehr individuelle Freiheiten einzuräumen. Die von Lambertz angetriebene Zentralisierung, sein umstrittenes und oft nur halbherzig umgesetztes Kraftkonzept, die Verkleinerung des Teams durch harte Normzeiten – all das wurde mehr oder weniger über Bord geworfen.

„Salopp gesagt: Jeder kann jetzt machen, was er will“, sagt Lange: „Der Weg ist ungewöhnlich. Ob es auch ein moderner Weg ist, wird sich zeigen.“ Lambertz wollte diesen von Kurschilgen favorisierten Weg nicht mitgehen, auch deshalb zog er Ende des Jahres mit seinem Rücktritt die Konsequenzen.

Berkhahn steht voll hinter dem neuen Konzept, auch den abgeschwächten Normen. „Die, die wir bisher hatten, waren die anspruchsvollsten, die es auf der Welt gab. Diese Leistungsanforderung entspricht sicher nicht dem Leistungsniveau und dem gesellschaftlichen Umfeld in Deutschland“, sagt Berkhahn: „Man kann natürlich die Theorie vertreten, hohe Normen bringen hohe Entwicklungsraten. Diese Theorie hat sich nicht bestätigt.“

Auch sieht Berkhahn in der flachen Hierarchie mehr Vor- als Nachteile. „Uns ist wichtig, dass die Trainer wieder kreativ und produktiv mit den Sportlern arbeiten und nicht darauf warten, dass von außen jemand sagt, was zu tun ist“, sagt Berkhahn: „Von unserer Seite wird es keine inhaltlichen Vorgaben zum Training geben. Wir werden nicht sagen: Ihr müsst jetzt dieses bestimmte Krafttraining machen, weil alles andere nicht gut ist.“

Die neue Herangehensweise betrifft auch Berkhahn und Vitense selbst unmittelbar. Berkhahn betreut in Florian Wellbrock, der 2018 in Glasgow Europameister wurde, den neuen aufgehenden Stern im deutschen Schwimmsport, dazu dessen Freundin Sarah Köhler und Vizeweltmeisterin Franziska Hentke – also gleich drei Topathleten. Zugleich leitet er den Bundesstützpunkt in Magdeburg.

Vitense hat in Neckarsulm eine Leistungssportgruppe um sich herum und hat aus dem Saarland Olympia-Teilnehmerin Annika Bruhn sowie die Toptalente Henning Mühlleitner, Celine Rieder und Marlene Hüther mitgenommen. Lange sieht hier Interessenskonflikte aufkommen: „Damit macht man sich nicht immer und überall Freunde.“

Berkhahn nimmt die Doppel-Funktion dennoch mit Vorfreude an, auch wenn er vor zu großen Erwartungen warnt. Man werde bei Olympia „nicht 20 neue Schwimmstars an den Start bringen“, sagt der Teamchef. Es gehe vor allem darum, „diese paar Schwimmer, die eventuell eine Medaille machen können, optimal vorzubereiten“. Vor allem seine eigenen. Denn die eigentliche Macht liegt nun wieder bei den Heimtrainern der Athleten, die ohne Verbands-Vorgaben schalten und walten können.