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| 21:13 Uhr

Handball-EM in Kroatien
Prokops Verzicht auf Lemke schlägt hohe Wellen

Neu-Ulm. Der Abwehrchef der Handball-Nationalmannschaft muss bei der EM zunächst zuschauen. Kritik am Bundestrainer wird laut.

Die vorerst letzten freien Stunden genoss Christian Prokop im Kreise seiner Liebsten. Während es Torjäger Julius Kühn gestern in den Kraftraum zog und Kapitän Uwe Gensheimer beim Frisör seine Haare noch einmal in Form bringen ließ, lud der Bundestrainer die Akkus für die bevorstehende EM-Mission der deutschen Handballer zu Hause bei Töchterchen Anna und Sohn Luca auf. „Ich muss noch ein bisschen was vorbereiten, aber ich freue mich auch, die Familie zu sehen und da noch einmal Energie zu tanken“, sagte Prokop. An seiner Vorfreude auf den Abflug am Donnerstag ließ der 39-Jährige aber keinen Zweifel: „Wir sind voll motiviert.“

Kurz zuvor hatte sich Prokop mit einem Paukenschlag von seinen Spielern in den zweitägigen Kurzurlaub verabschiedet. Die Nicht-Berücksichtigung von Finn Lemke, Abwehrchef und gewissermaßen Ober-Bad-Boy beim Titelgewinn vor zwei Jahren in Polen, sorgte bei weiten Teilen des Teams laut Sportinformationsdienst (sid) für Fassungslosigkeit. Kaum einer hatte mit der Aussortierung Lemkes gerechnet, in der Kabine herrschte zum Abschluss der Vorbereitung trotz der überzeugenden Testspielsiege gegen Island minutenlang Totenstille.

Auch außerhalb des Teams schlägt Prokops Nominierung, bei der mit Rückraumspieler Fabian Wiede und Linksaußen Rune Dahmke zwei weitere Europameister zunächst hinten runterfielen, hohe Wellen. So schätzt der frühere Welthandballer Daniel Stephan das Aufgebot als sehr riskant ein. „Wenn diese Entscheidungen nicht zum erhofften Erfolg führen, kann das natürlich für ihn zum Bumerang werden“, sagte Stephan: „Viele verstehen diese Kaderplanung nicht so ganz.“ Lemke sei schließlich „wesentlicher Bestandteil und der Motor der alles überragenden Abwehr“.

Lemkes Vereinstrainer Michael Roth (MT Melsungen) zeigte sich „sehr überrascht und ein bisschen schockiert“. „Auf solche Qualität ohne Not zu verzichten, wirft Fragen auf. Wenn einer das alles mitbringt wie Lemke und keine Verletzung hat, ist es schon fahrlässig“, sagte Roth. Prokop sprach mit Blick auf die Nominierungen von der „unangenehmsten Entscheidung“ seiner bisherigen Amtszeit.

Verbandsvize Bob Hanning verteidigte das zweifellos mutige Vorgehen Prokops. „Er hat sich für sein Spielsystem entschieden, was er mit der Mannschaft spielen will und hat sich danach den Kader ausgesucht“, sagte Hanning und verwies auf die bis zu sechs Wechseloptionen im Laufe des Turniers: „Wer weiß, ob Finn Lemke im Traum-Halbfinale gegen eine der Top-Mannschaften wieder mit dabei ist. Ich finde, wir sollten jetzt abwarten, was passiert.“

Statt Lemke, Wiede und Dahmke nimmt Prokop den Rückraumspieler Maximilian Janke und Bastian Roscheck als vierten Kreisläufer mit. Beide spielen bei Prokops langjährigem Club SC DHfK Leipzig, beide feierten erst am Wochenende ihr Länderspiel-Debüt. „Es sieht schon ein wenig komisch aus, dass Roscheck und Janke von seinem ehemaligen Verein Leipzig den Vorzug bekommen haben“, sagte Stephan.

Abwehrchef Finn Lemke gehört nicht zum EM-Kader.
Abwehrchef Finn Lemke gehört nicht zum EM-Kader. FOTO: Sebastian Gollnow / dpa