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Leichtathletik-EM in Berlin
Potenzial für Drama und erfolgreiche Tage

Bei den deutschen Meisterschaften vor einem Jahr in Erfurt war Laura Müller die strahlende Siegerin über 200 Meter – in persönlicher Bestzeit (22,65 Sekunden). Heute startet Müller bei der EM in Berlin.
Bei den deutschen Meisterschaften vor einem Jahr in Erfurt war Laura Müller die strahlende Siegerin über 200 Meter – in persönlicher Bestzeit (22,65 Sekunden). Heute startet Müller bei der EM in Berlin. FOTO: dpa / Bernd Thissen
Berlin. Sprinterin Laura Müller vom LC Rehlingen greift heute bei der Heim-EM in Berlin ins Geschehen ein. Ziel ist das 200-Meter-Finale. Von Kai Klankert
Kai Klankert

Die Worte von Trainer Ulrich Knapp klingen beruhigend: „Laura hat in den letzten Tagen störungsfrei trainiert. Das waren sehr gute Einheiten auf hohem Niveau. Ich denke, es kann losgehen.“ Schützling Laura Müller, das Gesicht der Leichtathletik im Saarland, ist also bereit für ihren großen Auftritt bei der Heim-EM im Berliner Olympiastadion. Heute Vormittag steht um 11.25 Uhr der Vorlauf über 200 Meter an – und im besten Fall um 19.48 Uhr das Halbfinale.


Eine störungsfreie Vorbereitung ist die Grundvoraussetzung, um ihr Ziel zu erreichen: das Finale morgen um 20.45 Uhr. Aber so ganz selbstverständlich ist das bei Müller nicht. Ein Hauch von Drama kann bei Müllers Auftritten durchaus dabei sein, auch wenn die 22-Jährige aus Dudweiler betont: „Ich hatte in meiner Karriere schon ganz viele Rennen, auch wichtige Rennen, die ohne Probleme einfach nur gut gelaufen sind.“ Das ist auch absolut richtig, in Erinnerung bleiben aber die nervenaufreibenden Ausnahmen.

Wie im Februar 2016. Müller gewinnt bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig die 400 Meter, ist eigentlich die strahlende Siegerin, wird aber später wegen Verlassens der Bahn disqualifiziert. Ein Jahr später, im Februar 2017, wieder bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig, stößt Müller bei einem Probelauf mit einem Kameramann zusammen. Nach dem Start rennt sie mit noch gesenktem Kopf gegen den Mann, der sich auf ihrer Bahn befindet. Sie läuft zwar kurz darauf ihren Vorlauf, klagt danach aber über Schmerzen im Bereich der Halswirbel und muss auf den Finallauf verzichten.



All das ist bitter und doch nichts gegen die Erlebnisse vor genau einem Jahr in London. Müller ist in der Form ihres Lebens, kommt mit dem deutschen Meistertitel über 200 Meter und der persönlichen Bestzeit von 22,65 Sekunden zur WM. Der erste Einzelstart bei einer internationalen Meisterschaft steht an, und plötzlich werden im Hotel des Deutschen Leichtathletik-Verbandes immer mehr Sportler und Betreuer krank. Auch Müller.

Der Einzelstart ist futsch. „Ich war in Quarantäne, durfte niemanden sehen. Das war die Hölle“, erinnert sich Müller, die wenige Tage danach aber, halbwegs genesen, die deutsche 4x400-Meter-Staffel mit einer überraschend guten Leistung anführt. „Das hat mir gezeigt, welchen Willen ich habe, wie ich stark ich bin“, sagt Müller.

Diese mentale Stärke ist nun auch in Berlin gefordert, obwohl sie gesund und munter ist. Denn die gesamte Saison ist nicht wirklich rund gelaufen durch die Rückenprobleme ganz zu Anfang. Einen echten Rhythmus findet Müller nicht – kurioserweise unterbietet sie trotzdem die EM-Norm über 100, 200 und 400 Meter. Über diese drei Strecken – das hat in Deutschland zuletzt Grit Breuer 1991 geschafft. Müller hat mit Blick auf die EM die Wahl und entscheidet sich gegen ihre eigentliche Spezialstrecke, die 400 Meter, und für die halbe Stadionrunde, weil sie hier die größten Chancen sieht, ins EM-Finale einzuziehen.

Doch bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg kann sie ihren Titel über 200 Meter nicht verteidigen, bleibt in 23,11 Sekunden deutlich über ihrer Bestzeit. Das Ziel, den EM-Vorlauf als eine der besten Zwölf in Europa überspringen zu können, verfehlt sie. Dass sie im Vorfeld der DM ihren Geldbeutel mit allen persönlichen Dokumenten verliert und extrem unruhig schläft, wissen wenige, mag aber eine Erklärung sein.

Heute zählt das alles nicht mehr, wenn sie um halb zwölf im Olympiastadion steht. Trainer Knapp traut ihr eine Zeit unter 23 Sekunden zu. Den Vorlauf sollte die Sprinterin des LC Rehlingen überstehen, im Halbfinale droht ihr aber eine „K.o.-Bahn“. Da die Gesetzten auf die Bahnen drei bis sechs verteilt werden, wird Müller auf die Bahn eins, zwei, sieben oder acht kommen. „Wird es die Eins, hat sie im Grunde keine Chance auf das Finale. Die ist einfach zu schwer zu laufen“, sagt Knapp.

Aber, auch eine solche Überraschung wäre Laura Müller zuzutrauen. Und wenn der Traum vom Finale doch nicht in Erfüllung geht, muss die 22-Jährige hoffen, dass die 4x400-Meter-Staffel den Vorlauf heute (13.40 Uhr) – ohne Müller – übersteht. Das Finale ist übrigens auch hier bereits morgen Abend (21.50 Uhr). Müller könnte also innerhalb einer Stunde doppelt im Fokus stehen. Das Potenzial für ein bisschen Drama ist da, aber gleichermaßen auch für zwei rauschende und erfolgreiche Tage im Berliner Olympiastadion.