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Leichtathletin verlässt das Saarland
Der Weggang bricht „Lou“ fast das Herz

Siebenkämpferin Louisa Grauvogel musste lange überlegen, bevor sie sich für den Wechsel zu Bayer Leverkusen entschied. Den Ausschlag gab die dortige Trainingsgruppe mit anderen Spitzenathletinnen.
Siebenkämpferin Louisa Grauvogel musste lange überlegen, bevor sie sich für den Wechsel zu Bayer Leverkusen entschied. Den Ausschlag gab die dortige Trainingsgruppe mit anderen Spitzenathletinnen. FOTO: dpa / Sven Hoppe
Ottweiler. Siebenkämpferin Louisa Grauvogel verlässt das Saarland und wechselt zu Bayer Leverkusen. Den Unfall bei der EM hat sie verarbeitet. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Wie schwer Louisa Grauvogel der Schritt gefallen ist, ist ihrer Stimme deutlich anzuhören. „Es war eine super schwere Entscheidung“, sagt die Siebenkämpferin von der LG Saar 70, die am kommenden Freitag ihren 22. Geburtstag feiert. Die Ottweilerin wird das Saarland verlassen und für den TSV Bayer 04 Leverkusen starten. Vor Kurzem traf sie den Entschluss und schrieb sich an der Universität in Köln ein, um dort Biochemie zu studieren.


Durch den Abgang Grauvogels, deren Leistungskurve in den vergangenen zwölf Monaten steil nach oben zeigte, verliert der Olympiastützpunkt an der Saarbrücker Hermann-Neuberger-Sportschule nach Zehnkämpfer Luca Wieland, der vor einem Jahr nach Halle wechselte, die nächste Leichtathletik-Hoffnung.

Anders als beim zuletzt verletzten Wieland trauen Experten der Mehrkämpferin, die erst im Frühjahr wieder vom Studien- und Sportaufenthalt in den USA ins Saarland zurückgekommen war, absolute Spitzenleistungen zu. „Das Potenzial hat sie, in vielen Disziplinen ist noch Luft nach oben“, sagt Bundestrainer Ulrich Knapp, mit dem sie zuletzt in Saarbrücken trainierte. Mit 6600 bis 6800 Punkten wäre eine Medaille bei EM, WM oder Olympia durchaus drin. Knapp hat „absolut Verständnis, dass Louisa sich verändern will. Es ist natürlich superschade, dass sie das Saarland verlässt, aber das muss man so akzeptieren.“



Grauvogels Problem in Saarbrücken wäre gewesen, dass sie keine adäquate Trainingsgruppe hätte. Die brauchen Weltklasse-Athleten aber, um sich zu pushen und die eigenen Leistungsgrenzen weiter zu verschieben. „In Leverkusen habe ich mit Anna Maiwald, Caroline Klein und Mareike Arndt drei Mädels, die über 6000 Punkte erzielen“, sagt sie. In Saarbrücken weitgehend alleine zu trainieren, wäre eher ein Rückschritt gewesen. Aus ihrer Zeit am College in den USA ist sie es auch gewohnt, in einer starken Gruppe zu trainieren und sich damit nach vorne zu bringen. Gerade über ihre Spezialdisziplin 100 Meter Hürden verspricht sie sich daher unterm Bayer-Kreuz weitere Verbesserungen.

Wobei Grauvogel die Bemühungen, sie in Saarbrücken zu halten, in den höchsten Tönen lobt. Lothar Altmeyer, Präsident des Saarländischen Leichtathletik-Bundes und Leiter des Sportzweiges am Saarbrücker Rotenbühl-Gymnasium, habe ihr ein Zimmer an der Sportschule freigehalten, auch die Trainer machten alles für sie. „Alle haben sich wirklich unheimlich um mich bemüht, Sponsoren besorgt. Herr Altmeyer hat sich ganz, ganz viel Mühe gegeben. Deswegen ist die Trauer schon da. Es war so viel Unterstützung da, dass es mir das Herz gebrochen hat“, berichtet Grauvogel, deren Freund auch in Leverkusen lebt. „Ich habe mir angeschaut und lange überlegt, auch mit der Geschäftsführung in Leverkusen gesprochen“, erzählt die 21-Jährige. Bayer hat mit die größte und bekannteste Leichtathletik-Sparte in Deutschland. „Die haben eine tolle Infrastruktur, es gibt hauptamtliche Trainer, die sich auch mal mit dem Training auf mich ausrichten können, wenn ich zur Uni muss“, erzählt Grauvogel. Auch Nike als neuer Großsponsor bei Bayer passt ihr gut, weil sie selbst deren Schuhe trägt.

Momentan ist sie auf Wohnungssuche. Das Wintersemester beginnt am 8. Oktober, bis dahin soll der Umzug über die Bühne sein. Der Verein hilft dabei und bot auch eine WG an, Grauvogel will aber lieber eine eigene Wohnung. Der Kontakt mit dem in Kirkel wohnenden Weitsprung-Bundestrainer Knapp wird weiter bestehen, beide verstehen sich sehr gut. „Ich werde ab und an auch heimfahren, und er ist dann meine Kontaktperson, mit dem ich hier trainieren kann.“

Nach einer Woche Urlaub auf Sardinien sagte ihr auch der Bauch, dass es Zeit ist für eine Änderung, einen neuen Lebensabschnitt. Den Unfall bei der EM im August in Berlin hat Grauvogel mittlerweile gut verarbeitet. Kurz vor dem finalen 800-Meter-Lauf war auf dem Weg ins Hotel ein anderer Autofahrer ins Team-Fahrzeug gekracht, in dem sie und Mareike Arndt saßen. Mit 70 bis 80 Stundenkilometern. Dabei war Grauvogel auf Kurs 6300 Punkte. „Es hat lange gedauert, das zu verarbeiten.“ Die vier Zentimeter lange Wunde an der Stirn muss weiter gepflegt werden, sie wird verblassen, aber als Erinnerung bleiben. Genauso, wie sich Louisa Grauvogel immer an ihre bislang schwerste Entscheidung erinnern wird.