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„Olympisches Absurdistan“

Rio de Janeiro. Mindestens 271 russische Sportler dürfen bei den Sommerspielen in Rio an den Start gehen. Von zahlreichen Experten muss sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) deswegen heftige Kritik gefallen lassen. sid

"Desaster", "verheerende Botschaft", "blanker Zynismus": Das Internationale Olympische Komitee (IOC) um den deutschen Präsidenten Thomas Bach hat mit seiner jüngsten Entscheidung in der Russland-Frage einen Proteststurm ausgelöst. Mehr als 270 Athleten aus der des Staatsdopings überführten Nation sind in Rio dabei - der Auftakt der Spiele wurde damit für viele Experten zur Reise ins "olympische Absurdistan".



"Man kann es drehen und wenden, wie man will", sagt Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel: "Das ist ein Sieg für Bach, aber nicht für den fairen Sport." Bach persönlich steht im Kreuzfeuer der Kritik , der Vorwurf unter anderem: opportunistische Gefälligkeiten für die Sportmacht Russland. Die wohl deutlichsten Worte findet Ines Geipel , Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe. "Man möchte Herrn Bach zurufen: Das Spiel ist aus, Sie dürfen gehen. Bislang hat es im Weltsport Doping gegeben, aber nicht die Tatsache, dass das IOC den Sonderfall Staatsdoping zum großen Gewinner macht." Die 56-Jährige prangert einen "konsequent feigen Umgang" mit der "Causa Russland" an. Dies sei "nichts anderes als blanker Zynismus", ein "olympisches Absurdistan". Die Frage werde sein, "wie sich der Olympismus von der Zerstörungswut dieser Männer erholt, die mal dazu eingesetzt waren, dessen Ideen zu schützen."

Die Veröffentlichung des McLaren-Reports im Juli hatte die Rufe nach einem Komplettausschluss Russlands laut werden lassen, das IOC verzichtete auf diese radikale Maßnahme und beauftragte stattdessen die jeweiligen Weltverbände mit einer Einzelfallprüfung - mit einer Aufgabe also, die knapp drei Wochen vor dem Auftakt offensichtlich kaum zu stemmen war.

Auch am Tag der Eröffnungsfeier war längst nicht klar, wie viele weitere russische Athleten zusätzlich die Startfreigabe erhalten würden. Schwimm-Weltmeisterin Julia Jefimowa etwa war als einst überführte Doperin zunächst vom IOC gesperrt worden, wie erwartet kippte der Internationale Sportgerichtshof CAS in der Nacht zu Freitag diese Entscheidung und ließ Jefimowa und Co. wieder hoffen.

Die wohl bitterste Pointe erhält dieses Chaos durch den Fall der Whistleblowerin Julia Stepanowa. Die Russin hatte geholfen, das System in ihrer Heimat aufzudecken und ist als frühere Doperin ebenfalls gesperrt - die Grundlage zur Klage vor dem CAS entzog ihr das IOC nun aber durch die Einordnung als "neutrale Athletin". "Das ist eine verheerende Botschaft", sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes: "Weil mögliche Kronzeugen damit in Zukunft abgeschreckt werden."