| 20:37 Uhr

1. FC Saarbrücken
Durchbruch im zweiten Anlauf

Offensivspieler Gillian Jurcher, Neuzugang vom VfB Halberstadt, hat in den ersten Testspielen für den 1. FC Saarbrücken bereits getroffen.
Offensivspieler Gillian Jurcher, Neuzugang vom VfB Halberstadt, hat in den ersten Testspielen für den 1. FC Saarbrücken bereits getroffen. FOTO: Andreas Schlichter
Saarbrücken. Neuzugang Gillian Jurcher soll beim 1. FC Saarbrücken mit seiner Schnelligkeit für Tore sorgen. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Nach dem morgendlichen Training beim Fußball-Regionalligisten 1. FC Saarbrücken bleibt Gillian Jurcher noch etwas auf dem Rasen des FC-Sportfelds. Und schießt aufs leere Tor. Denn da, wo er zuletzt aufgehört hat, möchte der 21-Jährige gleich weitermachen. Beim VfB Germania Halberstadt in der Regionalliga Nordost schoss er in der vergangenen Halbserie sieben Treffer in 15 Spielen und gab vier Torvorlagen. „Es ist ja im Winter immer schwierig, neu in eine eingespielte Mannschaft zu kommen. Die Mannschaft war dann aber richtig gut in der Rückrunde“, erzählt der Offensivspieler. Sogar Drittliga-Angebote soll es nach seinen starken Auftritten in Sachsen-Anhalt gerüchteweise gegeben haben. „Wenn Gillian sein Potenzial abruft, werden wir sicher viel Freude an ihm haben“, urteilt Marcus Mann, der Sportliche Leiter beim FCS.


Am liebsten spielt Jurcher, dessen Name sich nicht englisch, sondern ganz normal deutsch ausspricht, als Rechtsaußen oder im Sturm. Eine Stärke des Hamburgers mit den schwarzen Locken und früher sogar langen Rastalocken ist seine Schnelligkeit. „Ich bin zwar relativ sicher vor dem Tor, bin aber keine Tormaschine. Aber ich möchte eine Tormaschine werden“, sagt er und grinst. Verbesserungspotenzial sieht der 1,73 Meter große Fußballer unter anderem noch bei seinem linken Fuß und im Kopfballspiel.

Jurcher ist kein Deutsch-Amerikaner, wie oft zu lesen ist. „Ich weiß nicht, wer das in die Welt gesetzt hat, aber es stimmt nicht. Meine Mutter kommt aus Südafrika, mein Vater ist Deutscher“, berichtet der 21-Jährige. Er wuchs als Einzelkind in Hamburg-Uhlenhorst auf, wurde in der Jugend beim FC St. Pauli ausgebildet. 2015 ging es zum HSV. „Dort habe ich meistens bei den Amateuren gespielt, obwohl ich noch A-Jugend hätte spielen können.“



Beim HSV II schaffte er unter Trainer Christian Titz, der jetzt die Profis trainiert, den Durchbruch aber nicht. „Vielleicht hat mir etwas die Cleverness und das Vorausschauen gefehlt, das hundertprozentige Fokussieren.“ In Jurchers Leben passierte viel, Auszug mit 18, um nicht mehr so weit zum Training fahren zu müssen, die erste eigene Wohnung mit allen Haushaltsarbeiten, das erste Auto. Vergangene Saison verlor er dann den Anschluss, war verletzt, stand nicht mehr im Kader der HSV-Amateure, die damals lange die Regionalliga Nord anführten.

„Da habe ich mir gesagt, du versuchst es noch mal. Das soll nicht alles gewesen sein, ich wollte es mir noch einmal beweisen.“ Ohne Berater transferierte er sich mit der Hilfe eines Freundes quasi selbst nach Halberstadt – und erlebte dort seinen verspäteten Durchbruch unter Trainer Andreas Petersen. „Er ist ein richtig guter Typ“, erinnert sich Jurcher an den Vater von Nationalspieler Nils Petersen. Der ging auf ihn ein, kümmerte sich viel: Parallelen zum FCS. Auch dort fühlt sich der Neuzugang, der bis 2020 unterschrieben hat, wohl im Team und im neuen Umfeld. Trainer Dirk Lottner, wie Petersen Ex-Profi, und das gesamte Team kümmern sich und geben quasi die für Fußballer nötige Nestwärme. „Das Training ist hoch professionell und strukturiert“, sagt Jurcher, auch an die größeren Umfänge hat er sich schnell gewöhnt, traf auch schon in den Testspielen und legte Tore auf.

„Ich freue mich auf die Saisoneröffnung. Hier ist alles einen Tick größer“, meint der Offensivspieler auch das Umfeld bei einem Traditionsverein wie dem FCS. „Ich fühle mich hier wohl, es macht Spaß. Und wir haben eine gute Truppe“, bemüht der 21-Jährige typische Fußballerfloskeln und ergänzt: „Hier gibt es noch viel zu lernen von den Teamkollegen, man kann sich was abschauen.“ Bei der Frage nach dem Saisonziel schaut er dann fragend zu Marcus Mann. „Oh je, darf ich das überhaupt sagen?“ Aber auch ohne es explizit zu erwähnen ist klar, dass es nach dem Meistertitel in der vergangenen Saison wieder Platz eins sein soll. Trotz der knüppelharten Konkurrenz. Aber auch im Kader der Blau-Schwarzen ist das Gerangel um die Startelf-Plätze groß. „Ich glaube, wir werden diese Saison alle zu unseren Einsätzen kommen“, erklärt Jurcher. So war es vergangene Saison durch viele Verletzungen.

Jurcher wohnt derzeit noch im Victor’s-Hotel auf dem Rodenhof, mit Mannschaftskollege Marcel Carl sucht er gemeinsam eine Wohnung. „Wir ziehen nicht zusammen, aber wir suchen ungefähr das Gleiche und können daher dann beide zu Wohnungsbesichtigungen gehen.“ Und sogar Saarländisch versteht Jurcher bisher bei Gesprächen mit den Fans halbwegs. „Nur Obi (Markus Obernosterer) hab ich nicht immer so verstanden“, sagt er lachend. Aber dafür hat er mit dem Mitspieler aus Österreich etwas gemeinsam: die Gier auf Tore.