Neureuther hat bereits einen "sehr guten Plan" für die Zukunft

Ski alpin : „Ich glaube, ich habe einen sehr guten Plan“

Der beste deutsche Skirennfahrer spricht kurz vor der Alpin-WM im schwedischen Åre über sein baldiges Karriereende.

Kein Skirennfahrer aus Deutschland hat mehr WM-Medaillen gewonnen als Felix Neureuther. Nach Gold mit dem Team 2003 holte der 34 Jahre alte Vater einer Tochter im Slalom noch Silber (2013) und zweimal Bronze (2015, 2017). Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Neureuther über die am Montag beginnende Alpin-WM in Åre und das nahende Karriereende.

Herr Neureuther, zuletzt in Schladming waren Sie sehr emotional, es wirkte wie ein Abschied. Werden Sie demnächst Ihre Karriere beenden?

FELIX NEUREUTHER Schladming war einfach Wahnsinn, da feiern dich 50 000 Menschen. Ich habe das nach meiner Verletzung einfach noch mal sehr genossen. Du weißt nie, wie oft es noch vorkommt, dass du so ein Erlebnis hast. Jetzt ist wichtig, dass es um Sport geht, dass ich mich auf die WM konzentriere. Danach werde ich Aussagen über meine Zukunft treffen.

Also gibt es die Neuigkeiten nach der WM?

NEUREUTHER Nach der WM, ja.

Werden Sie ankündigen, wann Ihr letztes Rennen steigt oder das den Fans im Nachhinein verkünden?

NEUREUTHER Schwer zu sagen. Wenn ich am Start stehe, will ich Leistung zeigen und keine Abschiedstournee machen. Solange ich Rennen fahre, geht es einzig und allein um den Sport, da will ich hundertprozentig Sportler sein.

Wer entscheidet, ob es weitergeht oder nicht?

NEUREUTHER Im Endeffekt nur ich. Meine Familie weiß schon Bescheid. Die würde es lieben, wenn ich noch zehn Jahre fahre, weil sie mir unheimlich gerne zuschaut. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, dass du den Zeitpunkt nicht verpasst. Ich finde es unheimlich schade, wenn Sportler es immer weiter mit aller Gewalt versuchen. Es gibt ein Leben danach, und das ist ein schönes. Wenn ich erkenne, dass aus meinem Körper nicht mehr rauszuholen ist, dann ist es Zeit zu sagen: So, das passt jetzt.

Hatten Sie zuletzt dieses Gefühl? Haben Sie gezweifelt?

NEUREUTHER Nein, gar nicht so. Was gibt es für einen Skifahrer Schöneres, als wenn du in Schladming vor 50 000 Menschen fahren darfst? Das ist einzigartig, das willst du immer wieder haben. Aber du brauchst auch einen Plan für die Zeit danach. Es sollte fließend übergehen vom Sportler zum Berufsleben. Ich glaube, ich habe einen sehr guten Plan und freu mich sehr darauf.

Vor Ihrer Rückkehr nach dem Kreuzbandriss im November sprachen Sie davon, wieder so stark werden zu wollen wie vor der Verletzung. Kann das noch klappen?

NEUREUTHER Ich glaube, dass es noch geht. Aber es muss alles hundertprozentig passen. Da darf nichts dazwischenkommen, keine Verletzungen, keine Allergie. Ich bin in Schladming auf einem Teilabschnitt die schnellste Zeit gefahren, auch schneller als Marcel Hirscher. Mir fehlte einfach die Konstanz, aber es steckt schon noch in mir drinnen.

Wann hatten Sie zuletzt richtig Spaß bei einem Rennen?

NEUREUTHER In Schladming im Ziel.

Und während eines Rennens?

NEUREUTHER Das war in Levi vor eineinhalb Jahren. Damals habe ich gewonnen. Ich merke im Training, dass ich schnell bin. Aber wenn die Piste eisig ist, habe ich Probleme, den richtigen Grip aufzubauen und mit den Fliehkräften zu spielen. Wenn es nicht eisig ist, dann fahr ich richtig schnell und sehr, sehr gut.

Wie wird das bei der WM sein? Freuen Sie sich auf Åre?

NEUREUTHER Eigentlich ist Åre immer recht aggressiv vom Schnee her, weil die Temperaturen sehr tief sind. Der Hang liegt mir. Ich war dort 2007 bei der WM nach dem ersten Slalom-Durchgang Zweiter und auf Medaillenkurs, habe dann leider eingefädelt. Ich freue mich, dass man dort von oben bis unten voll attackieren kann. Das will ich zeigen. Und dann ist Åre ein sehr schöner Ort mit besonderem Flair. Außerdem wird meine Familie da sein.

2007 haben Sie nach dem Ausfall Ihr Leibchen auf die Tribüne zur schwedischen Prinzessin Victoria geworfen.

NEUREUTHER (lacht) Und ich Idiot hatte vergessen, die Telefonnummer drauf zu schreiben. Vielleicht schenke ich meine Startnummer diesmal Mutter Silvia, dann bekomme ich auch zuhause keine Probleme.

Bei den vorigen drei Weltmeisterschaften reisten Sie als Medaillenkandidat an. Wie sieht es 2019 aus?

NEUREUTHER Wenn jemand an drei Weltmeisterschaften nacheinander eine Medaille gewinnt, kann man bei der vierten WM auch auf ihn zählen.

Deutschland hat mit Josef Ferstl, den Super-G-Sieger von Kitzbühel, einen unerwarteten Medaillenkandidaten. Was bedeutet das?

NEUREUTHER Die Abfahrtstruppe hat in dem Winter extrem viel mitgemacht. Es ist beeindruckend, wie die in Kitzbühel zurückgekommen sind. Das freut mich wahnsinnig, weil sie das verdient haben und weil wir mit einem Positiverlebnis vom Pepi nach Åre kommen. Ganz egal wie das ausgeht – hey, der hat in Kitzbühel gewonnen! Das ist mega! Wenn er mit der Körpersprache von Kitzbühel auch in Åre fährt, hat er große Chancen, vorne dabei zu sein.

Stichwort Familie: Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre einjährige Tochter Matilda Sie noch als aktiven Skirennfahrer sieht?

NEUREUTHER Das bedeutet mir schon sehr viel. Sie wird sich später nicht mehr dran erinnern. Aber zu wissen, dass deine Familie im Ziel auf dich wartet, das finde ich so schön, dass ich jetzt hier aufpassen muss, nicht zu weinen. Das bedeutet mir als Familienmensch alles.

Mehr von Saarbrücker Zeitung