Neureuther droht ein Abschied ohne Medaille

Ski alpin : Es droht ein Abschied ohne Medaille

Felix Neureuther steht bei der Alpin-WM in Are am Sonntag vor dem wohl letzten großen Rennen seiner Karriere.

Spätestens seit Donnerstagabend weiß Felix Neureuther nur zu gut, wie die Medaillen bei den Weltmeisterschaften in Are aussehen. Da schaute am Tisch im Party-Haus „Tirolberg“, an dem er mit seiner Frau Miriam, Mutter Rosi und Vater Christian saß, eine vergnügte Viktoria Rebensburg vorbei. Felix Neureuther umarmte Vicky, die ihr Silber mit erkennbarer Freude um den Hals trug, sekundenlang so fest, als wolle er auch die Medaille festhalten, die er am Sonntag nach dem Slalom selbst so gerne bekäme. Ganz egal, in welcher Legierung.

Vieles deutet darauf hin, dass Neureuther an diesem Sonntag das letzte große Rennen seiner bewegten Karriere fährt – und dass ihm dabei kein grandioser Abgang vergönnt sein wird. Er träumt von einer Medaille, irgendwo, sagt er, müsste ja auch noch jene „im Schnee liegen“, die er vor zwölf Jahren bei der WM an gleicher Stelle im Slalom geradezu weggeschmissen hatte. Doch auch wenn sich Neureuther jetzt wieder „als Athlet und nicht mehr als fahrendes Wrack“ fühlt: Nie scheint er beim Kampf um die drei Hauptpreise so chancenlos gewesen zu sein wie diesmal.

Der Kreuzbandriss im November 2017, danach Allergie, Daumenbruch und Schleudertrauma – wegen der vielen Trainingspausen ist Neureuther auf dem Weg nach Are arg in Verzug geraten. Er hat deshalb einen Notfallplan entwickelt: Für sein wohl letztes Medaillenrennen greift er zurück auf altbewährtes Material, weil ihm die Zeit zum Ausprobieren des neuen davongerannt ist. Vor allem will er sich auf sein in der Tat einzigartiges und begnadetes Gefühl für Ski und Schnee verlassen. Es bleibt ihm aber auch gar nichts anderes mehr übrig.

Auf dieser atemlosen Suche nach dem „jungen alten Neureuther“ ist der bald 35-Jährige im Training allerdings nicht recht weitergekommen. Am Donnerstag hat es ihn bei einem Sturz sogar derart heftig „aufgestellt“, dass Beobachter am Rande der Piste erschrocken zusammenzuckten. Kurz darauf knallte sich der verärgerte Neureuther beim Beladen seines Autos auch noch den Kofferraumdeckel auf den Kopf – Beule. „Nicht mein Tag“, sagte er mit einem Seufzer, leicht fatalistisch ergänzte er: „Ich sperre mich besser bis Sonntag im Zimmer ein.“

Eine Medaille. Eine noch. Are 2019 ist die neunte WM für Neureuther nach dem Debüt 2003 in St. Moritz (15. im Slalom). Er hat seitdem Gold gewonnen (2005 mit der Mannschaft), er ist aber ein paar Mal zum Teil grandios gescheitert beim Versuch, eine Einzelmedaille zu gewinnen: 2007 in Are, 2009 in Val d’Isere, vor allem 2011 bei den Heimrennen in Garmisch. Erst danach gelang der Durchbruch: Silber 2013 in Schladming (plus Mannschafts-Bronze), gefolgt von Bronze 2015 in Beaver Creek (hinter Fritz Dopfer) und Bronze 2017 in St. Moritz.

Die Ausgangssituation vor zwei Jahren war jener für das Rennen am Sonntag (11 und 14.30 Uhr/ZDF und Eurosport) nicht unähnlich: Neureuther, so schien es damals, hatte keine Chance. Diesmal hat er allerdings zusätzlich den Nachteil, nicht in der ersten Startgruppe fahren zu können, ihm wird eine Nummer zwischen acht und 15 zugelost, das bedeutet: Die Piste dürfte nicht mehr die Beste sein. „Man kann“, versichert Neureuther, „schon noch ein Stück weit mit mir rechnen.“ Aber eben nur ein Stück weit. Und wohl auch nicht mehr lange.

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