| 21:16 Uhr

Fußball-WM in Russland
Nach dem Ballgeschiebe folgt ein echter Kracher

Moskau. Frankreich langweilte sich ins Achtelfinale. Gegen Argentinien muss sich das nominell offensivstarke Star-Ensemble deutlich steigern.

Die gellenden Pfiffe im Moskauer Luschniki-Stadion waren kaum verklungen, da musste die so stolze Équipe Tricolore die nächsten Prügel einstecken. „Peinlich“, „respektlos“ und „eine Farce“ sei das an Langeweile kaum zu überbietende Ballgeschiebe der Franzosen gegen Dänemark gewesen, urteilten die heimischen Medien harsch. Die renommierte Sportzeitung L‘Équipe sah im ersten 0:0 des Turniers gar „das schlechteste Spiel der WM“.


Dem Titelfavoriten selbst war dies jedoch herzlich egal. „Weder die Dänen noch wir wollten viel Kraft verbrauchen. Wir sind im Achtelfinale, das ist das Wichtigste“, verteidigte Antoine Griezmann den 90-minütigen Sommerkick. „Regelrecht peinlich“ sei das Spiel gewesen, „mir taten die Zuschauer leid“, schimpfte dagegen Russlands WM-Cheforganisator Arkadi Dworkowitsch. Griezmann dazu lapidar: „Ich bitte um Entschuldigung, wenn unser Fußball für die Fans nicht attraktiv war.“

Allerdings liest sich das nackte Ergebnis der Vorrunde hervorragend: ungeschlagen zum Gruppensieg. Das Ticket für die K.o.-Runde war ohnehin schon vor dem abschließenden Duell gebucht. Auch deshalb zeigte sich Trainer Didier Deschamps irritiert ob der Kritik. „Nein“, sagte der Weltmeister von 1998, „das war natürlich nicht das Spiel des Jahres.“ Doch das sollte es auch gar nicht sein. „Wir wollten den ersten Platz sicherstellen, das haben wir geschafft. Wir haben das Notwendige getan“, erklärte er.



Statt mit begeisterndem Spektakel schlich das mit Offensivkünstlern gespickte französische Star-Ensemble mit biederem Beamtenfußball durch die Vorrunde. Schon gegen Australien (2:1) und Peru (1:0) brachten Kylian Mbappé und Co. ihre PS nur selten auf die Straße. Gegen Dänemark schonte Deschamps gleich sechs Stammspieler, den Skandinaviern reichte ein Punkt zum ersten Achtelfinale seit 16 Jahren – der müde Kick war das logische Ergebnis.

Ohnehin hatte Deschamps den Blick vor dem Spiel gegen defensive Dänen, die es nun mit den zu Geheimfavoriten aufgestiegenen Kroaten zu tun bekommen (Sonntag, 20 Uhr), voll auf das Achtelfinale gerichtet. „Topteams wie Spanien, Deutschland und Brasilien haben sich bislang sehr schwer getan“, sagte er und verteidigte seine Rotation: „Diese Mannschaften können sich das nicht leisten. Das kann für uns vielleicht ein Vorteil sein. Und das müssen wir natürlich ausnutzen.“

Ausgeruht dürften Griezmann, Kylian Mbappé und Co. jedenfalls sein. Denn „Les Bleus“ müssen sich im Achtelfinale am Samstag (16 Uhr) gegen Vizeweltmeister Argentinien mit Superstar Lionel Messi deutlich steigern, auch wenn die Gauchos in der Vorrunde schwächelten. „Argentinien bleibt Argentinien. Ich hoffe, wir müssen nicht gegen sie spielen. Wenn ich ehrlich bin, würde ich lieber gegen Nigeria spielen“, sagte vorher Stürmer Olivier Giroud. Sein Wunsch wurde nicht erfüllt.

Deschamps macht sich hingegen keine Sorgen, dass sein Team nocht vom Schon- in den Vorwärtsgang schalten könnte. „Jetzt startet ein zweiter Wettbewerb“, sagte der 49-Jährige: „Es liegt ein Berg vor uns. Von jetzt an wird es immer schwerer. Wir bleiben demütig, sind aber weiter ambitioniert.“ Er bemerkte: „Wir hatten viele Chancen.“ Alleine die Ausbeute ist bislang mickrig, mit Harry Kane (fünf Tore) und Romelu Lukaku sowie Cristiano Ronaldo (je vier) trafen gleich drei Einzelspieler anderer Länder häufiger.

Mit Giroud als 9 oder ohne? 4-2-3-1 oder 4-3-3? Griezmann auf dem Flügel oder als Zehner hinter drei Offensiven? Multi-Millionen-Mann Ousmane Dembélé raus oder rein? Deschamps hat im Angriff noch immer nicht die zentralen Fragen beantwortet, Frankreich wirkt wie ein Rätsel. Während sich ein defensives Gerüst mit einer Viererkette sowie dem in Russland stark aufspielenden Sechser N‘Golo Kanté formiert hat, wird vorne immer wieder rotiert. Der Auftrag ist jedenfalls klar: Die Grande Nation will nun endlich die ersehnte Gourmetkost serviert bekommen, Chefkoch Deschamps muss die reichhaltigen Zutaten zu einem schmackhaften Gericht zusammenrühren. Die gewünschte Speisekarte konnte er schon in der Zeitung L‘Équipe lesen. „Nach dem Eintopf das Menü“, forderte diese.