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Olympische Winterspiele in Südkorea
Moderne Technik hilft im Kampf gegen die innere Uhr

Die Kombinierer um Johannes Rydzek setzen in Sachen Biorhythmus auf Lichtbrillen.
Die Kombinierer um Johannes Rydzek setzen in Sachen Biorhythmus auf Lichtbrillen. FOTO: Jfk / dpa
Pyeongchang. Die deutschen Olympioniken gehen mit unterschiedlichen Methoden mit den Folgen der Zeitumstellung in Südkorea um.

Die Kombinierer Johannes Rydzek und Eric Frenzel probieren es mit hypermodernen Lichtbrillen, Skisprung-Olympiasiegerin Carina Vogt setzt auf langen Schlaf: Der Kampf um Olympia-Medaillen wird in Pyeongchang ein Kampf gegen die Uhr – vor allem gegen die innere. „Es findet alles später als gewohnt statt. Wichtig ist, dass wir vom Biorhythmus gut aufgestellt sind“, sagt Olympia­sieger Frenzel. Frei nach Stephan Remmler: Der Rhythmus, bei dem jeder mit muss, entscheidet in Südkorea über Erfolg und Scheitern.



Der antrainierte Wohlfühlmodus der Mitteleuropäer kassiert einen dreifachen Keulenschlag, angefangen mit dem Mammutflug nach Fernost als unvermeidbarer Belastung. Wie damit umzugehen ist, daran scheiden sich die Geister. „Man soll nicht schon komplett kaputt in den Flieger einsteigen“, sagt Österreichs Alpin-Ass Marcel Hirscher.

Andreas Bauer, Bundestrainer der deutschen Skispringerinnen, bittet hingegen zur Arbeit: „Unmittelbar davor und danach braucht es Athletik-Training, damit die Auswirkungen des Fluges möglichst gering bleiben.“ Nicht von ungefähr spendierte der DOSB besonders großen und schweren Athleten wie den Bobfahrern aus den Mitteln der „Siegerchance“-Lotterie Flüge nach Südkorea in der Business Class.

Keulenschlag zwei ist die Zeit­umstellung. „Die ist schon krass“, sagt Biathlet Erik Lesser. Acht Stunden Zeitunterschied setzen einem Hochleistungskörper gehörig zu. „Wenn der Magen zu einer Zeit arbeitet, zu der man eigentlich schläft, ist das ziemlich belastend“, sagt Kombinations-Bundestrainer Hermann Weinbuch.

Hieb Nummer drei: Um europäischen Fernseh-Gewohnheiten zu entsprechen, wurden die Wettkämpfe in den Abend geschoben. Im Skispringen geht es erst gegen 21.30 Uhr los – was, um den Körper vollends zu verwirren, den gebräuchlichen deutschen 13.30 Uhr entspricht. Zwischen Aufstehen und Wettkampf vergehen aber nicht die gewohnten sechs, sondern das doppelte an Stunden. „Wenn man einen Abendwettkampf hat, muss man den Tag irgendwie rumkriegen und nicht müde ins Rennen gehen, weil man davor zu viel gemacht hat“, sagt Biathlet Benedikt Doll. Nacht­eulen wie Carina Vogt sind im Vorteil: „Ich gehe sowieso lieber spät ins Bett und schlafe morgens länger“, sagt die Sotschi-Siegerin. Alle anderen müssen tricksen.



Dabei hilft die Technik. Der Deutsche Skiverband hat mit Hersteller Osram spezielle Lichtbrillen entwickelt, mit denen sich der Biorhythmus von den Real-Bedingungen entkoppeln lässt. „Mit dem Licht wollen wir Zellen im Auge ansprechen, die für die innere Uhr verantwortlich sind“, sagt Osram-Biologe Andreas Wojtysiak: „In der Natur wird das über die Blaukomponente des Himmels geregelt. Das kann man nachstellen, dafür bauen wir spezielle Leuchten.“

Die DSV-Kombinierer nutzten schon in der unmittelbaren Olympia-Vorbereitung Brillen mit jenen Leuchten, konnten ihrem Innenleben somit im Stockdunklen den helllichten Tag vorgaukeln – oder umgekehrt. „Drei, vier Tage vor Reisebeginn wird angefangen“, sagt Bundestrainer Weinbuch: „Korea ist acht Stunden voraus, das heißt, dass wir daheim in der Früh sehr viel sehr helles Licht brauchen.“

Wunder vollbringen die Brillen nicht. „Man kann nicht auf einen Schlag mehrere Stunden aufholen“, sagt Wojtysiak, „die Faustregel sagt, dass man pro Stunde Zeitverschiebung einen Tag benötigt. Mit Lampen können wir das halbieren.“ Man kann Biorhythmus und Co. also wissenschaftlich angehen. Oder man kann es halten wie Mark Kirchner. „Je weniger man sich mit diesem ganzen Quatsch beschäftigt“, sagt der Biathlon-Bundestrainer, „umso einfacher ist es.“