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LSVS-Skandal: „Mit uns Sportlern hat nie jemand gesprochen“

LSVS-Skandal : „Mit uns Sportlern hat nie jemand gesprochen“

Die Athletensprecherin des Olympiastützpunktes in Saarbrücken kämpft gegen die Schockstarre im Zuge des LSVS-Skandals an.

Der Finanzskandal beim Landessportverband für das Saarland (LSVS) beschäftigt auch die Spitzensportler in der Region. Ruderin Anja Noske (31) gibt ihnen eine Stimme – als Athletensprecherin am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. Nun hat sich die Olympia-Teilnehmerin der „Allianz für die Zukunft des Saarsports“ angeschlossen. Die Gruppe um Tim Meyer, Sportmediziner an der Saar-Uni und Arzt der Fußball-Nationalmannschaft, will das Stimmungstief durch die Affären beim LSVS überwinden (wir berichteten). Im SZ-Interview spricht Noske über diese Initiative und die Situation der Athleten im Land.

Frau Noske, Sie sind die einzige aktive Sportlerin in der „Allianz für die Zukunft des Saarsports“. Wieso beteiligen Sie sich an diesem Bündnis?

ANJA NOSKE Weil ich im Saarsport groß geworden und zu Hause bin. Weil ich eine mündige Athletin bin, die sich viel mit den Hintergründen beschäftigt, die reflektiert. Und weil ich will, dass die guten Strukturen, die wir hier haben, erhalten bleiben – auch für nachfolgende Generationen. Ich sehe es natürlich auch als eine meiner Pflichten als Athletensprecherin an, in so einem Fall unseren Athletinnen und Athleten eine Stimme zu verleihen.

Was versprechen Sie sich von dem Zusammenschluss?

NOSKE Dass wir in den Köpfen im Stadtwald wieder den Zukunftsgedanken wecken, dass wir wachrütteln und klarmachen: Es ist echt super im Saarland, aber wir müssen etwas daraus machen.

Ihre „Allianz“ hat einen Appell an Sport und Politik gerichtet. Was sind für Sie die wichtigsten Forderungen?

NOSKE Man muss aus der Schockstarre, die zu spüren ist, wieder herauskommen, sich wieder auf den Sport konzentrieren. Stillstand ist gerade für uns Sportler Rückschritt. Wir brauchen das Signal: Es geht weiter!

Welche Stimmung herrscht unter Ihren Kollegen?

NOSKE Wir stecken mitten in unserem Trainingsalltag und müssen dann ständig Hiobsbotschaften zum Saarsport hören. Davon sind einige inzwischen so grotesk, dass man sich nur mit Sarkasmus zu helfen weiß. Ich will aber nicht sagen, dass die Stimmung in Richtung Resignation geht. Wir stellen uns aber die Fragen: Was wird sich ändern, was wird gemacht? Anfangs hieß es: Es wird keine Auswirkungen auf die Fachverbände haben. Und dann doch. Wenn Gelder gestrichen werden müssen, welche Auswirkungen hat das auf uns Sportler?

Man hört von Zukunftsängsten. Erleben Sie die auch?

NOSKE Ich kann nur von mir selber reden. Und ja, die Zukunftsangst besteht bei mir schon. Meine Karriere wird sich nach Tokio (Olympia 2020, Anm. der Redaktion) dem Ende entgegen bewegen, aber bis dahin sind es noch zwei Jahre – und die müssen irgendwie finanziert werden. Das kann ich aus eigener Tasche nicht schaffen. Umso größer ist in dieser Situation bei mir die Unsicherheit.

Wie macht sich der Finanzskandal in Ihrem Alltag bemerkbar?

NOSKE Im Trainingsalltag ist das natürlich überschaubar, das Training läuft ja weiter. Aber es heißt regelmäßig, dass kein Geld da sei. Ich kann meinen Ruderverein als Beispiel nennen: Wir wissen einfach nicht, welche Gelder noch bewilligt werden. Und so bleiben wichtige Fragen unbeantwortet: Wie gestalten wir ein Trainingslager, wie organisieren wir Fahrten zu Regatten? Es ist ein Rattenschwanz. In dieser Situation kann keiner planen. Dabei bräuchten wir gerade jetzt eine gewisse Sicherheit, um unsere Leistungen abrufen und ein Signal setzen zu können.

Der Sport hat offenbar lange über seine Verhältnisse gelebt. Ist das auch Thema unter den Aktiven?

NOSKE Weniger. Und ich finde, wir müssen differenzieren: Wir leben ja im Leistungssport außerhalb des Fußballs nicht in Saus und Braus. Deshalb waren die Investitionen notwendig für unseren Erfolg. Wir Athleten haben sicherlich nicht über unseren Verhältnissen gelebt, sondern waren froh, diese Rahmenbedingungen zu haben.

Schon vor der LSVS-Affäre standen Top-Athleten vor einer unsicheren Zukunft – durch die nicht abgeschlossene Spitzensportreform. Welche Auswirkungen kann dieser Zustand auf Dauer haben?

NOSKE Der Zustand ist unhaltbar. Die Reform hat uns in eine fatale Situation gebracht. Auch hier fehlt uns das Gefühl der Sicherheit. Der deutsche Sport wird sich so zu Grunde richten. Ich denke, dass man schon in Tokio große Auswirkungen feststellen wird – negativer Art.

Minister Klaus Bouillon (CDU) kündigte vor dem Skandal eine „Sportoffensive“ im Saarland an. Als Vorsitzender der Sportministerkonferenz wollte er auf Bundesebene die Spitzensportreform vorantreiben. Welche Signale erhalten Sie derzeit aus seinem Ministerium?

NOSKE Keine. Aber ich habe noch die Hoffnung auf diese Signale, wenn der Blick rund um den LSVS mal wieder nach vorne gerichtet wird.

Sind die Entscheider im Saarsport für Sie greifbar?

NOSKE Dazu kann ich leider gar nichts wirklich sagen. Wir sehen alle zu, dass wir unseren Alltag bewältigen und uns auf unseren Sport fokussieren. Selbst ich als Athletensprecherin. Dann noch aus eigener Initiative mit den entsprechenden Stellen und Personen zu sprechen, das geht über unsere Ressourcen hinaus. Aber vielleicht werden ja einige Amtsträger durch unseren Appell wach und suchen mal das Gespräch mit uns.

Fühlen sich die Aktiven ausreichend informiert?

NOSKE Wir sprechen untereinander, wir entnehmen diversen Medien sehr viel. So bekommen wir mit, was passiert. Direkt mit uns hat aber nie jemand gesprochen. Wobei dieser Skandal für uns nur ein sehr kleiner Nebenschauplatz sein sollte. Weil der Sport in der Spitzengruppe so viel Anstrengung und Kraft fordert. Daneben muss man seine private Situation wuppen. Umso mehr bräuchten wir eine gewisse Rückendeckung.

Die „Allianz“ wird angeführt von DFB-Arzt Tim Meyer. Er warb auch bei Ministerpräsident Tobias Hans für ein Signal an die Sportler. Wünschen Sie sich so etwas – wenn ja, von wem?

NOSKE Auf jeden Fall, relativ egal, von welcher Seite. Jemand sollte uns Sportlern mal darlegen, was eigentlich passiert ist, wenigstens in groben Zügen. Was wir jetzt machen. Wo es hingeht. Dass man als Sportler sagen kann: Hier wird sich auch um uns gekümmert, hier wird nicht nur unsere Leistung genommen, sondern wir bekommen wieder ein bisschen Anerkennung, werden eingebunden. Es geht um den Standort Saarland. Dazu gehört die sportliche Organisation, die Politik, aber dazu gehört auch der Athlet.

Haben Sie den Eindruck, dass sich bereits Athleten vom Saarland abwenden?

NOSKE So viele Athleten sind es im Saarland leider gar nicht mehr. In der Grundstimmung versucht sich jeder zu sagen: Komm’, wir schaffen das irgendwie. Aber es ist auch einigen klar: Wenn es hier nicht weitergeht, geht es auch für einen selber nicht weiter.

Die Hermann-Neuberger-Sportschule wird von Funktionären und Politikern in höchsten Tönen gelobt. Wie beurteilen die Aktiven die Infrastruktur?

NOSKE Es ist einer der besten Orte in Deutschland, um Sport zu treiben. Die Infrastruktur ist großartig. Wir haben vielleicht nicht jede Sportart hier, aber sehr viele, und denen sind nahezu optimale Möglichkeiten geboten.

Das „Haus der Athleten“ oder die Mensa an der Sportschule erscheinen durch den Skandal hauptsächlich als Kostenfaktoren. Welche Rolle spielen diese Einrichtungen im Alltag der Sportler?

NOSKE Das „Haus der Athleten“ ist essentiell. Ich wohne da schon sehr lange. Man hat einen Rückzugsort, man kann kurz zwischen Uni und Training mal dort vorbei. Finanziell ist es eine Riesenentlastung für Sportler. Dass sich so ein Haus nicht von selber trägt, ist klar. Das gilt auch für die Mensa. Unser Zeitbudget ist sehr knapp, und da sind solche Einrichtungen mit kurzen Wegen einfach wahnsinnig wichtig.

Rührt der Skandal auch an der gesellschaftlichen Akzeptanz des Saarsports?

 Athletensprecherin Anja Noske, geboren am 10. Juni 1986 in Lüneburg, hat in ihrer Karriere mehrere WM- und EM-Medaillen gewonnen.
Athletensprecherin Anja Noske, geboren am 10. Juni 1986 in Lüneburg, hat in ihrer Karriere mehrere WM- und EM-Medaillen gewonnen. Foto: dpa/Soeren Stache

NOSKE Besonders fasziniert hat mich bisher immer der Stellenwert des Sports hier im Saarland, die Anerkennung in der Gesellschaft. Im nationalen Vergleich haben wir hier fast englische Verhältnisse, wo Athleten vieler Sportarten eine große Wertschätzung erfahren – Olympioniken sind dort Stars. Die zurzeit sehr starke Fokussierung auf den Finanzskandal des LSVS trübt die Sicht auf den Saarsport, hier muss schleunigst gegengearbeitet werden. Vor allem auch, weil nur so die Werte, die den Sport ausmachen – wie Leistung, Fairplay, Miteinander – auch wieder in die Gesellschaft transportiert werden können.