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Mit hohen Ansprüchen nach LondonNeues Leistungszentrum soll "offen für alle" sein

Mit hohen Ansprüchen nach LondonNeues Leistungszentrum soll "offen für alle" sein

Saarbrücken. Robin Hood und Wilhelm Tell sind die Berühmtesten ihrer Zunft. Wenn sie mit ihrem Bogen etwas anvisierten, flog der Pfeil mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks in sein Ziel. Für ihre Künste sind sie heute noch weltberühmt. Nicht ganz so prominent ist Katharina Schett

Saarbrücken. Robin Hood und Wilhelm Tell sind die Berühmtesten ihrer Zunft. Wenn sie mit ihrem Bogen etwas anvisierten, flog der Pfeil mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks in sein Ziel. Für ihre Künste sind sie heute noch weltberühmt. Nicht ganz so prominent ist Katharina Schett. Doch die saarländische Bogenschützin hat sich spätestens durch ihre Teilnahme an den Paralympics 2008 in Peking einen Namen gemacht. "Das war damals natürlich alles sehr beeindruckend. Ich war ja gerade erst 16 und beim Wettkampf dementsprechend nervös. Aber ich habe viel daraus gelernt", erzählt Schett rückblickend von ihrem Erlebnis in Fernost.Fast vier Jahre später stehen die nächsten Spiele vor der Tür: die Paralympics in London vom 29. August bis 9. September. Zwar ist die Nominierung des Kaders erst für den 21. Juli terminiert, doch im Grunde genommen ist die Teilnahme der durch einen Wirbelspalt (Spina bifida) gehandicapten 19-Jährigen so gut wie perfekt. "Im Mai gibt es noch einmal drei Qualifikations-Turniere, bei denen ich eine bestimmte Punktzahl erreichen muss. Aber das ist machbar", gibt sich Schett optimistisch. Das kann sie auch sein, denn schließlich hat das Nationalmannschaftsmitglied im vergangenen Jahr beim Weltcup im englischen Stoke Mandeville den Quotenplatz für Deutschland herausgeschossen. Damit gilt sie ohnehin als Favoritin auf den Startplatz.

Dementsprechend ist ihr Trainingsplan auch auf das Großereignis im Spätsommer ausgerichtet. "Nach der WM im vergangenen Juli in Turin haben wir angefangen, uns auf die Paralympics vorzubereiten. Katharina hat zwischenzeitlich zwar noch ihr Abitur gemacht, aber wir liegen voll im Soll", sagt Trainer Alfred Motsch.

Der Plan sieht täglich zwei Einheiten vor: Schieß-, Kraft-, Athletiktraining und Physiotherapie wechseln sich ab. Ein straffes Programm, doch seit Dezember haben sich Schetts Trainingsbedingungen rapide verbessert. Die Bogen-Virtuosin aus Dillingen zog ins Haus der Athleten an den Olympiastützpunkt nach Saarbrücken, wo sie gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. "Ich kann jetzt quasi aus meinem Zimmer ins Training fallen", verweist Schett lachend auf die kurzen Wege an der Sportschule.

Da der Weg nach London ebenfalls nicht ganz so weit ist, rechnet die Bogenschützin von der BRS Gersweiler mit Unterstützung aus der Heimat. "Ich weiß von vier Leuten aus dem Saarland, dass sie hinfahren. Und von meiner Familie wird hoffentlich auch jemand vorbeischauen", wünscht sich Schett schmunzelnd heimatlichen Beistand, damit sie ihre durchaus hoch gesteckten Ziele erreicht: "Ich will mich sportlich von einer besseren Seite als in Peking zeigen und unter die ersten Zehn kommen."

Ein hoher Anspruch, der sich im Saarland außer ihr momentan niemand stecken kann. In Gersweiler sind mit Georg Winter, Sibille Gräß und Susanne Winter noch drei Schützen aktiv, die national vorne mitmischen. Doch dann sieht es mau aus. Vielleicht kann die neue Bogenschießanlage in Gersweiler Abhilfe schaffen und die Talentsuche forcieren - damit es in Zukunft nicht nur Katharina Schett mit Robin Hood und Wilhelm Tell aufnehmen kann.Gersweiler. Ruhig und friedlich geht die Natur auf der Grünfläche hinter der Grundschule Gersweiler ihrer Arbeit nach. Das einzig "Wilde" an diesem Ort ist der unkontrollierte Graswuchs. Doch schon bald durchlöchern Pfeile die idyllische Atmosphäre. Nein, das Areal wird nicht zum Kampfgebiet erklärt, allenfalls zu einem Wettkampfgebiet. Denn hier entsteht in den nächsten Monaten eine barrierefreie Bogenschießanlage. "Wetterbedingt ist noch nicht viel passiert. Aber wir wollen die Anlage eigentlich bis Juli aufgebaut haben", erläutert Edmund Minas, stellvertretender Landesvorsitzender Sport des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes (BRS) Saarland und 1. Vorsitzender der BRS Gersweiler.

Ist bis Juli alles wie geplant fertig gestellt, könnte sich Katharina Schett vor ihrer wahrscheinlichen Teilnahme an den Paralympics in London (29. August bis 9. September) noch den letzten Feinschliff in Gersweiler holen. Die 19-Jährige ist das Aushängeschild des Clubs und ein gewichtiger Grund für den Bau, wie Minas deutlich macht: "Der Hauptgrund ist, für Katharina einen Trainingsplatz zu schaffen, auf dem sie immer trainieren kann. Wenn man eine Medaille will, muss man sich unter besten Bedingungen vorbereiten können."

Ungeachtet dessen wird die Anlage nicht nur für die A-Kader-Athletin errichtet, denn schließlich kostet sie stolze 153 000 Euro. Zwei Drittel davon werden vom Sozialministerium und der Sportplanungskommission zugesteuert. Die Stadt übernimmt die Planierung des Geländes. Den restlichen Betrag zahlt die BRS Gersweiler. "Wir haben einige Zeit gespart und können das Geld nun verwenden", sagt Minas.

Schett steht zwar im Mittelpunkt, doch es wird ein landesweites Leistungszentrum für den Bogenschießsport entstehen, aus dem auch zukünftig Talente hervorgehen sollen. "Das ist wie mit dem Huhn und dem Ei. Was war zuerst da? Wenn ich etwas aufbauen will, muss ich auch etwas anbieten. Und wenn ich neue Schützen heranziehen will, brauche ich einen festen Schießplatz", veranschaulicht Minas die Notwendigkeit des Projektes.

Von diesem soll auch die ortsansässige Grundschule profitieren. Landestrainer Alfred Motsch leitet dort seit einigen Monaten eine Bogenschieß-AG, die künftig auf der professionellen Anlage stattfinden kann. "Damit geht ein Traum in Erfüllung. Die Kinder sind mit sehr viel Spaß dabei, und einige haben durchaus Talent. Außerdem hat Bogenschießen einen hohen erzieherischen Wert", verweist Motsch auf den pädagogischen Aspekt. Neben der Kooperation mit der Grundschule ist eine Zusammenarbeit mit dem Schützenverband Saar geplant. Minas betont, dass der Platz "offen für alle" sei.

Bislang ist das Gelände auch offen für alle, denn es liegt noch brach. Die BRS Gersweiler hat das Grundstück für 30 Jahre von der Stadt gepachtet und erschließt es nun auf 120 mal 40 Metern. Es soll 13 Bahnen mit einer maximalen Länge von 90 Metern geben. Um die Fläche zu begradigen, muss der hintere Teil mit Erde aufgeschüttet werden. In den vorderen Bereich kommt eine kleine Unterkunft, welche die sanitären Anlagen, einen Konferenzraum, eine Küchennische und einen Geräteraum beherbergt. Die Pläne wurden von Manfred Ruth entworfen, der für das Ingenieurbüro Schiffer & Partner aus Saarbrücken arbeitet. "Manfred ist Geschäftsführer des SV Gersweiler, und da kennt man sich eben. Wir haben ihn gefragt, und er hat sich sofort bereit erklärt, uns zu helfen", berichtet Minas von der Unterstützung und familiären Atmosphäre unter den ortsansässigen Vereinen. Die friedliche Atmosphäre an dem beschaulichen Ort hinter der Grundschule ist indes bald Geschichte - denn ab Juli sausen hier die Pfeile durch die Luft. hej

"Ich habe

viel daraus gelernt."

Katharina Schett über ihre ersten Paralympics

Hintergrund

Im Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Saarland gibt es zurzeit sechs aktive Bogenschützen. Deutlich höher liegt die Zahl beim Schützenverband Saar, wo etwa 500 Athleten gemeldet sind. Diese trainieren auf etwa 50 Plätzen im ganzen Saarland. "So genau kann man das nicht beziffern, da die Bogenschießsparte meist in den Schützenvereinen integriert ist", erklärt Elke Wolpert, Referentin für Bogenschießen beim Schützenverband Saar.

Ein Leistungszentrum, wie es für den Behindertensport in Gersweiler entstehen soll, gibt es im nichtbehinderten Bereich an der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken. "Der Landeskader wird von Dieter Henkes geleitet und trainiert dort in der Handballhalle und auf dem Rasenplatz. Momentan besteht der Kader aus 20 Schützen", erläutert Verbands-Vertreterin Wolpert. hej

Auf einen Blick

Neben Katharina Schett kämpfen aus dem Saarland Leichtathletin Claudia Nicoleitzik und Rollstuhlfahrer Stefan Strobel um die Teilnahme an den Paralympics in London. Während Medaillenkandidatin Nicoleitzik fest mit einem Start rechnen kann, ist der Weg für Strobel schwieriger. Da der Rollstuhl-Marathon in seiner Startklasse nicht stattfindet, muss er umlernen: Seit Herbst trainiert er für den 100-Meter-Sprint.

Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ
Auf diesem Gelände hinter der Grundschule in Gersweiler wird in den kommenden Wochen eine barrierefreie Bogenschießanlage entstehen - das neue Leistungszentrum. Foto: Minas/SZ

In Zukunft kann das Saarland mit weiteren Teilnehmern rechnen - in den Startlöchern stehen Rollstuhlfahrer David Scherer sowie Nicole Nicoleitzik, Vanessa Braun, Sophie Margardt, Baschira Tahar (alle Leichtathletik) und Joshua Wagner (Tischtennis). red