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European Championships: „Mini-Olympia“ als Testlauf für Tokio

European Championships : „Mini-Olympia“ als Testlauf für Tokio

Sieben Sportarten tragen in den kommenden Tagen zeitgleich ihre Europameisterschaften aus – sechs davon in Glasgow.

Olympische Spiele im Miniatur-Format. So werden die European Championships genannt. Gleich sieben Sportarten tragen in den kommenden Tagen ihre kontinentalen Titelkämpfe aus – sechs in Glasgow, eine in Berlin. Und weil mit den Schwimmern, Turnern und Leichtathleten gleich drei olympische Kernsportarten vertreten sind, die ihre EM-Zeitpläne aufeinander abgestimmt haben, ist das Bild vom Miniatur-Format gar nicht so falsch – und bietet eine gute Übersicht, wo in etwa der saarländische Sport steht zwei Jahre vor den „echten“ Olympischen Spielen in Tokio.

Während der hiesige Landessportverband für das Saarland (LSVS) bereits seit fast einem Dreivierteljahr in seiner Finanzkrise gefangen ist, verbunden mit einer gedrückten, in Teilen miserablen Stimmung an der Hermann-Neuberger-Sportschule, müssen die Sportler und Trainingsgruppen für sich einen Weg finden, ihr Tun unabhängig davon in den Mittelpunkt zu rücken. Zumal in einzelnen Sportarten, etwa im Badminton, der Qualifikations-Zeitraum für die Spiele bereits angelaufen ist. Wie sich die LSVS-Krise direkt auf die Olympia-Hoffnungen und -Perspektiven des Saarsports auswirkt, lässt sich noch nicht abschätzen. Die künftig eingeschränkten finanziellen Mittel könnten sich mitunter erst vier Jahre später, 2024 in Paris, bemerkbar machen.

Diese Spiele quasi vor der eigenen Haustür werden Christoph Fildebrandt (29) und Andreas Waschburger (31) nicht mehr erleben. Tokio wird ihr letztes großes Ziel sein. Und auf dem Weg dahin machen die beiden Schwimmer nun Station in Glasgow – als einzige Vertreter des Saarländischen Schwimmbundes (SSB). Der Wechsel von Landestrainer Hannes Vitense vor mehr als einem halben Jahr nach Neckarsulm bedeutete eine Zäsur für den SSB. Vitense hat nicht nur Olympia-Teilnehmerin Annika Bruhn, sondern auch Toptalente wie Henning Mühlleitner, Celine Rieder und Marlene Hüther mitgenommen. Dem neuen Landestrainer Felix Weins ist sozusagen die Spitze weggebrochen – bis auf Beckenschwimmer Fildebrandt, der in Glasgow in der deutschen 4x100-Meter-Staffel gesetzt ist, und Freiwasserschwimmer Waschburger, der nach der verpassten Teilnahme an den Spielen in Rio de Janeiro über die Zehn-Kilometer-Distanz einen letzten großen Anlauf zur Weltspitze unternimmt.

Weltspitze – da ist Pauline Schäfer bereits angekommen. WM-Bronze am Schwebebalken 2015 in Glasgow, WM-Gold am Schwebebalken 2017 in Montréal. Die 21-Jährige aus Bierbach ist nicht nur das Aushängeschild des Saarländischen Turner-Bundes (wenngleich sie seit 2012 in Chemnitz lebt), sie ist der Star des deutschen Turnens. Nach Montréal hat sich Schäfer eine Auszeit gegönnt, nun kehrt sie nach Glasgow zurück, an den Ort ihres erstes großen internationalen Erfolgs. Schäfer sollte auch für Tokio gesetzt, vielleicht sogar in Begleitung ihrer jüngeren Schwester Helene sein, die mit ihr in Chemnitz lebt. Für den STB wäre dies ein Segen, denn in der Heimat sind die Perspektiven ungleich schwieriger. Die dringend erforderliche Sanierung der Turnhalle an der Sportschule liegt im Zuge des Finanzskandals beim LSVS auf Eis.

Richtig heiß wird es kommende Woche für die deutschen Leichtathleten. Seit Rio ist der gesamte Fokus des Deutschen Leichtathletik-Verbandes auf die Heim-EM in Berlin gerichtet. Die Titelkämpfe im Olympiastadion sollen zum rauschenden Fest werden, und dazu sollen auch zwei Saarländerinnen beitragen: Neben Sprinterin Laura Müller (22) vom LC Rehlingen, die seit der EM 2016 in Amsterdam bei allen internationalen Meisterschaften am Start war, ist mit Siebenkämpferin Louisa Grauvogel (22) eine neue Hoffnung ins Rampenlicht getreten. Die Ottweilerin hat sich während ihres Studiums in den USA bemerkenswert weiterentwickelt – und hat noch unglaublich viel Luft nach oben. Bleibt sie – wie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland – der Trainingsgruppe von Disziplin-Bundestrainer Ulrich Knapp erhalten, hat der Saarländische Leichtathletik-Bund ein starkes Duo für die Zukunft.

Zehnkämpfer Luca Wieland (23) aus Holz suchte sein Glück in diesem Jahr in Halle an der Saale an der Seite von Vize-Weltmeister Ricco Freimuth. Wieland musste sich aber in der EM-Qualifikation seiner Verletzungsanfälligkeit beugen. Bleibt er gesund, ist Tokio realistisch. Weitere Talente des SLB müssen erst einmal den Übergang in den Aktivenbereich meistern.

Der ist Lisa Klein herausragend gelungen. Die 22-Jährige aus Völklingen-Lauterbach, deutsche Meisterin auf der Straße 2017, ist ein aufgehender Stern im deutschen Radsport. War sie 2016 in Rio noch Ersatzfahrerin im deutschen Bahn-Vierer, beweist sie seither mit regelmäßigen Erfolgen, dass sie selbst im Fokus stehen will. Nicht nur bei der EM in Glasgow, auch in der Zukunft. Die saarländische Fraktion bei den European Championships rundet Triathlet Justus Nieschlag (26) ab.

Olympische Hoffnungen in Richtung Japan haben aber noch weitaus mehr Sportler aus dem Saarland. Allen voran die Badmintonspieler Marvin Seidel (22) und Isabel Herttrich (26) vom BC Bischmisheim, die gerade bei der WM in China aktiv sind. Oder Tischtennisspieler Patrick Franziska (26) vom 1. FC Saarbrücken. Die Ringer Etienne Kinsinger (21) und Gennadij Cudinovic (24) vom KSV Köllerbach natürlich. Gesetzt sein sollte auch Fußballerin Dzsenifer Marozsan von Olympique Lyon. Die 26-Jährige aus Saarbrücken, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, kuriert gerade die Folgen einer Lungenembolie aus. Hoffnungen können schnell auch mal platzen.

 Sprinterin Laura Müller (Mitte) ist auf allen Distanzen zwischen 100 und 400 Metern in Deutschland mit vorne dabei.
Sprinterin Laura Müller (Mitte) ist auf allen Distanzen zwischen 100 und 400 Metern in Deutschland mit vorne dabei. Foto: dpa/Rainer Jensen
 Freiwasser-Schwimmer Andreas Waschburger peilt 2020 seine zweite Teilnahme bei Olympischen Spielen an.
Freiwasser-Schwimmer Andreas Waschburger peilt 2020 seine zweite Teilnahme bei Olympischen Spielen an. Foto: dpa/Martin Schutt

Der saarländische Sport ist für die European Championships gut aufgestellt, auch die Zwischenbilanz zwei Jahre vor Tokio fällt nicht schlecht aus. Doch der Trend ist unverkennbar. Wer an die Spitze will, entschließt sich nicht selten, das Saarland zu verlassen – weil eben nicht alle Sportarten bis in die Weltklasse abgedeckt werden. Es fehlt an Mitteln, an Infrastruktur. Wie im Radsport. Oder im Turnen. Der LSVS und der Olympiastützpunkt müssen sich positionieren, um zumindest ihre Bundesstützpunkte zukunftssicher zu machen. Damit die Saarsportler weiter bei Olympia mitmischen können – und zwar nicht nur im Miniatur-Format.