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Saarsport-Tribüne: Meine Treffen mit Usain

Saarsport-Tribüne : Meine Treffen mit Usain

Knapp 13 Jahre ist es her, dass ich erstmals von Olympischen Spielen berichterstatten durfte. 2004 war das, in Athen. Es war ein denkwürdiger Sommer, brütend, bis zu 45 Grad Celsius heiß, und hin und wieder denke ich an besondere Momente zurück, die sich in meinem Gehirn eingebrannt haben.

Einer dieser Momente ist mein Treffen mit Usain Bolt. Der Lichtgestalt der Leichtathletik. An einem Abend ohne Wettbewerbe hatte die jamaikanische Leichtathletik-Nationalmannschaft in einen Beachclub außerhalb von Athen eingeladen. 50 Journalisten konnten an diesem „Meet and Greet“ teilnehmen. Alles stürzte sich auf die Topstars der Jamaikaner, die spätere 200-Meter-Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown und 100-Meter-Ass Asafa Powell. Bolt hingegen, gerade 17 Jahre alt, aber schon Junioren-Weltrekordler, saß zumeist alleine an einem der Tische, unbeobachtet, in Ruhe gelassen. Bei den Wettbewerben schied er über 200 Meter im Vorlauf aus, weil ihn eine Wadenzerrung behinderte. Keiner meiner Kollegen ahnte, welche Geschichte wir da verpasst hatten.

Acht Jahre später in London war Bolt längst der König seiner Sportart. Lässig und cool verteidigte er die 2008 in Peking gewonnenen Olympia-Titel über 100 Meter, 200 Meter und in der 4x100 Meter-Staffel, zelebrierte nach den Rennen seinen legendären „Lightning Bolt“, den Blitz, verzückte Zig­tausende im Olympiastadion und Millionen vor den Fernsehern.

Beim 100-Meter-Finale in London hatte ich einen fantastischen Platz – exakt auf Höhe der Ziellinie, etwa zehn, zwölf Meter vom Geschehen entfernt. Näher kam ich nicht mehr ran. Das Hauen und Stechen in der Mixed Zone, wo die Athleten den Journalisten Rede und Antwort stehen, habe ich mir geschenkt.

Nun wird London zum letzten Mal die große Bühne für Bolt sein. Und völlig gleich, ob er gewinnt oder nicht – er wird danach nicht mehr bei großen Meisterschaften antreten. Nicht nur für die ehemalige Hochsprung-Olympiasiegerin Heike Henkel steht fest, dass eine ganze Sportart vor einer Zäsur steht. „Man fragt sich, wen die Leichtathletik dann noch hat“, sagte die 53-Jährige der Rheinischen Post: „Ob nun in negativer oder positiver Hinsicht, muss jeder selbst entscheiden. Da muss ganz schnell jemand hinterherkommen, der der Leichtathletik zu neuem Glanz verhilft. Ich sehe nur niemanden.“ Deswegen ein Appell an die Kollegen vor Ort: Guckt genau hin, auch in die dritte oder vierte Reihe. Vielleicht sitzt da irgendwo der nächste Usain Bolt. Allein an einem Tisch. Unbeobachtet. In Ruhe gelassen.