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2. Handball-Bundesliga
„Mein Rücktritt wäre verantwortungslos“

Der Vorsitzende der HG Saarlouis, Richard Jungmann, übt angesichts der prekären Lage des Handball-Zweitligisten auch Selbstkritik.
Der Vorsitzende der HG Saarlouis, Richard Jungmann, übt angesichts der prekären Lage des Handball-Zweitligisten auch Selbstkritik. FOTO: Oliver Dietze
Saarlouis. Die HG Saarlouis ist Schlusslicht der 2. Handball-Bundesliga. Der Vereins-Chef räumt Fehler ein, glaubt aber weiter an den Ligaverbleib. Von Sebastian Zenner

So schlecht stand es um die HG Saarlouis in der eingleisigen 2. Handball-Bundesliga noch nie. Das Team scheint überfordert, ein Leitwolf fehlt, auch ein Trainerwechsel brachte keine Besserung. Der für verfehlte Personalentscheidungen in der Kritik stehende Vorsitzende Richard Jungmann erklärt im SZ-Interview unter anderem, weshalb er nach einem Abstieg nicht das Handtuch werfen würde.


Herr Jungmann, als Tabellenletzter hat die HG Saarlouis sechs Punkte Rückstand auf das rettende Ufer. Wie sehen Sie den Status quo?

RICHARD JUNGMANN Jedes Spiel ist individuell zu betrachten. Wir hatten in jedem Spiel im Jahr 2018 eine gute Halbzeit und eine weniger gute Halbzeit. Unser Trainer Philipp Kessler versucht alles, um diese Diskrepanz abzustellen. Er ist auf einem ordentlichen Weg, aber es ist noch nicht durchgängig gelungen.

Das Problem der fehlenden Konstanz ist kein neues. Im November wurde Trainer Jörg Bohrmann freigestellt und Co-Trainer Kessler zum Chef befördert. War es ein Fehler, den Trainer so früh in der Saison zu wechseln?

JUNGMANN Wir mussten reagieren, um den beschriebenen Trend zu stoppen. Die Mannschaft hat zu Rundenbeginn sehr gute Spiele gemacht. Danach hat sich eine negative Entwicklung immer mehr verfestigt. Deshalb haben wir ja den Wechsel vollzogen, um eine Trendwende herbeizuführen. Es wurde seitdem zwar etwas besser, aber in den entscheidenden Momenten passieren immer wieder Rückfälle und damit die alten Fehler. Ich denke aber, dass der Erfolg noch eintritt.



Philipp Kessler hätte als Co-Trainer reaktiviert werden können, um der Mannschaft auf dem Feld zu helfen. In seiner jetzigen Rolle ist das, wie er selbst sagt, unmöglich.

JUNGMANN Philipp hat sich schon in den letzten Spielen seiner letzten Saison 2016/2017 mit einem gewissen Risiko zur Verfügung gestellt. Er hat ein echtes Problem mit der Schulter, das bei einer erneuten Verletzung zu bleibenden Schäden führen könnte. Dass er wieder spielt, ist kein Thema. Seine Gesundheit zu riskieren, nur um die Klasse zu halten, ist ein zu großes Risiko.

Es gibt Menschen, die halten die Beförderung des unerfahrenen Kessler für eine wirtschaftliche Entscheidung. Wäre es rückblickend besser gewesen, einen erfahrenen Trainer zu verpflichten?

JUNGMANN Das ist für mich eine abwegige Diskussion. Philipp ist eine qualitativ sehr gute Lösung. Selbst wenn diese Entscheidung aus rein wirtschaftlichen Gründen getroffen worden wäre, dann wäre sie ja ohnehin unumgänglich gewesen. Man kann versuchen, während der laufenden Runde einen zu finden, der den Ruf eines Erfolgstrainers hat. Es wird nicht gelingen. Unabhängig davon bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass Kessi der richtige Trainer ist. Auch die Spieler sind von seiner Arbeit absolut überzeugt.

Trotzdem spiegelt sich dies nicht in den Ergebnissen wider. Ist die Mannschaft zu schlecht?

JUNGMANN Es könnte sein, dass ich Fehler gemacht habe in der Einschätzung der Spieler und bei der Zusammenstellung des Kaders – und dass ich mit Blick auf die Durchsetzungsfähigkeit und Nachhaltigkeit der jungen Spieler zu optimistisch war.

Konkret wären Arthur Muller, der im linken Rückraum auf ganzer Linie enttäuscht, und Spielmacher Julius Lindskog Andersson zu nennen, der den hohen Erwartungen nur punktuell gerecht wird. Ebenso wie der bereits 2015 verpflichtete Linkshänder Yann Polydore.

JUNGMANN Wenn es sich bestätigt, dass es sich um Fehleinkäufe handelt, gehen sie auf meine Kappe. Ich kann mich aber noch nicht damit abfinden, dass die Spieler das ganze Jahr über so schwach Handball spielen sollen, wie sie es in den letzten Wochen gemacht haben.

Wie konnte es zu diesen Fehleinschätzungen kommen?

JUNGMANN Wir wollten eine junge und erfolgshungrige Mannschaft formen. Alle waren zuversichtlich, dass uns dies gelungen ist. Muller war im Probetraining überragend, und er zeigt auch jetzt im Training bisweilen geniale Aktionen. Aber er kann es in den Spielen nicht umsetzen. Ähnlich verhält es sich bei Polydore. Je länger dieser Umstand andauert, desto nervöser werden die Spieler. Andersson hatte zwischenzeitlich einen Muskelfaserriss in der Wade, Muller einen Rippenbruch und einen Bänderriss im Fuß. Beide kamen danach nicht mehr auf Touren – wobei Andersson zuletzt gegen Aue ein klasse Spiel gemacht hat.

Woran liegt es, dass derzeit keiner sein Potenzial ausschöpfen kann?

JUNGMANN Es ist nicht so, dass es im Trainingsalltag Disziplinlosigkeiten gäbe oder ähnliches. Es ging ja auch genauso los, wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir haben bei einem Vorbereitungsturnier gegen Erstligist Friesenheim erst in der letzten Sekunde den Ausgleich kassiert. Wir haben acht Tage später den VfL Gummersbach, ebenfalls Erstligist, aus dem DHB-Pokal geworfen und nach dem Rundenbeginn noch ein, zwei ordentliche Spiele gemacht. Dann war alles vorbei. Dass wir es seitdem nicht mehr schaffen, dieses angedeutete Potenzial abzurufen, ist eines der Phänomene des Sports. Ich habe so eine hartnäckige Verunsicherung noch nie erlebt.

Die Junioren-Nationalspieler Jerome Müller und Lars Weissgerber hinken ebenfalls ihren Möglichkeiten hinterher. Beide verlassen den Verein im Sommer. Gibt es da einen Zusammenhang?

JUNGMANN Lars ist im Moment in einer Phase, die er so noch nicht kennt. Vielleicht haben die Verhandlungen und die Aussicht, in der Bundesliga spielen zu können, mental eine Rolle gespielt. Ich bin aber zuversichtlich, dass er wieder zurückkommt. Jerome wird von den Gegnern immer hart angegangen, sodass kleinere Verletzungen schon ein Faktor sind. Aber nicht in der Form, dass man in Alarmstimmung verfallen müsste. Das Problem ist, dass wir pro Spiel einen, maximal zwei Ausfälle verkraften könnten. Dass sich mehrere Spieler in Formtiefs befinden, ist für uns fatal.

Auf dem Feld fehlt ein erfahrener Akteur, der die jungen Spieler mitreißt. Warum haben Sie keinen?

JUNGMANN Diese Spielertypen kann man nicht so eben finden wie vielleicht im Fußball, wo sich viele alte Recken auf dem Markt tummeln. Der Pool ist im Handball wesentlich kleiner, und in der Regel stehen diese Spieler schon in Vereinen unter Vertrag, die sie nicht hergeben wollen. Das ginge nur mit einem erheblichen finanziellen Einsatz, den wir einfach nicht leisten können. Hätten wir das nötige Geld, würden wir so einen verpflichten.

Die Torhüter-Leistungen sind auffallend schlechter als in den Jahren zuvor. Zu Rundenbeginn hörte der langjährige Torwarttrainer Gerhard Kattla aus familiären Gründen auf. War es ein Fehler, keinen Nachfolger zu installieren?

JUNGMANN Wir haben unseren Trainerstab vor der Saison mit Yannic Wilhelmi als Athletiktrainer und mit Kessler als Co-Trainer erweitert. Weil Philipp das Torwarttraining übernehmen konnte, war dies qualitativ nicht ausschlaggebend.

Einen Co-Trainer gibt es nicht mehr. Ist es denkbar, dass bald wieder ein Torwarttrainer eingesetzt wird, vielleicht sogar Kattla?

JUNGMANN Das ist möglich.

Welche Spieler haben aktuell einen Vertrag für die 3. Liga?

JUNGMANN Wer im Falle eines Abstiegs bleiben würde, müsste in Gesprächen geklärt werden. Den „worst case“ haben wir bei den Spielern noch nicht angesprochen. Das werde ich auch jetzt nicht tun. Wir werden alles daransetzen, die Trendwende zu schaffen.

Würden Sie im Falle des Abstiegs zurücktreten?

JUNGMANN Wenn wir nach neun tollen Jahren in der 2. Liga tatsächlich absteigen sollten, wären meine Vereinskollegen sicher sehr enttäuscht, wenn ich das Handtuch werfe. Ich würde das selbst als verantwortungslos bezeichnen, das wäre nicht mein Stil. Wenn der Verein mir zu verstehen geben würde, dass er meine Arbeit nicht mehr wünscht, wäre ich der Letzte, der sich dagegenstellt. Ich befürchte allerdings, dass die Nachfolger nicht gerade Schlange stehen.

Wäre die Installation eines sportlichen Leiters sinnvoll – auch um Sie zu entlasten?

JUNGMANN Gerne, sofern dieser zum gleichen Tarif arbeitet wie ich.

Das wäre der Nulltarif.

JUNGMANN Und genau das ist das Problem. Man kann all das diskutieren, wenn man genug Geld hat. Wir haben ein begrenztes Budget, das wir dieses Jahr in einen breiten Kader investiert haben, statt – wie davor – in einen kompakteren Kader, mit dem wir größere Probleme bei Verletzungen hatten.

Was macht Sie zuversichtlich, dass es mit dem Klassenverbleib doch noch klappen kann?

JUNGMANN Wenn man sieht, zu welchen Leistungen unsere Mannschaft im Stande ist – zum Beispiel in der ersten Halbzeit gegen den Tabellenzweiten Bietigheim, dann habe ich die Hoffnung, dass der Knoten irgendwann platzt. Ich hoffe nur, dass es dann nicht schon zu spät ist.

Die Fragen stellte SZ-Mitarbeiter Sebastian Zenner.