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Mehr als nur die kleine Schwester

Nicole Nicoleitzik war 2012 in London im paralympischen Jugendlager – jetzt ist sie aktive Paralympics-Teilnehmerin.
Nicole Nicoleitzik war 2012 in London im paralympischen Jugendlager – jetzt ist sie aktive Paralympics-Teilnehmerin. FOTO: Ruppenthal
Saarbrücken. Claudia Nicoleitzik hat schon vier Medaillen bei den Paralympics gewonnen. Nun greift auch ihre kleine Schwester Nicole Nicoleitzik ins Geschehen ein. In Rio de Janeiro ist die 21-Jährige erstmals als Aktive am Start. Sebastian Zenner

"Ich kriege das ja jetzt erst so richtig mit", antwortet Nicole Nicoleitzik auf die Frage, ob es sie stört, im Schatten ihrer prominenteren und fünf Jahre älteren Schwester Claudia Nicoleitzik zu stehen. Wie ihre Schwester hat Nicole Ataxie, was sich auf feinmotorische Fähigkeiten auswirkt und Gleichgewichtsstörungen nach sich zieht. Die Schwestern gehen ab 7. September bei den Paralympics in Rio de Janeiro an den Start. Nicole Nicoleitzik startet dort in der Klasse TF 38 über die 100 Meter und beim Weitsprung - Claudia in der TF 36.



"Ich sehe Claudia schon als Vorbild und Ansporn. Das gibt mir Kraft weiterzumachen, auch wenn es mal nicht so gut klappt", erklärt Nicole. Außerdem hilft Claudias Erfahrung mit paralympischen Spielen. "Sie war ja schon zwei Mal dabei und hat mir erzählt, wie es vor Ort ablaufen wird", sagt die jüngere Schwester, die aber auch zugeben muss: "Manchmal haben wir schon kleinere Streitigkeiten. Aber das ist unter Geschwistern ja normal. Ansonsten verstehen wir uns blendend."

Auch Nicole Nicoleitzik hat schon Erfahrungen gesammelt. "Ich war schon unzählige Male bei Junioren-Weltmeisterschaften dabei. Aber die Paralympics sind meine erste richtig große Veranstaltung, bei der ich auch bei den Großen starten darf", sagt die 21-Jährige und lacht. Die Vorfreude strahlt dabei unverkennbar über ihr Gesicht: "Ich bin schon ein bisschen aufgeregt, von Nervosität würde ich aber nicht sprechen. Ich bin schon gespannt, wie die Atmosphäre im paralympischen Dorf sein wird, wie die Wettkämpfe laufen und so weiter", erzählt sie. 2012 durfte sie im paralympischen Jugendlager etwas Paralympics-Luft schnuppern. "Das fand ich supertoll. Vor allem die Eröffnungs- und Abschlussfeier mitzuerleben", erinnert sich Nicole Nicoleitzik: "Damals hatte ich mir das Ziel gesetzt, alles zu versuchen, um selbst mal an den Paralympics teilzunehmen. Auch wenn es schwierig werden würde. Wie man sieht, hat es ja geklappt." Am 1. August, ihrem 21. Geburtstag, erfuhr sie von der Nominierung. "Das war ziemlich cool. Mir haben dann alle Leute gleich doppelt gratuliert."

In Rio will die Leichtathletin des TV Püttlingen ihre Bestleistungen erreichen. Zu welchen Platzierungen diese reichen könnten, ist offen. "Vielleicht reicht es ja auch für einen Endkampf", mutmaßt Nicole Nicoleitzik. Das Gefühl, ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen, kennt sie schon. Vor zwei Jahren wurde sie Weitsprung-Weltmeisterin bei den Junioren und gewann mit der 4x100-Meter-Staffel die Goldmedaille.

Ihren persönlich wichtigsten Erfolg feierte sie bei der Junioren-WM 2013 in Puerto Rico. "Das waren meine ersten Weltmeisterschaften, und ich habe auf Anhieb über die 100 Meter, 200 Meter und im Weitsprung Bronze geholt", sagt sie stolz: "Das kam total unerwartet." Neben dem sportlichen Erfolg erhofft sie sich in Rio auch, etwas von der Stadt sehen zu können: "Der Zuckerhut würde mich schon interessieren."



Für die Paralympics ist Nicole Nicoleitzik von ihrer Arbeit bei der Reha GmbH in Saarbrücken freigestellt. Nach Rio kehrt sie wieder an ihren Arbeitsplatz in einem integrativen Drogeriemarkt zurück. Ihr Alltag gestaltet sich dann wieder folgendermaßen: Aufstehen, arbeiten gehen, eine Stunde Pause, zum Training. "Das ist alles okay", meint sie und lacht: "Wobei ich schon froh bin, wenn ich abends daheim bin und mich zum Entspannen aufs Bett legen kann und einfach mal nix mache." Die Motivation für die tägliche Arbeit im Beruf und im Sport zieht Nicole Nicoleitzik aus ihrer Trainingsgruppe und den Zielen, die sie sich steckt. "Wenn ich mein Ziel nicht erreiche, bin ich im ersten Moment etwas deprimiert. Aber dann fühle ich mich angestachelt, um es beim nächsten Mal besser zu machen."