„Medaillen - koste es, was es wolle“

„Medaillen - koste es, was es wolle“

Die Forderungen nach Freigabe der bisher unter Verschluss gehaltenen Teile der Studie zum Doping in der BRD reißen nicht ab. Manfred Ommer, der Ex-Präsident des FC Homburg hat auch den Fußball im Verdacht.

Politik und Fußball in der Schusslinie: Die früheren Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, Werner Maihofer sowie der heutige Finanzminister Wolfgang Schäuble geraten nach Veröffentlichung der Studie über Doping in Westdeutschland in den Verdacht, die Leistungsmanipulation gedeckt oder sogar forciert zu haben. Immer stärker wird die Forderung nach Freigabe der kompletten Studie, von der aktuell erst gut 100 der 800 Seiten bekannt geworden sind.

Auch der Bundestag fordert Aufklärung. Der Sportausschuss befasst sich in einer Sondersitzung am 29. August mit der jüngsten Studie über Doping-Praktiken in Deutschland von 1950 bis heute. "Wir fordern, dass wir bis dahin die komplette Studie vorliegen haben und nicht nur die zensierte Fassung", sagte Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der SPD.

Auch innerhalb des Fußballs, der nun stärker im Verdacht steht, von Doping profitiert zu haben, werden Forderungen laut. Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball hat vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) die komplette Studie zur westdeutschen Dopingvergangenheit angefordert. Rauball reagierte damit auch auf ein Detail der Studie, dass drei deutsche Nationalspieler bei der WM 1966 das unerlaubte Aufputschmittel Ephedrin genommen haben sollen. Rauball: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein so braver Sportler wie Uwe Seeler mit Doping etwas zu tun hatte."

Manfred Ommer, der frühere Präsident des damaligen Bundesligisten FC Homburg, hatte den Verdacht noch einmal auf den Fußball gelenkt. Der Ex-Sprinter, 1974 EM-Zweiter über 200 Meter, der 1977 selbst gestanden hatte, gedopt zu haben, erklärte im "heute Journal" des ZDF: "Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass im Fußball gedopt wird." Ommer weiter: "Der DFB hat das zu meiner Zeit als Präsident recht lasch behandelt. Aussagen wie 'Durch Doping schießt man keine bessere Ecke' sind natürlich idiotisch."

Laut der "Süddeutschen Zeitung" soll Hans-Dietrich Genscher, damals Bundesinnenminister, ein Jahr vor Olympia 1972 in München "Medaillen um jeden Preis" gefordert haben. Und ein einflussreicher Sportmediziner schreibt Finanzminister Wolfgang Schäuble, damals Sprecher der CDU-Fraktion im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, die Aussage zu: "Wenn es nicht schadet, soll man auch das Bestmögliche unseren Sportlern angedeihen lassen."

Schäuble werden auch in anderen Medien belastende Zitate zugeordnet. In der früheren ARD-Sendung "Kontraste" wurde er 1977 hinsichtlich des damals längst verbotenen Anabolika zitiert: "Wir wollen solche Mittel nur eingeschränkt und unter ärztlicher Verantwortung einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen heute ohne den Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann."

Genscher wird im Bericht der "SZ" vom Mittwoch aus dem Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 in München folgender Satz zugeschrieben: "Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten." Weiter heißt es, Genscher habe in München "Medaillen gefordert - koste es, was es wolle". Und von einem Arzt soll der FDP-Politiker verlangt haben: "Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen." Auf den Einwand hin, die Zeit bis Olympia sei knapp, soll Genschers Antwort gewesen sein: "Das ist mir egal." Genschers Büro erklärte am Mittwoch auf Sid-Anfrage, der frühere Minister werde sich äußern, wenn er von einer Reise zurück ist. Ommer zumindest sieht sich von der jüngsten Studie schon jetzt bestätigt: "Ich habe vor 35 Jahren schon gesagt, das Thema Doping kriegt man nicht in den Griff."