| 21:07 Uhr

Deutschland-Tour
„Man muss die Menschen mitnehmen“

Gute Miene zum bösen Spiel? Marcel Kittel ist in einer sportlichen Krise. Auf die Deutschland-Tour freut sich der Sprintstar trotzdem riesig.
Gute Miene zum bösen Spiel? Marcel Kittel ist in einer sportlichen Krise. Auf die Deutschland-Tour freut sich der Sprintstar trotzdem riesig. FOTO: dpa / David Stockman
Koblenz. Der deutsche Radsport-Star spricht vor dem Start der Deutschland-Tour über das Image seiner Sportart und die neue, alte Rundfahrt. sid

Marcel Kittel gehört zu den Stars des deutschen Radsports. Der 30-Jährige hat 14 Etappen der Tour de France gewonnen, vier Etappen beim Giro d’Italia, eine bei der Vuelta in Spanien. Bei der Deutschland-Tour, die heute in Koblenz beginnt und am Samstag mit dem Zielort Merzig auch einen Abstecher ins Saarland macht, sieht sich der Ausnahme-Sprinter aus Arnstadt in Thüringen nicht als Anwärter auf einen Etappensieg. Nach einem schwierigen Jahr steht er auch bei seinem Rennstall Katusha Alpecin massiv in der Kritik. Sein Vertrag läuft dort noch bis 2019.


Herr Kittel, nach zehn Jahren feiert die Deutschland-Tour ab Donnerstag ihre Rückkehr. Wie denken Sie darüber?

MARCEL KITTEL Es hat natürlich eine Strahlkraft, wenn eine solche deutsche Rundfahrt zurückkommt, allein das ist ein großes Zeichen. Für uns deutsche Rennfahrer ist es super geil, da am Start zu stehen, und ich will das auch als Motivation nutzen.



Auch dank Ihrer Leistungen und dem jahrelangen Kampf um Glaubwürdigkeit hat der deutsche Radsport einen Weg aus der Talsohle gefunden. Ist diese Neuauflage nicht auch ein Stück persönliche Genugtuung?

KITTEL Ich bin als Profi noch bei der Bayern-Rundfahrt mitgefahren, die wurde dann auch noch eingestampft, und wir hatten ein paar Jahre gar keine Rundfahrt, nur einige wenige Eintagesrennen. Ich habe also die Entwicklung miterlebt. Man kann sich lange beweihräuchern, aber das ist nicht meine Sache. Es ist ein weiterer schöner Schritt in die richtige Richtung, so würde ich das sehen.

Die ASO, also die Amaury Sport Organisation, der Veranstalter der Tour de France, hat sich dem Projekt Deutschland-Tour für zehn Jahre verschrieben, das ist durchaus eine Ansage. Dennoch war es schwierig, genügend Etappenstädte zu finden. Ist die Skepsis dem Radsport gegenüber noch immer zu groß?

KITTEL Das glaube ich nicht, es ist eine Großveranstaltung, das ist einfach aufwendig. Und das Ganze steht und fällt mit dem Konzept. Es reicht nicht mehr, einfach nur die Profis vorbeizuschicken. Man muss die Menschen mitnehmen. Radfahren ist sehr, sehr in, aber man braucht für den Profiradsport ein attraktives Programm, das viele Leute anspricht, auch für den Nachwuchs muss das Radfahren erlebbar sein. Mit den richtigen Argumenten findet man Leute, die sich engagieren, aber dazu gehört auch viel Klinkenputzen.

Welche Perspektive hat die Deutschland-Tour? Sie ist erst einmal nicht in der höchsten Kategorie, der World Tour, eingestuft worden.

KITTEL Man muss es anrollen lassen und gucken, wie es wird. Grundsätzlich ist die Perspektive gut. Das Ziel jedes Veranstalters ist es, in die World Tour zu kommen, aber es ist nachhaltiger, das langsam aufzubauen – und genau das macht die ASO. Die ASO hat sich nicht lumpen lassen und versucht, die Topfahrer an den Start zu bekommen. Das ist super cool, und es macht auch Sinn für Rennfahrer wie Geraint Thomas, Roman Bardet oder Tom Dumoulin, so wie der Kurs gestaltet ist.

Was nehmen Sie sich selbst vor für die Rundfahrt? Für Sprinter bietet nur die erste Etappe eine echte Chance. Oder sehen Sie das anders?

KITTEL Ich werde mich nicht unter Druck setzen, ich bin im Moment nicht da, wo ich sein will. Ich sehe mich nicht als Topfavorit, da gibt es andere. Ich versuche, locker reinzugehen, um den schwierigen Momenten aus diesem Jahr zu entfliehen. Die Atmosphäre an der Strecke und viele deutsche Fans werden dann hoffentlich ein tolles Extra.

Die Tour de France lief enttäuschend, am letzten Samstag mussten Sie auch bei der BinckBank-Tour in Belgien und den Niederlanden aufgeben. Was war der Grund für den Ausstieg, und wieso stehen bisher nur zwei Saisonsiege auf der Habenseite?

KITTEL Ich hatte einfach nicht die Beine und habe dann die Notbremse gezogen, um mir ein bisschen mehr Erholung vor der Deutschland-Tour zu verschaffen. Es ist einfach ein schwieriges Jahr, die Verbindung zwischen Kopf und Beinen funktioniert nicht so wie in meinen besten Zeiten. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich versuche, seit Anfang Februar Rennen zu gewinnen, seit Anfang April mit der Brechstange. Aber es läuft einfach nicht rund.

Die Nebengeräusche im Team Katusha-Alpecin taten ihr übriges? Bei der Tour de France wurden Sie von Ihrem sportlichen Leiter als Egoist bezeichnet, nach einer Etappe sollen Sie ihr Rad gegen den Teambus geworfen haben.

KITTEL Ich will jetzt Abstand reinkriegen und die letzten Saison-Wochen vernünftig über die Bühne bekommen. Das Jahr ist einfach bescheiden gelaufen, es geht nicht mit Krawall. Es kamen viele Dinge zusammen, aber ich werde 2019 wieder angreifen.

Aber wie sind Sie mit dem Vorwurf, egoistisch zu sein und nicht an das Wohl des Teams zu denken, umgegangen?

KITTEL Meine Meinung hat sich nicht geändert. Ich lehne das kategorisch ab. Die Leute, die mich kennen, waren sehr überrascht. Wir haben uns zu einem kleinen Gespräch zusammengesetzt und uns die Meinung gesagt. Jetzt ist es erst mal für mich gegessen. Aber ich war schon sehr erstaunt, dass der sportliche Leiter den Weg über die Medien gesucht hat und nicht den direkten Kontakt teamintern.

Die Fragen stellte Ruben Stark

Marcel Kittel trägt das Grüne Trikot des besten Sprinters und feiert zugleich einen Etappensieg bei der Tour de France. Die Szene stammt aus dem Jahr 2017. 2018 ist für den 30-Jährigen bisher enttäuschend verlaufen.
Marcel Kittel trägt das Grüne Trikot des besten Sprinters und feiert zugleich einen Etappensieg bei der Tour de France. Die Szene stammt aus dem Jahr 2017. 2018 ist für den 30-Jährigen bisher enttäuschend verlaufen. FOTO: dpa / David Stockman