Liverpool verehrt seinen Trainer Jürgen Klopp auch ohne Titel

Fußball : Der „Gott“ von Anfield

Jürgen Klopp kam im Oktober 2015 zum FC Liverpool. Er elektrisiert die Massen – auch wenn der große Titel noch fehlt.

Jürgen Klopp legt die rechte Hand auf seine linke Brusthälfte. Voller Stolz berührt der 51-Jährige das Wappen des FC Liverpool mit dem berühmten Liver Bird und schaut zufrieden in die Ferne. Willkommen an der legendären Anfield Road? Nein, im Baltic Triangle, dem neuen In-Viertel der Hafenstadt im Norden Englands, hat der Graffiti-Künstler Akse den Teammanager an einer Häuserwand verewigt. Seitdem ist die Ecke eine der beliebtesten Attraktionen für die Fans des FC Liverpool.

Klopp ist allgegenwärtig. Für Vereins-Legende Jamie Carragher genießt er schon jetzt Heldenstatus. Würde der frühere Trainer von Borussia Dortmund jedoch mit dem FC Liverpool nach 29 Jahren erstmals wieder die Meisterschaft gewinnen, „würde er hier zum absoluten Gott werden“, betont Carragher. Die Fans würden Klopp „Denkmäler aufstellen“. Die Champions League, wo im Achtelfinal-Hinspiel am heutigen Dienstag (21 Uhr/Sky) der FC Bayern zu Gast ist, ist auch wichtig, keine Frage. Aber die Sehnsucht nach dem Titel in der Premier League ist weit größer.

Dass viele Fans Klopp schon auf eine Stufe mit Teammanager-Ikone Bill Shankley, der die Reds drei Mal zum englischen Titel geführt hatte, stellen, ist dem 51-Jährigen unangenehm. Vielmehr versucht er, die riesige Euphorie zu bremsen. Die Saison sei noch „so lang“, sagt Klopp gebetsmühlenartig. Er weiß: Im Fußball kann es schnell gehen. Im Pokal sind die Reds draußen, in der Champions League ist jede Runde schwer, und dann wäre die Enttäuschung bei einem Patzer in der Liga nochmal schlimmer.

Im Meisterschaftsrennen liegt Liverpool nur wegen der schlechteren Tordifferenz hinter Manchester City, hat aber ein Spiel weniger absolviert. Die Lage war schon deutlich komfortabler, aber der Glaube in Liverpool an die erste Meisterschaft seit 1990 ist weiterhin riesig. Und dieser Glaube trägt einen Namen: Jürgen Klopp.

Seit der Deutsche am 8. Oktober 2015 das Amt von Brendan Rodgers übernahm, elektrisiert Klopp die Massen an der Mersey. Die Fans vergöttern ihren Trainer nahezu – und auch die ehemaligen Liverpool-Helden wie Carragher oder Steven Gerrard sind nicht erst seit der Teilnahme am Champions-League-Finale im vergangenen Sommer (1:3 gegen Real Madrid) begeistert. Er würde Klopp „lieben“, sagte Gerrard vor Monaten im Guardian. Er könnte „nie wie Jürgen sein. Er hat dieses Charisma, diese unglaubliche Energie“, lobte der frühere Kapitän.

Klopp sei „ein Manager, der nicht nur ein Auge für einen guten Spieler hat, sondern ihn auch verbessert“, ergänzte Jamie Redknapp in der Daily Mail: „Mohamed Salah war kein 40-Tore-Stürmer und Anwärter auf den Ballon d’Or, als er in unserem Verein ankam.“

Doch es ist nicht nur die sportliche Seite, die die Leute in Liverpool in Klopps Bann zieht. Er ist authentisch, seine offene Art kommt in der Stadt an, aus der die Beatles einst zu Weltruhm aufstiegen. Schon bei seiner Vorstellung punktete er mit seiner bodenständigen Art. „Ich bin ein ganz normaler Kerl, komme aus dem Schwarzwald“, sagte Klopp damals und fügte in Anspielung auf José Mourinho, der sich selbst als „the special one“ bezeichnet, an: „I’m the normal one.“

Am Spielfeldrand kann Klopp aber auch schnell zur Furie werden, um nach derart emotionalen Momenten ebenso schnell wieder die Ruhe selbst zu sein. „Darin“, sagt Gerrard, sei Klopp sehr gut: „Während des Spiels ist er sehr emotional, aber sobald es vorbei ist, kann er seine Emotionen bündeln. Deshalb geht er so gut mit Druck um.“

Auch beim heutigen Gegner Bayern München wird Klopp „sehr geschätzt“, wie Präsident Uli Hoeneß sagt: „Ich hatte mit ihm vor Jahren schon eine Zusammenarbeit vereinbart, bis wir dann Jürgen Klinsmann verpflichtet haben. Ich habe hohe Achtung vor ihm und seiner Arbeit.“

Dies haben auch seine Profis. „Wir profitieren in jedem Spiel von Jürgen Klopp. Er hat die Mannschaft auf ein neues Niveau gehoben und zu einem Gewinner-Team gemacht“, betont Sadio Mané. Der so Gelobte will das alles nicht zu hoch hängen: „Am Ende müssen es die Jungs auf dem Platz entscheiden.“ Ein Denkmal würden die Fans aber vor allem für Klopp errichten.

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