Leyhe zieht die Niete in der Windlotterie

Lahti · Die deutschen Skispringer verpassen zum Abschluss der Nordischen Ski-WM als Vierte eine Medaille im Team-Wettbewerb.

 Andreas Wellinger, Richard Freitag, Stephan Leyhe und Markus Eisenbichler (von links) registrieren, dass es nicht für Edelmetall gereicht hat. Foto: Schmidt/dpa

Andreas Wellinger, Richard Freitag, Stephan Leyhe und Markus Eisenbichler (von links) registrieren, dass es nicht für Edelmetall gereicht hat. Foto: Schmidt/dpa

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Andreas Wellinger hatte den bitteren Schlussakt seiner ansonsten traumhaften Weltmeisterschaft am Morgen danach schon abgehakt, und selbst Unglücksrabe Stephan Leyhe trug wieder ein zartes Lächeln auf den Lippen. "Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen", sagte Wellinger nach der durch Leyhes bösen Absturz verpassten Medaille im Mannschafts-Wettbewerb von Lahti: "Wir sind trotzdem ein geiles Team."

In der Windlotterie hatte Leyhe am Samstagabend die große Niete gezogen. Nach seinem Hüpfer, ähnlich dem legendären Sturzflug des Japaners Harada bei Olympia 1994, der Deutschland unverhofft Team-Gold beschert hatte, fielen die DSV-Adler weit zurück. Statt der sechsten Medaille in Lahti wurde es Platz vier hinter dem überlegenen Weltmeister Polen sowie Norwegen und Österreich.

"Dennoch war es eine richtig coole WM", sagte Wellinger. Ein Jahr vor den Winterspielen in Pyeongchang hatte vor allem er mit zwei Mal Silber im Einzel sowie Mixed-Gold an der Seite von Doppel-Weltmeisterin Carina Vogt und des Normalschanzen-Dritten Markus Eisenbichler dafür gesorgt, dass das deutsche Skispringen das Prädikat Weltklasse trug.

"Das war zum Abschluss ein bitterer Moment", sagte Bundestrainer Werner Schuster, "er trübt aber die positive Gesamtbilanz nicht. Andi Wellinger ist 21, hat jetzt zwei Weltmeisterschaften mit Seefeld 2019 und Oberstdorf 2021 vor der Haustür. Dass es hier nicht mit Einzelgold geklappt hat, ist ein riesiger Motor."

Als Motor hätte Wellinger die DSV-Mannschaft auch zu einer Team-Medaille führen sollen. Doch in Lahti setzte sich eine unglückliche Beziehung zu den Team-Entscheidungen bei Weltmeisterschaften von der Großschanze fort: Seit dem letzten Titel 2001 in Lahti hatte es nur noch 2013 in Val di Fiemme (Silber) zu einer Medaille gereicht.

Das Drama um Leyhe erhitzte dabei zunächst die Gemüter. "Ich verstehe nicht, dass die Jury Stephan bei diesen Bedingungen runterlässt", sagte Eisenbichler. Zwei Springer vor Leyhe war der Norweger Johann Andre Forfang mit gewaltigem Aufwind zum Schanzenrekord von 138 Meter gesegelt. Die Rennleitung verkürzte den Anlauf um zwei Luken, der Wind flaute ab, das Unheil nahm seinen Lauf. Leyhe versuchte es per Brechstange, sein verkorkster Hüpfer endete bei 103,5 Meter, und der Willinger hätte sich am liebsten im Schnee verbuddelt. "Das muss ich erstmal verdauen", sagte er sichtlich geschockt und war durch nichts aufzubauen. "Es gibt eben Momente, in denen man untröstlich ist, Stephan braucht jetzt Zeit für sich", meinte Schuster.

Die Chancen auf Bronze hatte danach noch kurz gelebt, als auch Österreichs Sorgenkind Gregor Schlierenzauer patzte und das DSV-Team noch einmal knapp vorbeiziehen konnte. Den Rückstand wandelte Österreichs doppelter Einzel-Weltmeister Stefan Kraft, überragender Springer in Lahti, dann aber in satten Vorsprung um. Das DSV-Quartett lag mit 1052,9 Punkten deutlich hinter Österreich (1068,9). Polen sicherte sich mit 1104,2 Punkten hochverdient seinen ersten Team-Titel vor Norwegen (1078,5). Für Stefan Horngacher, den österreichischen Trainer der Polen und bis 2016 deutscher Co-Trainer unter Schuster, schloss sich ein Kreis: 2001 hatte er mit Österreichs Team als Springer in Lahti den Weltmeister-Titel von der Normalschanze geholt.