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Letzte Hoffnung Berlin Das Finaltrauma des Torsten Frings

Istanbul. Die letzte Hoffnung heißt Berlin. Die Bremer Spieler wischten sich noch die Tränen aus den Augen, schlurften mit hängenden Köpfen über den Rasen des Istanbuler Sükrü-Saracoglu-Stadions und schauten enttäuscht den feiernden Donezk-Kickern zu, da schrien die Fans bereits: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin Von Michael Rossmann und Sven Busch (dpa)

Istanbul. Die letzte Hoffnung heißt Berlin. Die Bremer Spieler wischten sich noch die Tränen aus den Augen, schlurften mit hängenden Köpfen über den Rasen des Istanbuler Sükrü-Saracoglu-Stadions und schauten enttäuscht den feiernden Donezk-Kickern zu, da schrien die Fans bereits: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin." Nur der DFB-Pokal kann jetzt Werder Bremens verkorkste Saison noch retten, nachdem der Fußball-Bundesligist den Erfolg für die Ewigkeit verpasst und das letzte Finale des Uefa-Cups verloren hat.


Mit einer Mischung aus Tapferkeit und Trotz sagte Werder-Manager Klaus Allofs nach dem 1:2 in der Verlängerung gegen Schachtjor Donezk: "Das ist ja das Schöne - wir haben noch ein Endspiel." Er meinte das DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen, das auch die Möglichkeit zur Europa-League-Qualifikation bietet.

Werder droht nun das Schicksal des in zwei Halbfinals geschlagenen Hamburger SV - am Ende einer langen Saison mit leeren Händen dazustehen. "Viele Spieler sind mit der Situation nicht zurechtgekommen", analysierte Allofs. "Sie waren nervöser, als man das gedacht hatte, und sind hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben." Der Ausgleich des später untröstlichen Naldo (35. Minute) war nach dem Rückstand durch Luiz Adriano (25.) zu wenig - und wegen eines Torwartfehlers obendrein glücklich. Der nur schwer zu bremsende Jadson besiegelte in der Verlängerung (97.) das Schicksal der über weite Strecken zu zaghaften Bremer. "Wir waren zu ängstlich. Wir hätten aggressiver sein müssen", beschrieb Torhüter Tim Wiese treffend. "Warum das so war, weiß ich nicht." Für ihn war allerdings klar, dass der Ausfall des gesperrten Starspielers Diego ein wesentlicher Grund für den Final-K.o. war: "Seine Klasse hat uns gefehlt."

Auch Stürmer Claudio Pizarro, der aus dem Mittelfeld nur ganz selten verwertbare Anspiele erhielt, kam zu dem Schluss: "Ohne Diego geht es nicht. Man konnte sehen, wie wichtig er ist." Der junge Mesut Özil war mit der Aufgabe überfordert, das Spiel zu machen. Der vom Istanbuler Publikum anfangs ausgepfiffene Deutsch-Türke machte im linken Mittelfeld ausgerechnet im Finale eines seiner schwächsten Saisonspiele. Özil erhielt allerdings von den Routiniers wie Frings kaum Unterstützung.

Noch auf dem Rasen, bevor die Donezk-Profis den Pokal in den Nachthimmel von Istanbul stemmten, holte Thomas Schaaf seine Spieler zusammen und schwor sie auf die letzte Chance im Berliner Olympiastadion in einer Woche ein. "Wir müssen uns jetzt auf die Dinge konzentrieren, die vor uns stehen. Es tut weh, aber weiter geht's", sagte Schaaf. Istanbul. Der Augenblick der Wahrheit traf Torsten Frings am Bosporus ganz besonders hart. Erschöpft und gedemütigt verabschiedete sich der Werder-Star durch die schmerzhafte 1:2-Niederlage im Uefa-Cup-Finale gegen Schachtjor Donezk von einer weiteren Titel-Illusion. Das dritte große internationale Finale verloren nach den Endspielpleiten bei der WM 2002 und EM 2008, selbst auffällig unauffällig gespielt und keine Erklärung für die mäßige Vorstellung im wichtigsten Saisonspiel. Mit leerem Blick und schwerem Gang trottete der Fußball-Nationalspieler wie der geschlagene Anführer einer Selbsthilfegruppe zum Bremer Mannschaftsbus.



Mit leiser Stimme versuchte er erst gar nicht, seinen Seelenkater zu verstecken. Die erbarmungslosen Fragen nach seinem Finaltrauma wirkten wie ein Gefühlsverstärker. "Das ist bitter", stammelte Frings, "ich bin enttäuscht und traurig." Auf der rechten Seite im Mittelfeld war der 32-Jährige zu weit weg vom Machtzentrum in der Mitte, um das Kreativ-Vakuum der Bremer zu füllen. Mit 71 Ballkontakten hatte er nur knapp halb so viele wie der überragende Donezk-Kapitän Dario Srna. Nationalmannschafts-Kollege Mesut Özil war in seinem ersten Endspiel sogar völlig überfordert, verließ kommentarlos die Arena. Aber für den 20-Jährigen wird es wohl nicht das letzte Finale gewesen sein.

Für Frings bleibt dagegen als bitteres Vermächtnis der Dienstreise nach Istanbul, dass ihm auf der Suche nach dem ersehnten internationalen Titel wie seinem Kumpel Michael Ballack die Zeit davonläuft. "Was sollen wir machen?", fragte er ratlos, "in einem Finale sind die Chancen immer 50:50." Frings zwang sich aber, den Blick nach vorn zu richten: "Wir haben noch eine Chance gegen Leverkusen im DFB-Pokal, die müssen wir nutzen." dpa

"Das ist ja das Schöne - wir haben noch ein Endspiel."

Klaus Allofs, Werder-Manager