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Tennis/Davis-Cup
Lernen von der lebenden Legende

Brisbane. Nach dem Klassenverbleib in Portugal tritt Boris Becker in Brisbane zum zweiten Mal im Davis Cup als Chef des deutschen Männertennis auf. Im DTB-Team geht die Tennislegende auf.

Boris Becker beißt auf die Zähne. Auch wenn die Wade noch so sehr schmerzt, lässt er sich kaum etwas anmerken. „Das ist doch das Unwichtigste überhaupt“, sagt Becker barsch: „Entscheidend sind nur die Spieler.“ Die eigenen Befindlichkeiten stellt die Tennislegende beim Davis Cup in Brisbane hinten an. In der DTB-Auswahl geht Becker als Mannschaftsspieler auf – und für seine Spieler sogar über die Schmerzgrenze hinaus.


Zum zweiten Mal ist Becker als „Kopf des deutschen Männertennis“ Teil der Nationalmannschaft. Nach dem ersten Abtasten während der erfolgreichen Relegation in Portugal mischt er in Australien deutlich engagierter mit. Manchmal sogar ein wenig zu übereifrig. Beim Basketball-Duell zwischen den Trainern und Spielern zog sich Becker einen Muskelfaserriss zu. „Da hat er es vielleicht ein bisschen übertrieben“, sagt Teamchef Michael Kohlmann lächelnd.

Der gebürtige Hagener weiß Beckers Engagement zu schätzen, als zusätzliche Fachkraft auf dem Trainingsplatz oder als Ratgeber neben dem Court. „Boris ist voll dabei, er bringt sich toll ein“, lobt Kohlmann. Gemeinsam leiten sie die Übungseinheiten, als „gute Kombination“, wie Becker selbst sagt. Er sucht das Gespräch mit den Spielern, und die hören dem dreimaligen Wimbledonsieger gerne zu. „Es ist etwas ganz Besonderes und eine große Hilfe, so eine Legende dabeizuhaben“, sagt Alexander Zverev.



Der Weltranglistenfünfte kennt Becker beinahe schon sein ganzes Leben. „Den ersten Kontakt zur Familie Zverev hatte ich, da war Sascha vier“, erzählt Becker. Seitdem habe sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Nach Zverevs bitterer Niederlage in Melbourne schaute Becker beim Frustabbau auf dem Trainingsplatz vorbei, am Telefon unterhielten sie sich über die kommenden Aufgaben.

Bei den Australian Open stand Becker als frisch ausgezeichneter TV-Experte im Fokus, im 1400 Kilometer entfernten Brisbane drängt es ihn jedoch nicht ständig in den Mittelpunkt. Die Auslosung am gestrigen Donnerstag verfolgte er hinter den Kameras und überließ anderen die große Bühne. Mit seinem Handy nahm Becker die Wassershow der Jetpack-Artisten auf und klatschte anerkennend Beifall. Es sei ihm ein Bedürfnis, sich um die deutschen Spieler zu kümmern, sagt er. Allerdings geschieht dies selten in aller Öffentlichkeit.

Schon als Erfolgstrainer des früheren Weltranglistenersten Novak Djokovic bewies Becker, dass er sich unterordnen und ein Team verstärken kann. Der Einsatz stimmt auch jetzt wieder, Beckers Schaffen im Davis Cup wird jedoch am sportlichen Erfolg gemessen. In den vergangenen drei Jahren setzte es jeweils Erst­rundenpleiten. Mit Becker soll es wieder mindestens ins Viertelfinale gehen, auch wenn er längst nicht so viel Verantwortung übernehmen kann wie früher. Als Spieler führte er sein Land zweimal zum Titel, von 41 Einzeln gewann er 38.

Seit August 2017 ist Becker zurück im Deutschen Tennis Bund (DTB), in dem er nicht immer so angesehen wie heute war. Diese Zeiten sind Geschichte. „Ich fühle mich hervorragend aufgehoben, es ist eine perfekte Situation“, sagt Becker und kündigt an: „Ich will diesen Job gerne noch ein paar Jahre machen.“ Beim Basketball sollte er sich in Zukunft allerdings etwas zurückhalten.