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Saarländerin startet durch
Lattwein ist mit vielem früh dran

St. Leon-Rot. Die 18-Jährige ist derzeit die einzige aktive saarländische Fußballerin in der Bundesliga. In Hoffenheim fühlt sich sie pudelwohl. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Manche Jungs und Mädchen machen mit 18 gerade ihr Abitur. Oder wissen noch gar nicht, was nach der Schule kommen soll. Lena Lattwein ist da anders. Sie ist sehr früh dran. Mit allem. Und ist es gewohnt, in ihrem Leben den Turbo einzulegen. Seit Sommer 2017 spielt die aus Hüttigweiler stammende Fußballerin bei der TSG 1899 Hoffenheim. Und da Kim Fellhauer sich beim SC Freiburg im Mai einen Kreuzbandriss zugezogen hat und Selina Wagner im Sommer vom SC Sand zur SV Elversberg wechselte, ist Lattwein derzeit die einzige aktive saarländische Fußballerin in der Frauen-Bundesliga.


Die seit vier Monaten volljährige Lattwein, eine zentrale Mittelfeldspielerin, feierte mit Hoffenheim einen perfekten Saisonstart. Nach einem 5:0 im DFB-Pokal bei Zweitligist 1. FC Köln gelang der TSG ein 1:0-Heimsieg gegen Turbine Potsdam und ein 4:1-Erfolg beim 1. FFC Frankfurt. Lattwein stand jeweils in der Startelf (gegen Frankfurt erzielte sie das 1:0) und dürfte auch an diesem Sonntag im Heimspiel gegen die SGS Essen (11 Uhr) gesetzt sein.

„Schon in der Vorbereitung habe ich in jedem Testspiel von Beginn an gespielt und hatte auch letzte Saison einige Spielzeiten. Ich fühle mich einfach sehr wohl hier“, sagt die junge Frau, deren Foto im Lexikon-Eintrag beim Wort „zielstrebig“ stehen könnte. In der Jugend spielte sie lange bei den Jungs der JFG Untere Ill, eignete sich dabei wichtige Fähigkeiten wie Zweikampfhärte an. Im Winter 2017 wechselte sie mit gerade mal 16 Jahren zum Zweitligisten 1. FC Saarbrücken, spielte sich sofort ins Rampenlicht und ging ein halbes Jahr später nach Hoffenheim.



Das Paket des Clubs von Mäzen Dietmar Hopp überzeugte Lattwein und ihre Eltern. „Studium und Fußball sind hier sehr gut unter einen Hut zu kriegen. Von meiner Wohnung in St. Leon-Rot ist es zum Trainings- und Nachwuchsleistungszentrum der TSG mit dem Auto fünf und dem Fahrrad zehn Minuten weit“, erzählt die Offensivspielerin. Lattwein ist nämlich nicht nur auf dem Fußballplatz eines der größten deutschen Talente des Jahrgangs 2000. Sie studiert in Mannheim im dritten Semester Wirtschaftsmathematik, hat dort ein Stipendium. Das erste Teilziel dazu ist 2020 der Bachelor-Abschluss. Passend dazu verlängerte sie gerade ihren Vertrag in Hoffenheim bis 2020. „Der Verein ist auf mich zugekommen“, sagt Lattwein, die einen sehr reflektierten Eindruck macht.

Ihr Studium macht der jungen Saarländerin viel Spaß. „Ich gehe gerne zur Uni. Und arbeite auch gerne zuhause. Auch wenn ich mal eine Stunde an einer Aufgabe sitze, um sie zu lösen. Es ist auch ein guter Ausgleich zum Fußball“, sagt Lattwein. Und wie auf dem Fußballplatz war sie auch in der Schule nicht nur sehr talentiert, sondern auch extrem ehrgeizig. „Meine Eltern sind da eher gechillt und müssen mich sogar eher bremsen und sagen: Mach mal halblang“, verrät Lattwein und muss lachen. 2017 machte sie am Illinger Illtal-Gymnasium ihr Abitur. Mit 1,0. Genauer gesagt mit 900 von 900 Punkten. „Also eigentlich wäre das dann sogar ein Schnitt von 0,7 statt 1,0“, sagt sie – als Mathematikerin ist ihr das zu glauben.

„Es bedarf natürlich eines guten Zeitmanagements“, erklärt Lattwein. Freizeit bleibt da eher wenig. Die Umstellung auf die erste eigene Wohnung, die sie schon mit 17 bezogen hatte, fiel ihr nicht schwer. Putzen, kochen, waschen – das volle Programm. „Ich koche sowieso gerne, kann mich zuhause in der Wohnung aber auch mal zurückziehen und in Ruhe lernen. Und abends kommen oft die Mädels.“ Die Mädels – das sind ihre Mitspielerinnnen und Freundinnen, die sie bei Training und Spielen eh fast jeden Tag sieht, mit denen die fußballspielende Studentin aber auch privat viel unternimmt. „Der Weg hierher war für mich die richtige Entscheidung. Man reift. Und wird sehr schnell erwachsen“, spricht Lattwein über ihren Umzug und den damit verbundenen neuen Lebensabschnitt. Auch wenn sie dadurch ihre Eltern und Schwester Aline seltener sieht. Wobei die drei die Auswärtsspiele der TSG in Bremen oder Potsdam öfter mal zu einem Wochenend-Trip nutzen. „Und einmal im Monat bin ich normal auf Heimatbesuch, zum Beispiel am spielfreien Wochenende“, sagt Lattwein.

Die Freude am Sport und am Studium treiben die 18-Jährige an. Eine große Karriere wird ihr eh schon seit Jahren vorausgesagt. „Der Rest kommt von selbst dabei“, sagt sie relativ entspannt. Um den Fokus auf die Schule zu legen, ist sie sogar einen ungewöhnlichen Schritt gegangen. Nach acht Toren in elf Jugend-Länderspielen und dem Sieg 2016 beim Uefa-Development-Turnier entschied sich Lattwein, ihre Karriere im Nationalteam auf Eis zu legen. „Im Sommer 2016 habe ich mich abgemeldet, um bewusst den Fokus auf die Schule zu richten“, erzählt sie und ergänzt zufrieden: „Ich bin gut damit gefahren. Ich will meine beste Leistung abrufen und sah so den besten Weg, mich weiterzuentwickeln.“ Über den Hoffenheimer Cheftrainer Jürgen Ehrmann gab es zuletzt wieder Kontakt mit den DFB-Trainern für die U19- und U20-Nationalmannschaft. Lattwein aber will sich zunächst einmal in der Bundesliga etablieren. Und wenn sie das im selben Tempo schafft wie andere Dinge in ihrem Leben, dürfte demnächst auch mal die künftige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei ihr anrufen.