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WM-Kolumne
Lasst die Tippspiele endlich beginnen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Ein Sportredakteur ist bei Fußball-Tippspielen einem besonderem Druck ausgesetzt. Die Erwartung an die eigene Kompetenz ist hoch, ebenso der Stolz beim Gewinnen. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Es gibt ja Dinge im Leben, auf die man stolz ist, ohne zu wissen warum. So wie bei mir eine Katze aus Speckstein, die ich einst im Kunstunterricht fertigte – und die eigentlich nur in den Augen einer liebenden Mutter wie eine Katze aussieht. So ein bisschen scheint das auch für Tippspiele zu gelten. So liegt in meinem E-Mail-Postfach immer noch eine Mail, die mich an den Gewinn des redaktionsinternen Prognosen-Wettbewerbs zur Bundesliga-Spielzeit 2012/2013 erinnert.


„Die Wahrheit ist bitter“, schrieb dazu ein Kollege, der auf dem letzten Platz landete. Der landete aber 2014 einen Coup, als er mit seinem Team den Teamwettbewerb beim Tippspiel der kompletten Redaktion gewann. Die Urkunde hängt immer noch an der Wand, daneben meine Urkunde über Platz zwei in der Einzelwertung des WM-Tippspiels 2010.

Als Sportredakteur setzt man sich durchaus unter Druck, den Ausgang von Fußballspielen besser als ein Kollege aus der Kultur oder Krake Paul zu tippen. Fallhöhe und so – Sie wissen schon. Spott und Frotzeleien drohen. Und die machen auch mehr Spaß als die meist recht niedrigen Summen an eingesetztem Wettgeld.

Aber im Grunde ist es doch ein großes Glücksspiel, ein einziges Fußball-Lotto. Was im Umkehrschluss keinen Grund zum Stolz bei einer vorderen Platzierung bedeutet. Aber eine WM macht so einfach mehr Spaß – und somit auch eigentlich langweilige Partien wie Japan gegen Senegal oder Panama gegen Tunesien.

Was natürlich vorkommt, ist, dass Tippspieler aus dem unteren Drittel der Tipptabelle irgendwann keine Tipps mehr abgeben. Dabei ist das taggenaue Tippen schon authentischer als die Variante, alle Spiele en bloc vor der WM zu prognostizieren. Wer hätte zum Beispiel vor vier Jahren geahnt, dass Costa Rica dicht am Viertelfinale kratzt? Oder dass Spanien, Italien und England allesamt nach der Vorrunde heimfliegen mussten?



„Mathematik und Fußball passen perfekt zusammen“, sagt dazu Matthew Benham. Der studierte Physiker ist leidenschaftlicher Fan und erfolgreicher Profiwetter. Er setzt auch auf Wahrscheinlichkeits-Berechnungen mit Hilfe mathematischer Modelle. Systematik statt Bauchgefühl? Oder sich an den Wettquoten orientieren? Ich bin da ja eher skeptisch. Und um Ihnen meinen überragenden Sachverstand zu beweisen, meine WM-Tipps für dieses Jahr: Deutschland verliert im Halbfinale gegen Brasilien, Brasilien siegt im Finale gegen Frankreich.

Sollte dies übrigens tatsächlich stimmen, hätte ich als Prämie gerne eine Katze aus Speckstein. Und zwar eine richtig schöne.