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Deutscher Leichtathletik-Verband: Kessings kniffliger Auftrag

Deutscher Leichtathletik-Verband : Kessings kniffliger Auftrag

Neuer DLV-Präsident übernimmt Leichtathleten, Saarländer wird Vize-Präsident.

Der Applaus war kaum verebbt, da erreichten Jürgen Kessing schon die großen Konfliktfelder. Angesprochen auf den wichtigen Anti-Doping-Kampf, die heikle Russland-Frage und den anhaltenden Mitgliederschwund zeigte sich der neue Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) voller Tatendrang. „Man will als Erstes die Welt verändern, am besten schon am nächsten Morgen“, sagte der 60-Jährige schmunzelnd, nachdem er mit 88,3 Prozent der Stimmen in einem Hotel in Darmstadt zum Nachfolger von Clemens Prokop gewählt worden war.

Kessing tritt ein schwieriges Erbe an. Prokop, der nicht mehr zur Wahl angetreten war, hat sich in seiner 17-jährigen Ära als Chefkritiker im deutschen Sport profiliert. Auch Kessing wird schnell Farbe bekennen müssen. Und der Bürgermeister der baden-württembergischen Stadt Bietigheim-Bissingen legte gleich entschlossen los. Ein wichtiges Thema, so Kessing, sei die Anti-Doping-Arbeit. „Da haben wir uns einen Vorsprung vor anderen Sportarten erarbeitet. Den gilt es zu verteidigen. Wir wollen Chancengleichheit für alle.“ Daher sieht er die Situation des gesperrten russischen Leichtathletikverbandes weiter kritisch: „Wenn man dem Glauben schenken darf, was sich da herauskristallisiert, hat das eine Systematik, bei der die Chancengleichheit eigentlich nicht mehr gegeben ist.“

Sein Vorgänger hatte sich als einer der Ersten für ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland eingesetzt und sich auch international einen exzellenten Ruf erkämpft. Prokop führte den Verband als Nachfolger von Helmut Digel zudem durch eine schwere sportliche Krise. Erst mit der mehr als gelungenen Heim-WM 2009 in Berlin ging es wieder bergauf.

Kessing, früher Stabhochspringer und Zehnkämpfer, lobte ausdrücklich die Arbeit von Prokop, der zum Ehrenpräsidenten des Verbandes ernannt wurde. „Ich freue mich, weiter auf seine Expertise zurückzugreifen“, sagte Kessing, sein Vorgänger sei ja nicht aus der Welt. Nun ist Kessing gefordert – auch im Ringen um Aufmerksamkeit, denn sein Verband hat in den vergangen zehn Jahren rund 75 000 Mitglieder verloren. „Ich habe den Eindruck, der Fußball stellt alles zu. Alles andere wird nicht mehr wahrgenommen“, sagte Kessing, der eine Erhöhung der DLV-Mitgliederzahl von 815 000 auf eine Million anstrebt. Die EM 2018 in Berlin vom 7. bis 12. August biete eine gute Gelegenheit, „uns wieder in den Vordergrund zu rücken“.

Unterstützung erhält Kessing überraschend von einem neuen Vize-Präsidenten aus dem Saarland: Heinz König, Mitglied des LAZ Saarbrücken, tritt im Präsidium die Nachfolge von Dagmar Freitag an. Der 62-jährige Unternehmer übernimmt das Wirtschaftsressort des DLV. König gehört auch dem Stiftungsrat der Sportstiftung Saar an.