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„Keine Medaillen um jeden Preis“

Ein Selfie mit dem Bundespräsidenten: Joachim Gauck, Bahnradfahrerin Kristina Vogel, Bundesinnenminister Thomas de Maiziere und Beachvolleyballerin Laura Ludwig (von links nach rechts) in Frankfurt auf dem Balkon des „Römer“. Foto: Frank May/dpa
Ein Selfie mit dem Bundespräsidenten: Joachim Gauck, Bahnradfahrerin Kristina Vogel, Bundesinnenminister Thomas de Maiziere und Beachvolleyballerin Laura Ludwig (von links nach rechts) in Frankfurt auf dem Balkon des „Römer“. Foto: Frank May/dpa FOTO: Frank May/dpa
Frankfurt. Die deutsche Olympia-Mannschaft ist zurück in der Heimat. Empfangen wurde sie mit einem großen Willkommensfest und von einem Bundespräsidenten, der bei all der Feierlaune auch die Schattenseiten des Sports nicht ausklammerte. Detlef Rehling,Sebastian Stiekel (dpa)

Auf dem Frankfurter Rathaus-Balkon standen die deutschen Sportler und schwenkten ihre schwarz-rot-goldenen Fähnchen. Unten auf dem Rathausplatz Römer jubelten ihnen tausende Zuschauer, Freunde und Verwandte zu. Mit einer bunten und prominent besetzten Willkommensfeier wurde die deutsche Mannschaft gestern nach ihrer Rückkehr aus Rio de Janeiro wieder in der Heimat empfangen.



Gauck: "Stolz auf Fairness"

Mitten in diesem Trubel stand Bundespräsident Joachim Gauck und vergaß bei aller Würdigung der Athleten nicht, auf die Schattenseiten des internationalen Spitzensports hinzuweisen. "Ich möchte nicht Präsident eines Landes sein, das Medaillen um jeden Preis will. Das hatten wir schon einmal in Deutschland", sagte das Staatsoberhaupt. "Wir wollen stolz auf das sein, was wir mit Fairness und mit eigenen Mitteln geschafft haben. Und das ist viel." Gaucks Rede war eine Anspielung auf das staatlich gelenkte Doping-System in Russland. Zeitgleich zur Rückkehr des deutschen Teams hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS den Ausschluss des russischen Teams von den Paralympics in Rio bestätigt (siehe Bericht ).

Die eigenen Sportler bedachte der Bundespräsident mit ungleich wärmeren und auch bewegenden Worten: "Deutschland sagt euch heute Danke. Wir lernen von euch allen - nicht nur von den Medaillengewinnern. Der Sport macht uns vor, dass man alles erreichen kann, wenn man an seine eigenen Potenziale glaubt." Das sei nicht nur für Sportler , sondern für die ganze Gesellschaft wichtig.

Die Athleten waren am Vormittag gelandet und mit mehreren Bussen in die Innenstadt gefahren worden. Der "Eiserne Steg", die bekannteste und auch zentralste Brücke über den Main, wurde kurzerhand zum "Walk of Fame", über den rund 300 Sportler , Trainer und Betreuer zum Römerberg wanderten. "Das war beeindruckend. Das hat man nicht so oft. Das ist ein schöner Abschluss, den wir alle zusammen einfach genießen", sagte Hockey-Kapitän Moritz Fürste .



Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel hatte bei dieser Feier besonders schwer zu tragen. Um ihren Hals baumelte die Goldmedaille, auf dem Kopf trug sie einen riesigen silberfarbenen Hut voller Federn und Bommeln. "Den habe ich von einer brasilianischen Samba-Tänzerin bei der Abschlussfeier bekommen. Ich wollte mich für heute herausputzen", sagte die 25-Jährige. Genau darum ging es dem Deutschen Olympischen Sportbund bei seiner Idee, auch die Rückkehr noch einmal zum großen Ereignis zu machen. Bunte Bilder, feiernde Sportler , große Emotionen.

Das alles war gewürzt mit ein paar Anekdoten aus dem Innenleben des Teams - etwa bei der beliebten Frage, wer denn seine Erfolge in Rio wie ausgiebig gefeiert hat. "Hockey war gestern auf Stube. Die haben einen Film gesehen. Das sagt doch alles", sagte Torwart Silvio Heinevetter . Die Handballer selbst haben natürlich ordentlich Gas gegeben. Obwohl die Sondermaschine der Lufthansa nach der Landung in Frankfurt "noch ganz gut aussah", wie Kapitän Uwe Gensheimer berichtete. "Da gibt es nicht viel zu reparieren."

Die nachdenklichen Zwischentöne des Bundespräsidenten kamen aber trotz Partystimmung gut an. Gauck habe "genau die richtigen Worte gefunden. Dass wir für fairen Sport stehen und nicht bloß die Medaillen zählen", sagte Kanu-Olympiasieger Max Hoff. Mit einer Rede allein war es für das Staatsoberhaupt aber nicht getan. Ob sie noch ein Selfie mit ihm machen wolle, wurde die Beachvolleyballerin Laura Ludwig gefragt. "Klar", sagte sie. "Da muss er jetzt durch."Nach dem Mammut-Programm aus Rio droht ARD und ZDF das Olympia-Aus. Für die nächsten Spiele haben die TV-Sender keine Rechte. Die Verhandlungen mit Discovery/Eurosport sind festgefahren. "Die finanziellen Vorstellungen liegen noch weit auseinander", sagt ZDF-Chefredakteur Peter Frey . "Wir haben unser Angebot auf den Tisch gelegt - und ich hoffe, dass wir noch zusammenkommen."

Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Die Positionen liegen weit auseinander. ARD und ZDF sollen für die Sub-Lizenzen der Winterspiele 2018 in Pyeongchang und der Sommerspiele 2020 in Tokio maximal 100 Millionen Euro geboten haben. Discovery soll geschätzte 150 Millionen Euro verlangen.

Offizielle Bestätigungen dieser Zahlen gibt es nicht, doch dass es fast ausschließlich um die Finanzen geht, ist klar. "Geld spielt sicher auch eine Rolle", sagt ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky: "Im Augenblick sind wir noch sehr weit voneinander entfernt." Discovery will sich gar nicht äußern.

Dem Ersten und dem Zweiten läuft die Zeit weg. "Die Deadline wird durch die redaktionellen und produktionellen Vorbereitungen gesetzt", sagt ZDF-Chfredakteur Frey. Für die Sender "spielt die Möglichkeit, beim Host Broadcaster OBS notwendige Buchungen wie für Studio- und Büroflächen, Kamera-Positionen und Interview-Möglichkeiten vornehmen zu können, eine entscheidende Rolle." Ein Vorlauf von zwei Jahren ist eigentlich das Minimum. Doch die nächsten Spiele beginnen in rund 18 Monaten am 9. Februar 2018. Die TV-Organisatoren von OBS drängen "uns schon, weil sie wissen wollen, welche Ausstattung wir in Südkorea brauchen. Je länger wir im Ungewissen sind, desto schmaler wird das Zeitfenster, um uns professionell vorzubereiten."

Es ist ein zäher Poker, der seit Monaten festgefahren scheint. "Wir haben großes Interesse, diese jahrzehntelange Tradition als Olympia-Sender nicht fallen zu lassen. Aber wir bewegen uns auch finanziell in einem abgesteckten Rahmen", sagt Frey. Klar ist inzwischen, dass ARD und ZDF auf keinen Fall exklusiv berichten werden. "Wir wissen, dass Eurosport auf jeden Fall parallel zu uns senden will", sagt Frey. "Das wirkt nach und nach wertmindernd."

Die öffentlich-rechtlichen werben mit ihrer besonders deutschen Sicht auf Olympia. Diese trauen sie dem US-Unternehmen Discovery mit dem Sender Eurosport nicht zu. Für den Zuschauer stelle sich "die Frage, ob er - vor allem was die deutschen Sportler angeht - in der gleichen Qualität und in der gleichen Fokussierung bei Olympischen Spielen informiert wird wie jetzt bei ARD und ZDF ", sagt Frey.

Discovery scheint sich in einer guten Verhandlungsposition zu sehen. Sein Unternehmen wolle einen "Teil der Exklusivität für unsere eigenen Kanäle", hatte Eurosport-Geschäftsführer Peter Hutton Anfang des Jahres gesagt. Das Unternehmen müsse "nicht unbedingt sublizensieren, wir haben eigene Free-TV-Kanäle". Andererseits wären die rund 100 Millionen aus dem deutschen Markt für zwei Spiele eine gute Einnahme im Vergleich zu den Gesamtkosten für Discovery. Das US-Unternehmen hatte sich im Sommer des vergangenen Jahres überraschend die Rechte für den europäischen Markt von 2018 bis 2024 gesichert und dafür 1,3 Milliarden Euro bezahlt.

Die Segler Ferdinand Gerz, Erik Heil und Thomas Plössel (von links). Foto: Andreas Arnold/dpa
Die Segler Ferdinand Gerz, Erik Heil und Thomas Plössel (von links). Foto: Andreas Arnold/dpa FOTO: Andreas Arnold/dpa
ZDF-Chefredakteur Peter Frey ist skeptisch, ob die Olympischen Spiele 2018 und 2020 bei den Öffentlich-Rechtlichen von ARD und ZDF zu sehen sein werden. Foto: Rainer Jensen/dpa
ZDF-Chefredakteur Peter Frey ist skeptisch, ob die Olympischen Spiele 2018 und 2020 bei den Öffentlich-Rechtlichen von ARD und ZDF zu sehen sein werden. Foto: Rainer Jensen/dpa FOTO: Rainer Jensen/dpa