Keine Kloppertruppe, aber bekloppte Fans

Keine Kloppertruppe, aber bekloppte Fans

Die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und Polen startet am kommenden Freitag, 8. Juni. Mit der Vorstellung des deutschen Gruppengegners Niederlande endet heute unsere Serie "Die EM-Teilnehmer".

Saarbrücken/Quierschied. Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 war ein denkwürdiges. Mit 47 Fouls und 13 Gelben sowie einer Gelb-Roten Karte war es eines der brutalsten Endspiele überhaupt. Vor allem den Niederländern, die Spanien nach Verlängerung mit 0:1 unterlagen, eilte danach der Ruf einer Kloppertruppe nach. Auch die Duelle der "Elftal" gegen Deutschland waren meistens denkwürdig - wie das WM-Finale 1974, das Deutschland im eigenen Land mit 2:1 gewann. Oder beim letzten WM-Sieg der Deutschen, als sie 1990 in Italien die Niederlande mit dem gleichen Ergebnis aus dem Achtelfinale kickten.Bei den EM-Vergleichen haben die Niederländer leicht die Nase vorn. Zuletzt gab es in der Gruppenphase der EM 2004 in Portugal ein 1:1. Die deutsche Elf schied nach der Vorrunde aus. 1992 in Schweden erreichte Deutschland das Finale (0:2 gegen Dänemark), verlor in der Gruppenphase aber gegen das Nachbarland mit 1:3. Im Halbfinale der EM 1988 warfen die Niederländer Gastgeber Deutschland mit 2:1 aus dem Turnier und holten den Titel (2:0 gegen die UdSSR). Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine treffen beide Rivalen wieder in der Vorrunde aufeinander. Der letzte Vergleich im November 2011 endete mit 3:0 für Deutschland.

"Ich hoffe, dass beide weiterkommen", sagt Hendrik Grätz. Der in Deutschland geborene 26 Jahre alte und in Quierschied lebende Hobby-Fußballer ergänzt aber: "Wenn sie im Finale aufeinander treffen, dann bin ich für die Niederlande. In der Vorrunde gewinnen wir 2:1." Sein Vater ist Holländer. Aus diesem und einem anderen Grund sind er und sein älterer Bruder Manuel Anhänger der "Oranjes": "In Deutschland wurde immer schon gegen die Niederlande gehetzt, und von daher habe ich eine Sympathie für sie entwickelt. Außerdem ist Holland ein geiles Land", erklärt er. Und weil er das Land so geil findet, will er die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen.

Dass der Vize-Weltmeister in diesem Jahr vorzeitig die Segel streichen muss, scheint unwahrscheinlich. Zwar hat er mit Deutschland, Portugal und Dänemark nicht gerade die leichteste Gruppe erwischt. Doch nach einer souveränen Qualifikation mit neun Siegen aus zehn Spielen kann die Mannschaft mit breiter Brust zur EM reisen. Ihr Prunkstück ist die Offensive. Nur wenige Mannschaften bei der EM können auf eine so namhafte und schlagkräftige Angriffsabteilung zurückgreifen, wie die Niederländer. Mit Arjen Robben (Bayern München) und Klaas-Jan Huntelaar (Schalke 04) gehören dazu zwei Bundesliga-Legionäre. Zu ihnen gesellen sich mit Robin van Persie (FC Arsenal), Rafael van der Vaart (Tottenham Hotspur), Dirk Kuyt (FC Liverpool, wechselt zu Fenerbahce Istanbul) und Wesley Sneijder (Inter Mailand) vier weitere Topstars. Sie zu einem funktionierenden Ganzen zu machen, ist die Aufgabe von Trainer Bert van Marwijk. Der Ex-Trainer von Borussia Dortmund (2004 bis 2006) ist ein Anhänger der offensiven Spielweise.

Ob diese von Erfolg gekrönt wird, verfolgt die Familie Grätz wie immer unter einer großen Fahne der Niederlande im Garten. Hendrik Grätz wird dabei von Kopf bis Fuß in orange gekleidet sein - auch, weil er eine elementare Eigenschaft der niederländischen Fans so schätzt: "Die sind alle bekloppt."

Hintergrund

Zwar hatte die Niederlande in der EM-Qualifikation mit Schweden einen hartnäckigen Verfolger. Doch nach dem neunten Sieg im neunten Spiel (1:0 gegen Moldawien) standen die "Oranjes" als Sieger der Gruppe E fest. Erst am letzten Spieltag kassierten sie gegen Schweden (2:3) ihre einzige Niederlage.

Garanten für die beeindruckende Bilanz von 37:8 Toren waren Klaas-Jan Huntelaar, mit zwölf Treffern erfolgreichster Torschütze der gesamten EM-Qualifikation, sowie Robin van Persie und Dirk Kuyt (je sechs Tore). zen