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Saarsport braucht Zuschüsse
Kaum überlebensfähig ohne Fördergelder

Patrick Franziska soll nicht einfach nur für den 1. FC Saarbrücken in der Tischtennis-Bundesliga aufschlagen, sondern auch dem Olympiastützpunkt in Saarbrücken eine Olympia-Medaille bescheren.
Patrick Franziska soll nicht einfach nur für den 1. FC Saarbrücken in der Tischtennis-Bundesliga aufschlagen, sondern auch dem Olympiastützpunkt in Saarbrücken eine Olympia-Medaille bescheren. FOTO: dpa / Ronny Hartmann
Saarbrücken. Der Saarsport ist auf Zuschüsse angewiesen. Zuletzt sorgten der Verstärkungsfonds und Gelder für Patrick Franziska für Schlagzeilen. Von Mark Weishaupt
Mark Weishaupt

Wer wird mit welchem Geld im saarländischen Sport gefördert? In welcher Höhe? Und warum? Diese Fragen gewinnen seit Bekanntwerden des Finanzskandals beim Landessportverband für das Saarland (LSVS) an Brisanz. Politiker und Medien fordern Transparenz, wie die Geldflüsse im saarländischen Sport funktionieren. Im Geflecht zwischen LSVS, der Saarland Sporttoto GmbH (kurz Saartoto), an der der LSVS zu drei Siebteln beteiligt ist, und allerlei anderen finanziellen Fördertöpfen wie dem beim saarländischen Innenministerium angesiedelten „Förderausschuss Spitzensport“ fällt es schwer, den Überblick zu behalten.


Aktuell macht der sogenannte „Verstärkungsfonds“, den Saartoto aufgelegt hat, Schlagzeilen. Gestern teilte der LSVS mit, was es mit dem „Verstärkungsfonds“ auf sich hat. „Der Aufsichtsrat der Saarland Sporttoto GmbH hat im März 2016 sowohl für den Bereich Kultur als auch für den Sport jeweils einen Verstärkungsfonds in Höhe von 250 000 Euro aufgelegt“, hieß es in einer Mitteilung von LSVS-Geschäftsführerin Karin Becker: „Damit soll besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen werden.“

Weil 2016 ein sechsstelliger Betrag in den saarländischen Tischtennissport geflossen sein soll – unter anderem zur Finanzierung des Nationalspielers Patrick Franziska – schlagen die Wellen hoch. Schließlich hat der LSVS ein Finanzloch in Millionenhöhe zu beklagen. Der exakte Betrag ist immer noch nicht ermittelt.

Und trotzdem fließt weiter Geld – im vorliegenden Fall für einen jungen Mann, der 2017 Team-Europameister mit der deutschen Auswahl wurde und in der Bundesliga für den 1. FC Saarbrücken aufschlägt. Gerechtfertigt? Unnötig? Zu hoch? Erwin Berg, der sportliche Leiter des FCS, hat dazu eine klare Meinung: „Nationale und internationale Spitze mit Olympia-Chancen im Tischtennis ohne Mittel aus dem Verstärkungsfonds und aus dem Förderausschuss Spitzensport wären nicht möglich.“ Im Klartext: Ohne Fördergelder könnte der FCS zusperren.

Nicht anders geht es vielen anderen Sportarten an der Saar, die in der Bundesliga aktiv sind – auch sie hängen am Tropf der Fördertöpfe, können in der Regel aus eigener Kraft kaum arrivierte Sportler verpflichten oder im Saarland halten. Hinter Top-Sprinterin Laura Müller (LC Rehlingen) war etwa die halbe Leichtathletik-Republik her, Triathlon-Weltstar Jan Frodeno (LAZ Saarbrücken) war nach seinem Olympiasieg 2008 nur über zusätzliche finanzielle Förderung zu halten.



„Mit Patrick Franziska hat das Saarland eine Riesenchance auf eine Olympia-Teilnahme und mit der deutschen Tischtennis-Nationalmannschaft auf eine olympische Medaille“, sagt LSVS-Geschäftsführerin Becker. Edelmetall beim größten Sportereignis der Welt – das ist die harte Währung, die für die deutschen Olympiastützpunkte essenziell und überlebenswichtig ist. Nicht anders ist es in Saarbrücken an der Hermann-Neuberger-Sportschule. 2008 überraschte „Frodo“ mit Gold in Peking, 2012 brachte Tischtennis-Profi Bastian Steger, damals in Diensten des FCS, Bronze im Team-Wettbewerb von den Spielen in London zurück. 2016 blieb das saarländische Medaillenkonto leer. Umso wichtiger wäre eine Medaille von Franziska und seinen Nationalmannschaftskollegen Dimitrij Ovchtarov und Timo Boll 2020 in Tokio.

„Die Entscheidung, Patrick Franziska in besonderer Weise zu fördern, ist vergleichbar mit der früheren Förderung von Jan Frodeno“, sagt Becker. Zahlen nannte der LSVS keine – dem Vernehmen nach soll es sich um etwa 90 000 Euro im Jahr handeln. Ein durchaus marktüblicher Verdienst eines Spielers mit dem Niveau von Franziska, manche Experten halten den Betrag sogar für günstig.

Neben dem Geld für Franziska floss laut LSVS-Mitteilung im Tischtennis Unterstützung zur Finanzierung von Bundes- und Landestrainern. Werner Laub, der Präsident des Saarländischen Tischtennis-Bundes (STTB), wird zitiert mit den Worten: „Ohne die Unterstützung des Verbandes und insbesondere aus dem Verstärkungsfonds wären wir die letzten beiden Jahre nicht lebensfähig gewesen.“ Der Saarbrücker Zeitung liegen Dokumente vor, die besagen, dass vom Saartoto-Aufsichtsrat neben dem Geld für Spieler Franziska ein sechsstelliger Betrag unter dem Betreff „Tischtennis Bund/Trainer“ bewilligt wurde. Ob dieser Betrag floss und wofür dieser Betrag genau eingesetzt wurde, darüber gibt es keine Erkenntnisse. Für die Jahre 2017 und 2018 sollen laut den vorliegenden Dokumenten knapp eine Viertelmillion Euro aus dem Verstärkungsfonds in die Sportarten Badminton, Ringen, Rudern und Triathlon fließen.

Zurück zum Tischtennis: Dass im vorliegenden Fall sowohl ein Spitzenspieler als auch der Verband vom Saartoto-Verstärkungsfonds profitieren, ist ausdrücklich gewollt. „Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich der Saarsport um eine Balance zwischen Breiten- und Spitzensport bemüht“, formuliert es Karin Becker: „Durch die oben genannten Ausgaben sind dem Breitensport keinerlei Mittel entzogen worden. Es ist und bleibt wichtig, dass Spitzen- und Breitensport nicht gegeneinander ausgespielt werden, stattdessen sich gegenseitig befruchten und unterstützen.“