"Kata ist wie Tanzen"

Saarlouis. Vor wenigen Sekunden hätte man in der kleinen Turnhalle des Max-Planck-Gymnasiums noch eine Stecknadel fallen hören können. Jetzt, nach einer Phase größter Konzentration, geht im Jugendtraining des Karate-Zentrums Saarlouis die Post ab. "Kiai!", schmettert ein markerschütternder Kampfschrei aus 20 jungen Kehlen und lässt die Wände wackeln

Saarlouis. Vor wenigen Sekunden hätte man in der kleinen Turnhalle des Max-Planck-Gymnasiums noch eine Stecknadel fallen hören können. Jetzt, nach einer Phase größter Konzentration, geht im Jugendtraining des Karate-Zentrums Saarlouis die Post ab. "Kiai!", schmettert ein markerschütternder Kampfschrei aus 20 jungen Kehlen und lässt die Wände wackeln. Synchron und in einer Linie stürmen die mit gelben und orangenen Gurten dekorierten Weißkittel angriffslustig nach vorne und schicken gezielte Fußtritte in Richtung eines imaginären Gegners. Alexander Simon schaut dem Treiben aufmerksam zu. Der Trainer und Vorsitzende des 1974 von Wolfgang Gutte gegründeten Vereins steht den angreifenden Schülern frontal gegenüber und überprüft die Ausführung des "Mae-Geri". Die gezeigte Fußtechnik gehört zum Standard-Programm, das die Mädels und Jungs in der bald anstehenden Prüfung beherrschen müssen. Und natürlich wollen sie auch an diesem Samstag in der Fliesenhalle ihr Können zeigen, wenn Carlo Fugazza dort ab 10 Uhr zum Lehrgang bittet.

Der Besuch des italienischen Großmeisters ist der jährliche Höhepunkt im Vereinsleben. "Er wird mit den Teilnehmern Grundtechniken einüben und zeigen, wie man sie bei Partnerübungen anwendet, kombiniert und verfeinert", verrät Julius Haub, Träger des 5. Dan.

Der Saarlouiser Trainer stellte den Kontakt mit dem 60 Jahre alten Globetrotter und mehrfachen Vizeweltmeister einst her. Seit 1997 kommt der Träger des 8. Dan schon in die Kreisstadt. Als Trainer gewann der Schüler des japanischen Großmeisters Hiroshi Shirai mit der italienischen Nationalmannschaft 1990 in Mexiko den WM-Titel. Heute reist der Ausnahme-Karateka durch ganz Europa und gibt sein über Jahrzehnte gesammeltes Fachwissen in Seminaren und Lehrgängen weiter.

Fugazza praktiziert "Shotokan", die Stilrichtung, die auch in dem rund 100 Mitglieder zählenden Saarlouiser Karate-Zentrum gelehrt wird. Die Trainingsphilosophie des Italieners ist einfach, aber effektiv: Seine Schüler müssen verstehen, was sie machen. Wenn sie die Prinzipien von Distanz, Angriffs- und Abwehrverhalten erst verinnerlicht haben, können sie später besser auf den Partner reagieren. Beim Fugazza-Lehrgang in der Fliesenhalle sind alle saarländischen Karateka willkommen, vom Kindes- bis Seniorenalter. Selbstverständlich mischen dort auch die Nachwuchs-Karatekas vom Karate-Zentrum Saarlouis mit, die den Samstag kaum noch erwarten können. "Ich zeige dann den ,Mae-Geri', den haben wir ja gut trainiert", sagt Maurice Comtesse, 8, stolz. Jasmin Scherer ist ein Fan der Kata, des Schattenkampfs gegen einen imaginären Gegner. "Kata ist wie Tanzen. Du musst dir viele Schritte merken, sie immer wieder üben und dann genauso vormachen. Das macht viel Spaß", freut sich die Zehnjährige auf ihr Karate-Tänzchen mit dem italienischen Großmeister.