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Kasteien für den Erfolg

Kasteien für den Erfolg

In den USA ist der Kampfsport Mixed Martial Arts populärer als Boxen, in Deutschland umstritten. Der Saarbrücker Janis Mudrich betreibt einen verwandten Sport, Brazilian-Jiu-Jitsu, und nimmt an der EM teil.

Meist hat er Kopfhörer auf. Auf dem Laufband eh, auf der Treppen-Geh-Maschine, wenn er Klimmzüge macht, Medizinbälle schleudert, Autoreifen rumschleppt, Gewichte stemmt, Taue schwingt. Die Musik gibt seinem Training den Takt vor. Seit vier Monaten. Tagein, tagaus. Die Taktung hingegen übernimmt sein Ehrgeiz. "Ich habe zwei Mal am Tag trainiert. Mindestens", erzählt Janis Mudrich in einer Trainingspause. Er ist Brazilian-Jiu-Jitsu-Kämpfer. Er trainiert im Power-Out-Centrum in Saarbrücken/Ost. Gemeinsam mit seinem Team, das sich RFS-Team/Carlson Gracie Germany nennt, ist Mudrich derzeit bei den offenen Europameisterschaften in Lissabon.

Drei Etagen hat das Studio. Im Erdgeschoss eine Kampfhalle, in Etage eins auch, in Etage zwei das Kraftstudio. All das braucht ein Kämpfer wie Mudrich. "Wir machen keine Show", betont Mudrich. Es gibt keinen "Stare Down", keine Kämpfer, die sich beim Wiegen bereits mit den Augen verprügeln, kein "Trash-Talk", kein Abkochen vor Kämpfen. "Wir stellen uns auf die Waage, gehen auf die Matte, schütteln uns respektvoll die Hände und kämpfen."

Heute wird Mudrich dieses Ritual in Portugal aufführen. In Lissabon geht es für ihn hauptsächlich um Hebel, Griffe, um Schnelligkeit, Konzentration, Flexibilität, weniger um Kraft. "Vereinfacht gesagt", erklärt Mudrich, "ist Brazilian Jiu-Jitsu eine Mischung aus Judo und Ringen. Der Unterschied ist, dass bei uns noch etwas mehr erlaubt ist." Ein Kampf dauert sechs Minuten, meist gibt aber einer vorher auf. Seit vier Monaten bereitet er sich mit Akribie vor. Angeleitet von vier Trainern. Von Arasch Eghbali - er ist der Cheftrainer des RFS-Teams. Dazu kümmern sich vom Power-Out-Team Francois Hainka (Kraftausdauer) und Enzo Schiel (Ernährung) um den Sportler. "Wir organisieren unser Training selbst", erklärt Mudrich: "Einen ernsthaften Verband haben wir nicht."

Janis Mudrich trainiert in seiner Freizeit. Da passt es auf den ersten Blick natürlich, dass er Kommunikations-Design-Student an der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken ist. Das laufende Semester ist sein fünftes - und sein erstes, in dem er seinen Seminarplan nach dem Trainingsplan richtet. Was nicht passt, ist der Umstand, dass Mudrich erfolgreich Partys im Saarbrücker Nachtleben veranstaltet: "Manchmal komme ich um 6 Uhr in der Früh aus dem Club und bin um 9 Uhr im Studio." Nachtleben und professionelles Trainieren? "Das ist schon ein Zwiespalt", gesteht Mudrich. Aber auch eine Probe für die Selbstdisziplin. Er verzichtet monatelang auf Alkohol, raucht nicht mehr, ernährt sich gesund, liest im Supermarkt Inhaltsstoff-Angaben. "Der Sport hat mein Leben komplett verändert", sagt er. Das Kämpfen mache demütig, vermittele Respekt vor dem Gegner und vor sich selbst.

2014 will er "einfach wissen, was möglich ist". Nach Lissabon will er in Rom kämpfen, in München, Köln, Amsterdam. Auf eigene Kosten. "In Deutschland sind wir noch nicht mal eine Randsportart", sagt Mudrich. In seiner Gewichts- (bis 76 Kilo) und Gurtklasse (Blau) hat er auf heimischem Boden bisher kaum verloren. Doch das Interesse an Brazilian-Jiu-Jitsu steige. Der Grund ist Mixed Martial Arts (MMA), bekannt als "Käfigkampf". Einige der 2000 gemeldeten Kämpfer in Lissabon sind MMA-Profis. "Sie wollen sich im Bodenkampf verbessern", sagt Mudrich.

In den USA hat Mixed Martial Arts bessere Einschaltquoten als Boxen. Die Sportler sind anerkannt, alles in allem ein sehr lukratives Pay-TV-Geschäft. Deutschland diskutiert die Käfigkämpfe(r) ob vermeintlicher Brutalität immer noch undifferenziert. Zuletzt ist mit Saba Bolaghi ein deutscher EM-Bronzeringer von der RWG Mömbris-Königshofen ins Profi-MMA-Geschäft gewechselt. Bessere Perspektiven verspricht er sich.

"Die Kampfkassen sind auch in Deutschland okay", sagt Mudrich. Aber da ist auch viel Show dabei. Die mag er nicht so. Er schüttelt lieber Hände. Doch auch dazu muss er sich disziplinieren, kasteien, verzichten. Auch auf das Essen seiner Freundin Raffaella. Sie ist Sizilianerin, kocht gerne und "sehr gut. Und ich darf es nicht essen", seufzt Mudrich, dem nur eines nicht schmecken würde: "Wenn ich im ersten Kampf nach vier Sekunden rausfliege." Daher setzt er lieber noch mal die Kopfhörer auf.

Zum Thema:

Auf einen BlickDer Brazilian-Jiu-Jitsu-Kampf startet im Stand (Schläge, Tritte, Kratzen, Beißen etc. sind verboten) und wird meistens nach einem "Takedown" am Boden fortgesetzt und beendet. Der Kämpfer hat zwei Möglichkeiten, um den Kampf zu gewinnen. Im BJJ erhalten die Kämpfer für bestimmte Positionen oder Aktionen, die für sie vorteilhaft sind oder den Kampfverlauf zu ihren Gunsten ändern, Punkte. Unabhängig vom Punktestand besteht jederzeit die Möglichkeit, den Gegner mit einer Unterwerfung zur Aufgabe zu zwingen, die dieser durch Klopfen mit der Hand auf die Matte, seinen Körper oder den des Gegners symbolisiert. Vom Saarbrücker RSF-Team sind insgesamt sechs Sportler nach Lissabon zur EM gefahren. Dies sind neben Janis Mudrich noch Roman Kapranov, Marco Auler, Alexander Neufang, Alexej Bauer und Fabian Bendun. kip