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Leichtathletik-EM in Berlin
Kampf um die Zukunft im Olympiastadion

Berlin. Die Athleten loben bei der EM die tolle Stimmung, auch wenn die Wettkämpfe nicht frei von Pannen sind. sid

Als Diskus-König Robert Harting zum letzten Versuch antritt, hält es die meisten der 37 125 Zuschauer nicht mehr auf ihren Sitzen. Die Stimmung kocht, die EM erlebt einen ihrer gut geplanten Höhepunkte. Und das Berliner Olympiastadion beweist, dass es eine richtig gute Leichtathletik-Arena sein kann. Nur wie lange noch?


Grund für die Ungewissheit ist der Hauptmieter Hertha BSC. Der Fußball-Bundesligist fühlt sich in der Fünf-Sterne-Arena nicht mehr wohl, da bei Heimspielen die Riesenschüssel oft nur zur Hälfte gefüllt ist. Die Alte Dame will ausziehen oder hofft auf einen Umbau, dem die blaue Laufbahn um den Rasen herum zum Opfer fallen könnte. Damit wäre das Aus der Leichtathletik in der Arena besiegelt.

Die Athleten schlagen Alarm. Mit der Verbannung aus dem Olympiastadion würde ihrer Sportart in Deutschland die letzte Groß-Arena genommen werden, die Schauplatz für eine WM sein kann. „Die Kern­sportart der Olympischen Spiele aus dem Olympiastadion zu verbannen, ist das Dümmste, was man machen kann“, sagte Top-Sprinterin Gina Lückenkemper, der neue Star der deutschen Leichtathletik, nach ihrer Silber-Party auf der blauen Bahn über 100 Meter.



Zuletzt wurde zwischen Hertha und dem Berliner Senat auch ein Umbau erörtert, der den Wegfall der Laufbahn vorsieht. Für große Leichtathletik-Events könnte diese aber temporär wieder installiert werden. Ein Ansatz, dem auch Diskus-Ass Harting einiges abgewinnen kann. „Wir sind doch ein Land der Ingenieure. Warum kriegt man keine Multifunktionsarena hin? Sollen sie doch die Köpfe zusammenstecken“, sagte der Berliner über sein „Wohnzimmer“, in dem er beim traditionellen Stadionfest (Istaf) am 2. September seine erfolgreiche Karriere endgültig beenden wird.

In der Tat hängen viele Leichtathleten an der Arena, die historisch eine besondere Bedeutung hat. 1936 gewann dort der dunkelhäutige Jesse Owens zum Verdruss der Nazi-Gastgeber vier Mal olympisches Gold. 2009 bei der WM stürmte Owens Nach-Nachfolger Usain Bolt zu seinen beiden Fabel-Weltrekorden über 100 und 200 Meter, die heute noch Bestand haben. Noch heute schwärmt Bolt über die magischen Wettkämpfe in der Bundeshauptstadt.

Doch die EM-Organisatoren müssen auch feststellen, dass es nicht so einfach ist, eine solche Schüssel bei einer EM zu füllen. Auch bei Hartings Abschied blieben viele Reihen im weiten Rund frei, dennoch schwärmten die Athleten. „Es war noch deutlich besser als 2009. Es war wunderschön“, sagte Harting.

Doch auch das Olympiastadion ist bei einer solchen EM nicht vor Pannen geschützt. Höhepunkt der Misere war am Mittwochabend der Weitsprung der Männer, bei dem mehrfach falsch gemessen wurde. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Silbermedaillengewinner Fabian Heinle: „Ich wusste lange nicht, welchen Platz ich belegt hatte.“ Heinle legte zwischenzeitlich auch Protest ein, weil ein Versuch deutlich zu kurz gemessen wurde. Am Ende blieb es für ihn bei Platz zwei. Mit zwei Mal gesprungenen 8,13 Metern wurde Heinle Zweiter hinter dem Griechen Miltiadis Tentoglou, der 8,25 Meter sprang. „Vielleicht wäre noch was gegangen, ich bin aber auch mit der Silbermedaille zufrieden“, sagte Heinle.

Die falsche Messung sei „fatal, dass gleich bei mehreren Athleten Fehler passiert sind. Das ist ein unsäglicher Zustand“, sagte Bundestrainer Uwe Florczak. Ein wenig sind die EM-Macher auch zu einem Opfer des Innovations-Wahns geworden. „Ganz ehrlich, ein einfaches Bandmaß wäre mir lieber. Aber zumindest das Stecken des Abdrucks wie beim Speerwurf oder Diskus wäre schon ein Fortschritt“, sagte Florczak.

Schuld war am Ende das Video-Messsystem, das mehrfach falsche Weiten angezeigt hatte. Es habe sich nicht um einen Messfehler, sondern einen Bedienfehler gehandelt, sagte Florczak über den Wettkampf bei schwierigen Lichtverhältnissen: „Sie haben Schatten gemessen.“