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Jungmanns Abschiedstour bei der HG Saarlouis wird zur Hängepartie

Kostenpflichtiger Inhalt: Handball : Abschiedstour wird zur Hängepartie

Bei der HG Saarlouis sollte am Saisonende eine Ära enden. Ob Richard Jungmann wie geplant abtreten kann, ist noch offen.

Sechs Spiele noch, dann sollte Schluss sein. Das Ende der Saison 2019/2020 in der 3. Handball-Liga Süd sollte bei der HG Saarlouis auch das Ende einer Ära sein: Vorsitzender, Manager, Macher, Mädchen für alles – Richard Jungmann wollte nach 13 Jahren in führender Rolle seinen Platz räumen. „Entscheidungsträger müssen in diesen Zeiten eine gewisse Gelassenheit und Ruhe ausstrahlen“, sagt Jungmann: „Ich fühle mich rüstig und agil. Dennoch ist es der richtige Zeitpunkt für eine Übergabe.“

Am 18. April wäre das letzte Heimspiel der Saison – und Jungmanns Abschied auf der großen Bühne in der Stadtgartenhalle. Die Mitgliederversammlung mit seinem offiziellen Ausscheiden ist für den 28. Juni terminiert. „Aufgrung der aktuellen Ereignisse müssen wir abwarten, ob das so erfolgen kann. Ich werde natürlich die Verantwortung weitertragen, bis die Versammlung entschieden hat“, sagt Jungmann.

Was er nach seinem Rückzug mit der neuen Freizeit anfangen möchte, weiß Jungmann noch nicht. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, sagt er. Warum er jetzt – und trotz schweren Herzens selbstbestimmt – das Ruder abgeben möchte, erklärt er so: „Verantwortung braucht bedingungslose Motivation. Wenn alles zur Routine wird, braucht es neue Leute, die mit neuen Ideen neue Impulse setzen. Die dürfen dann auch Fehler machen, das habe ich auch bei der ein oder anderen Einschätzung in der Vergangenheit. Eins ist aber wichtig: Egal wann, diese Übergabe erfolgt bei uns in bestem Einvernehmen.“

Trainer Philipp Kessler hat seinen Vertrag bereits um zwei Jahre verlängert. Er soll künftig gemeinsam mit dem sportlichen Leiter Mathias Ecker die Führung der HG übernehmen. Ex-Spieler Danijel Grgic wird U19-Trainer und Jugendkoordinator. Mannschaftsarzt Dr. Holger Groß soll den Vorsitz des SC Saargold Lisdorf einnehmen.

Aktuell aber ruht der Trainings- und Spielbetrieb wie in allen Sportarten. Ob die verbleibenden sechs Partien überhaupt noch ausgetragen werden, ist völlig offen. Jungmanns Abschiedstour wird zur Hängepartie. „Die Dimension der Auswirkungen der Corona-Pandemie können wir noch gar nicht richtig absehen. Weder gesundheitlich, noch wirtschaftlich“, sagt der Noch-Vereinschef Jungmann: „Wir gehen jetzt mal davon aus, dass all unsere Sponsoren an Bord bleiben. Aber Garantien, dass alle Unternehmen nach der Krise uns noch unterstützen können, gibt es nicht.“

Ein Wegfall der letzten drei Heimspiele würde ein Loch in „niedriger fünfstelliger Höhe“ in den Etat reißen, die Absage der Saarlouiser Emmes trifft den Verein etwa genau so hart. „Wir sind in Schwierigkeiten, aber es sind noch keine Existenznöte“, sagt Jungmann: „Wir sprechen mit den Spielern über Kurzarbeit und den anstehenden Jahresurlaub.“ Jungmann, der früher als Verwaltungsangestellter im Umweltministerium gearbeitet hat, betreibt das Krisenmanagement genauso, wie er den Verein immer geführt hat: „Besonnen und komplex denkend.“

Es sind nicht die schönsten Zeiten für Vereins-Funktionäre. „Die Zeit als Spieler war ohnehin die beste. Da kommt nix dran“, sagt Jungmann lachend. 1957 begann seine Spielerkarriere in der Jugend des SC Lisdorf. Von 1968 bis 1980 spielte er in der ersten Mannschaft, 1981 war er Spielertrainer. „Wir sind dann in die 2. Liga aufgestiegen“, erinnert er sich: „Am gleichen Abend hat Nicole den Grand Prix gewonnen. Ein großer Tag für das Saarland.“

Auch mit dem TV Niederwürzbach und an der Seite von Rudi Hartz stieg Jungmann in die 2. Liga auf, legte den Grundstein für die große Zeit des Saar-Handballs und unglaubliche Handball-Feste im Sportzentrum Homburg-Erbach. „Als Trainer bist du mehr Dompteur“, sagt er heute: „Die vorbehaltlose Freude eines Spielers hast du nicht mehr.“

1997 erwischte ihn der Krebs. Jungmanns Rachen wurde operiert, Intensivbehandlung war erforderlich. Es ist ein Thema, das zu ihm gehört, das er aber ungern in den Mittelpunkt rückt. Gestützt von der Familie kämpfte sich Jungmann zurück ins Leben. Mit dem Handball hatte er eigentlich abgeschlossen, war nur noch gelegentlich als Fan in der Halle. Aber nicht für immer. 2006 übernahm er wieder ein Traineramt bei der HG. Der damalige Präsident Arnulf Willkomm war sehr überzeugend – wobei Zeitzeugen heute berichten, dass die Überzeugungsarbeit nicht so schwer gewesen sein muss.

„Die HG stand am 1. Januar auf dem letzten Tabellenplatz. Am Ende des Jahres waren wir verlustpunktfrei Tabellenführer. Ich glaube, das war der Beginn eines Hypes, der bis heute in Saarlouis anhält“, sagt Jungmann trotz des Abstiegs in die 3. Liga Süd, wo sich die HG Saarlouis im Mittelfeld eingeordnet hat. Immer noch lockt die HG mehr als 1000 Zuschauer zu ihren Heimspielen. Die Funktionswechsel vom Spieler auf dem Feld zum Trainer auf die Bank und später als Funktionär auf die Tribüne nennt er scherzhaft einen „emotionalen Abstieg. Als Entscheider muss man kühl bewerten und besonnen reagieren.“

Womit er wieder beim derzeit nicht alltäglichen Tagesgeschäft ist. Für die Profivereine stehen im April die Zahlungen der Berufsgenossenschaftsbeiträge an. Angesichts der Einnahmeausfälle dürfte das für viele ein Kraftakt werden. Dennoch blickt Jungmann über den Tellerrand hinaus, auch über den des Sports. „Es werden Veränderungen auf uns zukommen“, sagt der 70-Jährige auch im Hinblick auf Panikmache und Hysterie: „Bildung wird immer wichtiger werden. Und ich rede nicht von Rechnen, Schreiben oder Lesen. Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen, sie einzuordnen und damit umzugehen.“

Dass Richard Jungmann als Macher der HG Saarlouis aufhören wird, ist Fakt. Dass einer wie er, der auch quer- und anders denkt, dem Sport fehlen wird, allerdings auch.