1. Sport
  2. Saar-Sport

Johanna Recktenwald aus Marpingen ist im Para Biathlon erfolgreich

Wintersport-Talent aus dem Saarland : Der neue Stern am Paralympics-Himmel

Die 17-jährige Langläuferin und Biathletin Johanna Recktenwald aus Marpingen hat sich binnen drei Jahren in die Weltspitze gearbeitet.

Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag, als die SZ Johanna Recktenwald im Training besucht. Die junge Marpingerin betreibt seit rund drei Jahren Skilanglauf und Biathlon. Und irgendwie fragt man sich drei Tage nach dem Ende der Weltcup-Saison der Biathlon-Stars: Warum sucht man sich als Saarländerin ausgerechnet eine Sportart aus, bei der es immer kalt ist? „Genau das sagt meine Mutter auch“, meint die 17-Jährige und lacht.

Recktenwald ist in ganz kurzer Zeit zum Aushängeschild des saarländischen Wintersports geworden – und das als Behindertensportlerin. Die Schülerin der Gemeinschaftsschule Marpingen, die 2020 ihr Abitur machen wird, leidet unter einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie, hat noch ein Rest-Sehvermögen von drei Prozent. „Bei der Einschulung ist das festgestellt worden, ich habe zuerst mal eine Brille bekommen. Seitdem ist es sukzessive schlechter geworden“, berichtet sie. Wie sich ihre Krankheit entwickelt – unklar. Nur besser wird es leider nicht werden, sagten ihr die Augenärzte. Johanna kann hell und dunkel unterscheiden – oder den Asphaltweg auf dem Trainingszentrum des Biathlonleistungszentrums Lebach vom Rasen daneben.

Die 17-Jährige ist in manchen Wochen fast jeden Tag auf dem Areal zwischen Eiweiler und Landsweiler. Auch eine Entwicklung, die peu à peu kam. Angefangen hat alles mit einem Inklusionsprojekt der Louis-Braille-Schule Lebach. Johanna lief beim Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“ mit, stand erstmals auf Langlauf-Skiern. Bundestrainer Michael Huhn entdeckte damals ihr außergewöhnliches Talent.

2017 nahm sie erstmals an deutschen Jugendmeisterschaften teil und wurde auf Anhieb deutsche Meisterin. Im Januar 2018 folgte ihr Weltcup-Debüt. Mittlerweile steht Recktenwald im deutschen C-Kader und gewann als erste Saarländerin eine Medaille bei der nordischen Ski-WM der Behindertensportler. Im Biathlon der Frauen mit Sehbeeinträchtigung holte sie in diesem Februar im kanadischen Prince George Bronze über 12,5 Kilometer. „Das war ein mega Gefühl“, erinnert sie sich. Bei der Rückkehr gab es einen großen Empfang für sie in Marpingen, vergangene Woche wurde sie auch von Sportminister Klaus Bouillon empfangen.

Im Schießen (bei Sehbehinderten nur liegend) blieb sie in Kanada vier Mal ohne Fehler. Das Schießen ist auch der Grund, warum sie lieber Biathlon als Langlauf macht, obwohl die 17-Jährige, die noch eine elfjährige Schwester hat, beide Sportarten weitermachen wird. „Ich bin beim Schießen besser als beim Laufen. Das klappt wirklich gut, es macht mir Spaß“, sagt sie über ihr Talent am Lasergewehr (statt Luftgewehr), mit dem die Para-Biathleten schießen. Mithilfe eines akustischen Signals zeigt ihr das Gewehr, wie nahe sie in Richtung Zentrum der Scheiben zielt. Sie läuft ab nächster Saison dann auch mit einem anderen Guide, Jean-Luc Diehl ersetzt Simon Schmidt und wird künftig quasi Johannas Auge sein.

Trotz allen Talents – ohne Fleiß wäre Johanna nicht so weit gekommen. „Ich habe eigentlich fast jeden Tag Training, versuche aber, dass ich jede Woche einen freien Tag habe“, berichtet sie. Und Landestrainer Peter Steffes ergänzt: „In dem Zusammenhang ist das Thema Zeitmanagement und Selbstorganisation ganz wichtig, man muss top organisiert sein.“ Eine Qualität, die man im weiteren Leben gut gebrauchen kann. Johanna zum Beispiel findet trotz Training, Trainingslagern und Wettkämpfen Zeit, Saxophon zu üben oder sich mit Freunden zu treffen. Und auch in der Schule ist sie fleißig. Was sich andere in Hefte notieren, schreibt sie direkt in den Laptop, der ihr mit Hilfsprogrammen den Lernstoff vorlesen kann.

Die Saison ist nun offiziell zu Ende, das Training geht aber den Sommer über weiter. Grundlagentraining steht an in der Mitteldistanz-Ausdauersportart mit hohen technischen Herausforderungen. Erster Wettkampftermin ist der erste Weltcup des Winters im Dezember im norwegischen Lillehammer.

Wenn Recktenwald nicht auf ihren Rollskiern rollert, geht sie mit den Lauftrefffreunden Marpingen joggen oder macht im Fitnessstudio Krafttraining. Bei der WM wurde sie in fünf Wettkämpfen dreimal Vierter, einmal Sechster und einmal Dritter. Ist da im nächsten WM-losen Winter bei den Weltcups Gold das Ziel? „Da ist noch ein guter Abstand, viele andere sind erfahrener und weniger nervös beim Schießen“, sagt die junge Marpingerin. „Bei Weltcups oder WM kommt halt auch noch viel Trubel dazu“, ergänzt Steffes.

Bei der WM im Februar in Kanada kam Johanna Recktenwald mit Guide Simon Schmidt über 12,5 Kilometer auf Platz drei. Foto: Bob Frid/Canadian Paralympic Committee
Beim Schießen hat Johanna Recktenwald großes Talent. Geschossen wird übrigens nur im Liegendanschlag. Foto: Oliver Dietze

Zumal Johanna im Vergleich zu den Konkurrentinnen aus Baden-Württemberg oder Bayern einen gravierenden Nachteil hat: Schneemangel. „Ich bin die einzige, die dieses Problem hat. Wir versuchen im Winter, an jedem Wochenende dahin zu fahren, wo Schnee liegt. Wir sind oft auf dem Kniebis im Nordschwarzwald bei Freudenstadt“, berichtet sie. Dort finden oft Trainingsmaßnahmen und Trainingslager statt. Und so kalt wie bei der WM in Kanada mit zeitweise minus 30 Grad ist es ja auch nicht immer. Aber Johanna Recktenwald zeigt, dass man auch in einer Sportart, bei der es immer kalt ist, als Saarländerin erfolgreich sein kann – vielleicht sogar 2022 bei den nächsten Winter-Paralympics in Peking.