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Jetzt ist Kerber die Gejagte

Jetzt ist Kerber die Gejagte

Ihre Kritiker hat sie erst einmal verstummen lassen, doch nun muss Angelique Kerber mit der neuen Rolle der Nummer eins der Welt umgehen. „Ich bin bereit, diesen Druck auf meinen Schultern zu haben“, sagt sie.

Auf dem Acht-Stunden-Flug von New York nach München konnte Angelique Kerber endlich abschalten und zur Ruhe kommen. Nach einem Auftritt im amerikanischen Frühstücks-Fernsehen flog die frisch gekürte US-Open-Siegerin und Nummer eins der Tennis-Welt am Montagabend zurück nach Deutschland. Heute ist ein öffentlicher Auftritt am Flughafen angesetzt - und danach will die 28 Jahre alte Kielerin erst einmal ganz viel schlafen und gut essen.

Noch ist die Saison 2016 nicht vorbei, aber das vierte und letzte Grand-Slam-Turnier wird immer als Zäsur am nahenden Ende des Jahres angesehen. Für Kerber stehen noch die lukrative Asien-Tour und Ende Oktober die WTA-WM der besten acht Spielerinnen des Jahres auf dem Programm. Da muss die 28-Jährige endgültig mit einer neuen Rolle zurecht kommen: Kerber ist nicht mehr die Jägerin, die häufig unterschätzte Verfolgerin.

Nach ihrem zweiten Grand-Slam-Titel und den Finals von Wimbledon und Olympia löste die Linkshänderin die seit dem 18. Februar 2013 in der Tennis-Welt regierende Serena Williams ab. Jetzt ist sie die Spielerin, die es zu schlagen gilt und gegen die die Konkurrenz noch ein kleines bisschen motivierter ist. Natürlich auch Williams selber, die zurück auf den Thron will. "Ich bin bereit, diesen Druck auf meinen Schultern zu haben. Ich glaube, dass ich mich schon ganz gut an alles gewöhnt habe, vor allem nach dem ersten Grand Slam in Australien. Nach dem Titel habe ich sehr viel Druck verspürt", sagte Kerber an ihrem letzten Arbeitstag in New York .

Bundestrainerin Barbara Rittner hält es für ausgeschlossen, dass Kerber noch einmal in ein sportliches Loch wie nach den Australian Open fällt. "Jetzt schwebt sie auf einer Wolke", sagte Rittner: "Sie ist auf einer Reise, und sie genießt das. Man spürt, dass sie das nicht nur sagt. Momentan ist es schwer, gegen sie zu gewinnen", erklärte Rittner, die auch den Gewinn des WM-Titels in Singapur für möglich hält.

Nach dem wohl verdienten Urlaub wird das kommende Jahr für Kerber nicht einfacher. Im Gegenteil. Schon in Melbourne muss sie ihre Leistung bestätigen und die Punkte aus dem Vorjahr verteidigen. "Gegen die Nummer eins wollen alle versuchen, zu gewinnen. Keine hat etwas zu verlieren. Ich werde diese Herausforderung annehmen, es wird eine neue Situation für mich. Aber am Ende habe ich immer dafür gearbeitet und trainiert, um eines Tages die Nummer eins zu sein", sagte Kerber und ergänzte selbstbewusst, aber nicht überheblich: "Jetzt kann ich den nächsten Schritt machen und lange oben bleiben."

Der Zweikampf Williams-Kerber dürfte die Damen-Tennis-Welt noch eine ganze Weile dominieren, auch wenn die Rivalität längst nicht an Klassiker wie Steffi Graf gegen Monica Seles oder Chris Evert gegen Martina Navratilova heranreicht. Williams wird am 26. September 35 Jahre alt, ist anfälliger für Verletzungen. Doch den 23. Grand-Slam-Titel und alleinigen Rekord vor Steffi Graf will sie unbedingt.

Hinter Kerber und Williams sind die Inkonstanten erstaunlich konstant. Die Weltranglisten-Dritte Garbiñe Muguruza gewann die French Open , schied aber in Wimbledon, bei den Olympischen Spielen und bei den US Open jeweils früh aus. Die Nummer vier, Agnieszka Radwanska , und fünf, Simona Halep, schafften es erst einmal in ein Grand-Slam-Finale. Ein Titel fehlt ihnen noch. Der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic hat die Titelverteidigung bei den US Open verpasst. Der von Boris Becker trainierte Tennisprofi aus Serbien musste sich in der Nacht zu Montag im Endspiel von New York dem Schweizer Stan Wawrinka mit 7:6 (7:1), 4:6, 5:7, 3:6 geschlagen geben.

Nach fast vier höchst unterhaltsamen Stunden auf dem Centre Court nutzte der Weltranglisten-Dritte aus Lausanne seinen zweiten Matchball. Wawrinka feierte damit seinen dritten Titel bei einem der vier wichtigsten Turniere, nachdem er zuvor schon die Australian Open 2014 und die French Open 2015 gewonnen hatte. Mit 31 Jahren und fünf Monaten kürte er sich damit zum ältesten US-Open-Champion seit Ken Rosewall vor 46 Jahren und kam im 24. Duell mit Djokovic zum fünften Sieg.

Vor den Augen der Hollywood-Stars Leonardo di Caprio oder Kevin Spacey wirkte Djokovic im vierten Satz angeschlagen. Beim Stand von 1:3 nahm sich der zweimalige US-Open-Sieger und zwölfmalige Grand-Slam-Champion eine medizinische Auszeit und ließ sich wegen Blasen an den großen Zehen behandeln. "Ich konnte nicht mehr stehen", sagte er.

Dabei hatte Wawrinka den deutlich anstrengenderen Weg ins Endspiel und stand mit 17 Stunden und 54 Minuten fast doppelt so lange auf dem Platz wie Djokovic (8 Stunden und 58 Minuten). Der 29-Jährige war als erster Spieler in der Geschichte des Profitennis bei einem Grand Slam nach drei Absagen oder Aufgaben ins Halbfinale eingezogen.