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Ist der Radsport noch zu retten?Der ungeliebte Fahrer im Team Gerolsteiner

Ist der Radsport noch zu retten?Der ungeliebte Fahrer im Team Gerolsteiner

Hamburg. Das IOC droht mit einem Olympia-Bann, das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit einem schwarzen Bildschirm und die Politik mit dem Entzug der Fördergelder: Nach dem Doping-Verdacht gegen Stefan Schumacher steht dem deutschen Profi-Radsport ein Flächenbrand mit gewaltigem Flurschaden bevor

Hamburg. Das IOC droht mit einem Olympia-Bann, das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit einem schwarzen Bildschirm und die Politik mit dem Entzug der Fördergelder: Nach dem Doping-Verdacht gegen Stefan Schumacher steht dem deutschen Profi-Radsport ein Flächenbrand mit gewaltigem Flurschaden bevor.Am Dienstagabend bestätigten der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und das Gerolsteiner-Team, dass es zwei positive A-Proben bei Schumacher gibt. "Soeben haben wir die offizielle Information des BDR über zwei positive A-Proben von Stefan Schumacher bei der Tour de France 2008 erhalten. Er wurde am 3. und 15.7. 2008 positiv auf EPO (CERA) getestet", sagte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer. Der BDR stellte fest: "Stefan Schumacher muss seine Stellungnahme nun innerhalb von fünf Werktagen nach Posteingang abgeben oder in diesem Zeitraum die Analyse der B-Probe beantragen." Schumachers Anwalt Michael Lehner sagte, er habe die Unterlagen noch nicht. "Diese werde ich nach Erhalt sofort mit ihm besprechen", so Lehner. Die Folgen für den Radsport sind unabsehbar. "Wenn nicht alle Interessensgruppen im Kampf gegen Doping zusammenarbeiten, muss sogar eine olympische Denkpause in Erwägung gezogen werden", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Es gebe beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Überlegung, die "eingefrorenen Proben von Peking bereits jetzt öffnen zu lassen", sagte der DOSB-Präsident. Der Radsport-Weltverband UCI teilte mit, dass es im Zuge der Nachtests zur Tour de France "zwei neue Fälle" gibt. Bis Ende dieser Woche werden die Test-Ergebnisse von weiteren sieben Tour-Teilnehmern - darunter sollen einige Spitzenfahrer sein - erwartet. Schumachers Gerolsteiner-Kollege Sebastian Lang hatte wohl schon während der Tour de France eine Vorahnung. "Als bekannt wurde, dass es ein neues Testverfahren auf CERA gibt, da haben wir uns alle gefreut. Wir saßen im Bus und haben richtig gejubelt. Das ganze Team, außer Stefan. Er war plötzlich ganz still und zurückgezogen. Bis zum Schluss", sagte der Erfurter der "Thüringer Allgemeinen". Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender schließen inzwischen wie 2007 einen Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung nicht aus. "Wir werden in Ruhe abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt wird und ob der Radsport überhaupt noch zu retten ist. Alle Konsequenzen, auch ein Ausstieg, sind möglich", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Das ZDF wolle Anfang 2009 einen Beschluss fassen. Die ARD wird laut Sprecher Christian Bauer "in Ruhe entscheiden". Auch in der Politik schlägt der Skandal hohe Wellen. "Ich will dem Parlament nicht vorgreifen, aber ich bin der Meinung, das muss jetzt zu einer Sperre der Haushaltsgelder für den Radsport führen", sagte Peter Danckert (SPD). Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses forderte zudem indirekt den Rücktritt von BDR-Chef Rudolf Scharping: "Da hilft nur noch ein radikaler Neuanfang." Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sieht die olympische Kernsportart am Abgrund. "Das ist Selbstmord. Der Radsport spielt mit seiner Existenz", sagte Generaldirektor Michael Vesper. Der Verband werde Schumacher nachträglich aus dem Olympia-Team ausschließen und die Entsendungskosten für Peking zurückfordern. Gerolsteiner-Teamchef Holczer beteuerte erneut, nicht in Schumachers mögliche Doping-Verstrickungen verwickelt zu sein: "Wir haben damit nichts zu tun." Holczer selbst wurde vom geständigen Dopingsünder Patrik Sinkewitz attackiert. "Er ist seit zehn Jahren dabei. So eine Betriebsblindheit an den Tag zu legen, ist aus meiner Sicht noch unglaubwürdiger und noch viel schlimmer als das Doping an sich", sagte der frühere T-Mobile-Profi im Hessischen Rundfunk. Schumachers neues belgisches Quick-Step-Team, für das er fahren sollte, wollte zunächst keine Entscheidung treffen.Gerolstein. Es ist die letzte Präsentation der Radmannschaft Hans-Michael Holczers in der Lagerhalle des Sponsors Gerolsteiner Brunnen GmbH&Co.Kg in der Vulkan-Eifel. Mitte Januar 2008. Wehmut wabert zwischen den Mauern von Getränkekästen. Die zehnjährige Erfolgsstory wird nach der Saison enden. Wegen neuer Marketing-Strategien, nicht wegen der Dopingskandale, so die Begründung, zieht sich das Sprudel-Unternehmen zurück. Es fällt auf, dass Holczer bei seinem Rückblick auf Jahr 2007 den Namen Stefan Schumacher (27) nicht erwähnt. Obwohl der das Amstel Gold Race gewann und bei der WM in Stuttgart Dritter wurde. Schumacher hat gerade wieder negative Schlagzeilen geliefert, die seine Erfolge in den Schatten stellen. Zu imageschädigend für das Reinheitsgebot der Wasser-Manager ist mittlerweile die "Akte Schumacher" geworden. Stefan Göbel, der Leiter Unternehmenskommunikation, sagt: "Wir hätten nichts dagegen, dass Schumacher weiterhin bezahlt, aber nicht mehr eingesetzt wird." Hätte Holczer auf den Rat Göbels gehört, dann wäre ihm der Skandal als zusätzlicher Schock zur Auflösung seines Rennstalls erspart geblieben. So musste Holczer anderthalb Wochen vor Saisonschluss seinen Kapitän mit sofortiger Wirkung suspendieren. Die Nachuntersuchungen der während der Tour de France genommenen Proben entlarvten Schumacher. Der vermeintlich schlaue Sohn eines Arzt-Ehepaares hatte sich offenbar sicher gefühlt, dass das EPO der dritten Generation nicht nachweisbar sei.Dabei ist das Ergebnis der Nachprüfungen kein Anlass mehr, aus allen Wolken zu fallen. Als "Schumi" bei der Tour zwei Zeitfahren gewann und in Gelb fuhr, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. "En jaune pale", von einem "bleichen Gelb", schrieb die "L'Equipe" und beschäftigte sich weniger mit der sportlichen Leistung als vielmehr mit der Vergangenheit Schumachers. Die Affären Schumachers im Telegrammstil: Im Mai 2005 positiv wegen des Stimulanzmittels Cathin bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt. Sperre. Freispruch im August 2005. Begründung: Attestiertes Allergie-Medikament war zulässig. Veränderte Blutwerte (unter anderem Hämatokritwert 50,5%) fünf Tage vor der WM 2007. Keine Schutzsperre. Begründung: Durchfall-Erkrankung. Amphetamine bei polizeilicher Blutkontrolle nach der WM. Wieder keine Maßnahmen.So lässt sich vermuten: Der Einbruch Schumachers bei den Olympischen Spielen in Peking, die schwachen Leistungen bei der Vuelta im September und bei der WM in Varese haben einen Grund: EPO-Entzug. Beim verklärten Rückblick auf sein Lebenswerk hat Hans-Michael Holczer einmal zu Protokoll gegeben: "Man wird diesem Team einmal nachtrauern. In vier, fünf Jahren wird diese Gerolsteiner-Mannschaft im Radsport Kult sein wie James Dean." Diese Vision vom Mythos hat sich jetzt wohl erledigt. "Das ist Selbstmord. Der Radsport spielt mit seiner Existenz."DOSB-Generaldirektor Michael VesperMeinung

Zeit für einen radikalen Schnitt

Von SZ-RedakteurKai Klankert Es ist erstaunlich, wie entsetzt die Szene den Dopingverdachtsfall Stefan Schumacher aufgenommen hat. Und wie jedes Mal wollen uns alle weismachen, sie hätten nichts gewusst, nichts bemerkt, und überhaupt sei das alles ganz furchtbar für die Zukunft einer tollen Sportart. Wie lange wollen wir uns die Lügen noch anhören?Schumacher kann kein Einzelfall sein, denn ein Radprofi geht nicht mal ebenso in eine Apotheke und kauft völlig rezeptfrei eine Packung Epo der dritten Generation und dopt sich nach bestem Wissen und Gewissen. Es gibt Helfer und Helfershelfer. Ob Fahrer, Teamchefs oder Mediziner - sie alle haben unterm Strich nur ein Ziel im Auge: mit dem Radsport Geld verdienen. Und weil das so ist, gibt es nur eine vernünftige Lösung, um des Problems Herr zu werden: den Geldhahn zudrehen. Streichen der Fördermittel, raus aus dem Olympia-Programm, Schluss mit den elend langen Fernsehübertragungen im Öffentlich-Rechtlichen (die wir mit unseren GEZ-Gebühren finanzieren). Es wird Zeit für einen radikalen Schnitt. StichwortCERA - EPO der dritten Generation - baut sich weniger schnell im Körper ab als seine Vorgänger EPO, erläutert Dopingforscher Prof. Mario Thevis von der Sporthochschule Köln. CERA lasse sich mit einem verfeinerten alten EPO-Test nachweisen und mit einem Verfahren, an dem CERA-Hersteller Hoffmann-La Roche mitgearbeitet habe, sagte Thevis. "Das haben die Sportler wohl so nicht erwartet."CERA ist unter dem Produktnamen Mircera erhältlich. Als Nebenwirkung führt die Rote Liste der Arzneimittel 2008 unter anderem Hirnveränderungen an. Und sie gibt die Warnung: "Missbräuchliche Verwendung durch gesunde Personen kann zu einem exzessiven Anstieg des Hämoglobins führen, der mit lebensbedrohlichen kardiovaskulären (Herzgefäße betreffenden) Komplikationen einhergehen kann." dpa