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Fußball-WM in Russland
Irans „Matadore“ verabschieden sich mit Stolz, Portugal bleiben Zweifel

Irans Trainer Carlos Queiroz war mit der Anwendung und Auslegung des Videobeweises durch Schiedsrichter Enrique Caceres nicht zufrieden.
Irans Trainer Carlos Queiroz war mit der Anwendung und Auslegung des Videobeweises durch Schiedsrichter Enrique Caceres nicht zufrieden. FOTO: dpa / Andreas Gebert
Saransk. Nach dem Chaos um den Videobeweis beim 1:1 hält Trainer Queiroz eine denkwürdige Wutrede. Der Europameister ist jetzt gegen Uruguay die Favoritenrolle los.

Nach seiner denkwürdigen Wutrede stand Carlos Queiroz auf, strich sich das Hemd glatt und ging auf einen Anzugträger zu, den er offensichtlich als Fifa-Vertreter identifiziert hatte. „Ich bin gespannt, was mich jetzt erwartet“, sagte Irans Nationaltrainer und lächelte. 30 Minuten lang hatte Queiroz seinen Emotionen freien Lauf gelassen. Er hatte auf den Videobeweis geschimpft, er war vor Stolz auf sein Team beinahe geplatzt, er hatte Gott und der Welt gedankt. Als er fertig war, spendeten die iranischen Journalisten Applaus.


Dabei hatte alles so normal begonnen. „Ich muss meine Worte vorsichtig wählen“, sagte Queiroz nach dem WM-Aus am Montagabend gegen Portugal (1:1) zu Beginn der Pressekonferenz. Dann legte er los. Der 65-Jährige musste nur mit Stichwörtern angepiekst werden, dann sprudelte es aus ihm heraus. Nur Gelb gegen Cristiano Ronaldo? „Wenn der Ellenbogen dabei ist, ist das Rot. Die Regeln sind klar, da steht nichts von Messi oder Ronaldo“, sagte Queiroz.

Überhaupt, dieser Videobeweis. Fans und auch Trainer würden im Dunkeln gelassen. „Ich muss wissen, wer die Entscheidungen trifft. Es muss Klarheit herrschen. Ich will ja auch wissen, ob ich Großvater werde oder nicht. Und nicht, dass meine Tochter ein bisschen schwanger ist“, sagte Queiroz und klopfte auf den Tisch. Das Spiel gehöre „dem Volk, nicht ein paar Leuten hinter den Kulissen“.



Dabei hatte Queiroz allen Grund, stolz zu sein. Nie zuvor hatte Iran bei einer WM vier Punkte geholt. „Die Nation braucht Hoffnung, und der Fußball hat ihr diese gegeben“, schrieb die „Tehran Times“. Als der Trainer auf seine bitterlich weinenden Spieler angesprochen wurde, wurde er erneut emotional. „Diese Männer haben Stolz und Würde. Sie gehen jeden Tag wie Matadore in die Arena und versuchen, ein stärkeres Tier zu bezwingen“, sagte er.

Seit 2011 trainiert Queiroz den Iran. Eigentlich wollte er schon nach der WM 2014 in Brasilien aufhören, blieb dann aber doch. Diese Geschichte könnte sich nun wiederholen, der Verband hat ihm bereits ein Angebot gemacht. Darüber will er aber noch nicht reden. Zunächst werde er nun seinem Heimatland und seinem alten Freund Fernando Santos auf der Trainerbank die Daumen drücken: „Viel Glück an Portugal. Mögen sie die WM gewinnen.“

Wäre Vahid Amiris Schuss in der Nachspielzeit statt am Außennetz im Tor gelandet, hätte Portugal bereits die Heimreise angetreten. So aber kam der Europameister mit dem Schrecken davon, zur „Strafe“ wartet nun am Samstag um 20 Uhr im Achtelfinale das unbequeme Uruguay. „Die Götter standen Portugal bei. Das Glück war auf unserer Seite“, schrieb die Zeitung Jornal de Noticias. Die Favoritenrolle ist das Team jedoch erst einmal los. Obwohl: Auch bei der EM 2016 hatte sich Portugal mit drei Remis durch die Gruppenphase gequält, um am Ende doch den Titel zu holen. Die Gegner sollten also gewarnt sein.