| 21:09 Uhr

Fußball-WM in Russland
In der Enttäuschung gefangen

War das 0:2 bei der WM gegen Südkorea auch der Abgang von Joachim Löw als Bundestrainer?
War das 0:2 bei der WM gegen Südkorea auch der Abgang von Joachim Löw als Bundestrainer? FOTO: dpa / Christian Charisius
Kasan. Die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verabschieden sich nach dem WM-Aus in den Urlaub.

Joachim Löw verabschiedete seine historisch blamierten Weltmeister mit versöhnlichen Umarmungen auf dem Rollfeld des Frankfurter Flughafens in den vorzeitigen Urlaub. Kapitän Manuel Neuer und Co. schlichen nach der wohl sportlich schlimmsten Nacht ihres Lebens mit leerem Blick und gesenkten Köpfen zum Bus, Löw klagte: „Der Schmerz und die Enttäuschung halten mich noch gefangen.“ Der Bundestrainer war auch am Tag der viel zu frühen Rückkehr der „selbstherrlichen“ WM-Versager nach der Katastrophe von Kasan „geschockt“ und kündigte eine Aufarbeitung an. „Ich muss mich auch als Trainer hinterfragen“, sagte er nach der Landung von Sonderflug LH 343 am Donnerstagnachmittag: „Es braucht tiefgreifende Maßnahmen, es braucht klare Veränderungen, und das müssen wir jetzt besprechen, wie wir das tun.“


Erste Diskussionen zwischen Löw, DFB-Präsident Reinhard Grindel, Teamdirektor Oliver Bierhoff und Neuer hatte es bereits auf dem 2:39 Minuten dauernden Rückflug gegeben. „Wir haben die Lage erörtert und sind zum Entschluss gekommen, dass wir nächste Woche eine Analyse vorlegen“, dann werde auch Löw erklären, wie seine Zukunft aussehe, sagte Grindel mitgenommen, versicherte aber: Für einen Rücktritt gebe es „kein Anzeichen“.

Dabei klang auch dem Trainer des gestürzten Weltmeisters die schonungslose Abrechnung seines Kapitäns noch in den Ohren. „So eine Leistung habe ich von einer deutschen Mannschaft noch nicht erlebt, das war erbärmlich“, sagte Neuer nach dem desaströsen 0:2 (0:0) gegen Südkorea. Aus in der Vorrunde – zum ersten Mal in der 84-jährigen deutschen WM-Geschichte. Neuer empfand es als Schande. „Man hat nicht gemerkt, dass wir eine Weltmeisterschaft spielen“, schimpfte er, „das war ein schlechtes Bild von uns.“ Und das war noch maßlos untertrieben.



„Wir stehen mit heruntergelassenen Hosen da“, sagte Thomas Müller. Löw bekannte: „Ich muss die Verantwortung dafür übernehmen.“ Götterdämmerung. Doch sofort zurücktreten? Nach zwölf erfolgreichen Jahren mit der Krönung WM-Titel 2014? Nein. Die Enttäuschung über das geschichtsträchtige Aus sitze „tief in mir drin“, bekannte Löw gezeichnet. Er weiß: Auch er hat Fehler gemacht. Bei der Kader-Auswahl, im taktischen Bereich. Aber, noch mal: „Wie es weitergeht, darüber muss man in Ruhe reden.“ Auf dem Rückflug herrschte Grabesstimmung.

Grindel stärkt seinem wichtigsten Angestellten zunächst den Rücken. Er traue Löw den Neuaufbau „nach wie vor zu“, sagte er – erwarte von dem Mann, dessen Vertrag er kurz vor dem Turnier bis 2022 verlängert hatte, aber eben „eine saubere Analyse“. Auch Bierhoff geht „fest davon aus, dass Jogi weitermacht“. Doch ist das angesichts der historischen Tragweite der Pleite überhaupt möglich? „Wir müssen knallhart intern diskutieren“, sagte Bierhoff.

Neuer, der als einziger Weltmeister in Russland überzeugte, betonte: „Allein wir Spieler haben das zu verantworten, wir haben es einfach nicht verdient.“ Es habe nie ein Team auf dem Platz gestanden, nie eine Mannschaft, „vor der man Angst und Respekt hat“, ergänzte er. Und: Selbst wenn es trotz aller Fehlleistungen irgendwie fürs Achtelfinale gereicht hätte, „hätte jeder gerne gegen uns gespielt“. Was Neuer sagte, musste seine Kollegen beschämen.

Und jetzt? Löw kündigte am Donnerstag Veränderungen an. Aber freiwillig werden die tief gefallenen Weltmeister ihre Plätze nicht räumen. „Ich bin 28. Ich werde nicht eine halbe Stunde nach dem WM-Aus meinen Rücktritt erklären“, sagte Müller. Sami Khedira meinte, die Führungsspieler müssten sich „als Erstes an die eigene Nase fassen“. Auch er übernehme Verantwortung: „Es war nicht genug. Das tut mir unheimlich leid.“

Löw sah „eine gewisse Selbstherrlichkeit“ als eine der Ursachen für das Desaster. Der Bundestrainer hat es in seinem zwölften Amtsjahr nicht kommen sehen. „Dafür können wir uns nur entschuldigen“, sagte er. Nichts war da mehr von der vorgespielten Souveränität, mit der er und die Seinen zwei Wochen zuvor im WM-Quartier von Watutinki eingezogen waren. An diesem schwarzen Mittwochabend sei „vieles, das wir uns aufgebaut haben“, zerbrochen, bekannte Löw: „Ich denke, der gesamte deutsche Fußball hat heute verloren.“ Mats Hummels sprach stellvertretend für viele von der „sportlich größten Enttäuschung meines Lebens“.