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Leichtathletik
In den USA hat sie die nötige Lockerheit gelernt

Ottweiler. Leichtathletin Louisa Grauvogel aus Ottweiler kämpft dieses Wochenende in Ratingen um die Teilnahme an der Heim-EM in Berlin.
Stefan Regel

Schlaf ist für Louisa Grauvogel derzeit ein kostbares Gut. Als die SZ sie am Mittwochmittag erreichte, hatte die Leichtathletin, die in zehn Tagen ihren 22. Geburtstag feiert, gerade ein paar Stunden nach dem Interkontinentalflug aus den USA nachgeholt. Die Siebenkämpferin steht vor einer Aufgabe, die in ihrer Sportart eigentlich ein Unding ist: zwei wichtige Wettkämpfe binnen einer Woche. An diesem Samstag und Sonntag will die Ottweilerin in Ratingen um ihr Ticket für die Heim-Europameisterschaft im August im Berliner Olympiastadion kämpfen. Dabei hat sie Normen hierfür schon drei Mal erfüllt, ein Mal über 100 Meter Hürden und zwei Mal im Siebenkampf. Das Problem im Mehrkampf: Wenn in Ratingen neben Vize-Weltmeisterin Carolin Schäfer noch zwei andere Konkurrentinnen Grauvogels Punktzahl übertreffen, wären die drei EM-Tickets vergeben – und die Saarländerin außen vor.


Die 21-Jährige macht sich – und das könnte ihr Trumpf sein – keinen Kopf. „Ich tue alles dafür. Und wenn es doch nicht klappt, habe ich wenigstens alles versucht. Ich bin ganz entspannt, mache mir keinen Druck“, sagt Grauvogel, die in den USA den Sprung in die deutsche Spitze geschafft hat. In den Staaten lernte sie zudem die nötige Lockerheit. „Ich kann entspannt sein. Und gerade bei den Sprintdisziplinen ist Lockerheit wichtig“, erklärt die Saarländerin und beschreibt ihre Entwicklung: „Früher war ich sehr angespannt und nervös vor Wettkämpfen. Dann habe ich mal andere Top-Athleten beobachtet, wie die sich vorbereiten. Manche singen oder tänzeln vor den Wettkämpfen. Da spürt man genau: Die lieben das, was sie machen, zu 100 Prozent.“ Diese Einstellung hat auch die Mehrkämpferin mittlerweile verinnerlicht – mit Erfolg. Denn zuletzt gelang ihr ein enormer Leistungssprung.

Schon zum Auftakt der Freiluft-Saison hatte Grauvogel für einen Paukenschlag gesorgt, als sie Anfang Mai beim Meeting in Halle/Saale mit 6053 Punkten 53 Zähler über der EM-Norm lag. Über 13,18 und 13,12 Sekunden steigerte sie sich außerdem auf den 100 Meter Hürden immer weiter, bis sie am vergangenen Wochenende bei den US-College-Meisterschaften in Eugene/Oregon 6074 Punkte erreichte. Wieder Bestleistung. Wieder EM-Norm. Und beides auch im Hürdensprint (12,95). „In Eugene wären in meiner aktuellen Verfassung auch 6200 Punkte drin gewesen“, erzählt die Athletin der LG Saar 70: „Beim Weitsprung habe ich das Brett gar nicht getroffen. Daher bin ich auch optimistisch für Ratingen.“

Das bekannte Meeting in Nordrhein-Westfalen ist neben den Veranstaltungen in Halle/Saale und Götzis (Österreich) einer von drei Qualifikations-Wettkämpfen zur EM. Und Vize-Weltmeisterin Schäfer ist quasi gesetzt. Im Siebenkampf liegt in der internen deutschen Rangliste 2018 nur die Leverkusenerin Mareike Arndt (6122) vor Grauvogel. „Wenn ich über diese Marke komme, bin ich dabei“, schätzt die Ottweilerin, die mal wieder eine anstrengende Woche erlebt. Am Mittwochmorgen landete ihr Flieger aus den USA, dann stand schlafen und abends etwas joggen an. Gestern ging es zum Physiotherapeuten.

„Wenn sich mein Körper am Freitagmorgen schlecht anfühlt, werde ich wohl nicht in Ratingen starten“, sagt die 21-Jährige. Konkurrentinnen dort wären Celina Leffler (Koblenz) und Caroline Klein (Leverkusen). Die Nominierungen für den Siebenkampf werden dann am kommenden Dienstag bekannt gegeben. Bundestrainer Wolfgang Kühne hat ihr schon zur Leistung in Eugene gratuliert. „Ich lasse es mal auf mich zukommen“, sagt Grauvogel, die bei ihren Eltern jetzt Kraft tankt und sich dort auf Steak, Brezeln und Brot freut, was es in den USA in dieser Art und Qualität nicht gibt.



Die Saarländerin überlegt, aufgrund der Reisestrapazen, die sie schon für den Wettkampf in Halle auf sich genommen hatte, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Dort wären wohl auch langfristig die Chancen für Olympia besser. Denn der Deutsche Leichtathletik-Verband erkennt Normen und Rekorde wie ihre aus Eugene nicht an – ein Problem, das auch der Holzer Luca Wieland hatte, als er noch in den USA trainierte.

Grauvogel findet es zwar „ärgerlich“, dass die bei College-Wettbewerben aufgestellten Leistungen nicht zählen: „Es ist ja nicht so, als wären die Wettkämpfe dort anders“, meint Grauvogel. Wegen der unterschiedlichen Trainingssteuerung kann sie es aber auch „ein klein bisschen nachvollziehen“: „In der US-Saison liegt der Fokus auf dem Juni, den College-Meisterschaften. In Deutschland sollen die Athleten im August, wenn die EM ist, ihren Leistungshöhepunkt erreichen.“

Jetzt möchte die Mehrkämpferin, am besten schon in Ratingen, Kontakte knüpfen, sich nach Angeboten umhören. Bis Mitte Juli will sie sich entschieden haben. „Wenn ich nichts finde, was optimal passt, gehe ich zurück in die USA“, sagt sie. Denn: „Ich will nichts Halbes machen, so bin ich nicht. Entweder mache ich etwas als Ganzes – oder gar nicht.“ Grauvogel studiert, mit einem Vollstipendium versehen, seit September 2016 Biochemie an der University of Georgia, in Deutschland könnte sie Medizin studieren. Teile ihres noch nicht abgeschlossenen Bachelor-Studiums könnten wohl auch an deutschen Universitäten angerechnet werden. „Auch das Saarland ist eine Option“, überlegt Grauvogel: „Ich habe hier eine wahnsinnig gute Förderung bekommen, auch am Saarbrücker Rotenbühl-Gymnasium. Ich weiß, wie mich das hier weitergebracht hat.“

Nochmal weiter brachte die Saarländerin dann das gekoppelte Kraft- und Schnelligkeitstraining in den USA, „und ich bin mental stärker geworden“. Noch Luft hat sie dagegen in den technischen Disziplinen wie Hochsprung, Weitsprung, Kugelstoßen und Speerwerfen. Und wenn es nicht mit der EM klappen sollte, kann die junge Saarländerin mit dem Jahr 2018 trotzdem zufrieden sein. „Ich habe mich selbst überrascht in diesem Jahr mit dem, was ich geschafft habe. Man hat ja immer Träume, wie zum Beispiel die 6000 Punkte.“

Vom Leistungsniveau her ist Louisa Grauvogel momentan eine der heißesten Olympia-Kandidaten aus dem Saarland. „Klar, Olympia ist immer im Hinterkopf“, gibt sie zu und sagt zu den Spielen 2020 in Japans Hauptstadt Tokio: „Das ist ja jetzt nichts Utopisches. Ich kann das tatsächlich schaffen, wenn ich das weitermache, was ich mache.“ Und mit der nötigen Lockerheit hat sie schon mal gute Voraussetzungen.