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Frauenfußball
„Ich war keine Aufpasserin für Steffi Jones“

Beim Saarländischen Fußball-Verband bildet Landestrainerin Margret Kratz auch Trainer aus. Als Mitglied des Trainerteams beim Vierländerturnier der Frauen-Nationalmannschaft sammelte die Frau aus Rissenthal nun ganz besondere Erfahrungen.
Beim Saarländischen Fußball-Verband bildet Landestrainerin Margret Kratz auch Trainer aus. Als Mitglied des Trainerteams beim Vierländerturnier der Frauen-Nationalmannschaft sammelte die Frau aus Rissenthal nun ganz besondere Erfahrungen. FOTO: Andreas Schlichter
Saarbrücken. Saar-Verbandstrainerin Margret Kratz war mit der Frauen-Nationalmannschaft in den USA und hat das Aus der Bundestrainerin miterlebt. Stefan Regel
Stefan Regel

Am Dienstag gab der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bekannt, dass er Bundestrainerin Steffi Jones beurlaubt hat. Nach dem enttäuschend verlaufenden Vierländerturnier in den USA, bei dem die deutsche Frauen-Nationalmannschaft erstmals auf dem letzten Platz landete, zog der Verband die Konsequenzen der negativen Entwicklung. Mit in den Staaten war bis vergangenen Sonntag auch Margret Kratz, die leitende Verbandstrainerin des Saarländischen Fußball-Verbandes (SFV). Im SZ-Interview spricht die 56-Jährige über ihre Rolle und ihre Erfahrungen bei dem Turnier, über mögliche Nachfolger für Jones und die neue Konkurrenz im saarländischen Frauenfußball.


Frau Kratz, nach dem She-Believes-Cup in den USA und einem kurzen Urlaub in Spanien sind Sie seit gestern wieder im Saarland. Wie kam es zu Ihrem Einsatz im Team der Nationalmannschaft?

MARGRET KRATZ Das kam für mich überraschend. Ich war mit einer saarländischen Auswahl im Trainingslager in Spanien, hatte gerade die Koffer ausgepackt, da rief Steffi an. Sie hat gefragt, inwieweit ich Interesse hätte, ihre Co-Trainerin zu werden. Ich habe aber einen Super-Job beim Saarländischen Fußball-Verband und wollte das – wenn überhaupt – dann nur ab Sommer für ein Jahr bis zur WM im Sommer 2019 in Frankreich machen. Unser Verbandspräsident Franz Josef Schumann hat mir auch grünes Licht gegeben, dass ich nach einem Jahr zurückkommen kann, der DFB hatte sich auch schon bei ihm gemeldet.



Das Projekt mit Jones, für die es ihre erste Trainerstelle war, hatte ja schon nach der verkorksten EM 2017 mit dem Viertelfinal-Aus gegen Dänemark Gegenwind.

KRATZ Ich wusste natürlich von der Schwierigkeit des Projekts, wusste, dass es nach einer Niederlage noch schwieriger für sie wird. Bevor ich zusage, bat ich sie, mir die Möglichkeit zu geben, das zu überdenken und bei ein oder zwei Lehrgängen beobachten zu dürfen. Und darauf ging sie ein. Für mich waren dabei zwei Sachen wichtig: Wie nimmt das Team mich auf? Und wie nimmt mich das Team hinter dem Team auf?

Und wie sind Sie dann aufgenommen worden?

KRATZ Ich bin von allen ganz toll aufgenommen worden, war als Zuschauerin und Zuhörerin bei den Trainingseinheiten und Mannschaftssitzungen dabei. Ich habe Spiele analysiert, was ich ja auch schon für die Fifa mache, Video-Analysen mitgestaltet.

Sie wollten also zuerst nur Beobachterin sein und dann entscheiden, ob Sie beim nächsten Lehrgang wieder dabei sind und dann auch selbst mitmachen?

KRATZ Genau. Dann hätte im April die Entscheidung fallen sollen. Wenn ich zugesagt hätte, wären wir wie in allen U-Mannschaften drei Trainer gewesen: ein Cheftrainer und zwei Co-Trainer. Ich hab‘ mir gedacht: eine tolle Sache. Ich hätte eigentlich Luftsprünge machen müssen, war aber von Beginn an skeptisch und konnte nicht mehr so gut schlafen.

Die sportliche Situation war schwierig. Warum hat Steffi Jones gerade Sie gefragt?

KRATZ Wegen meiner Erfahrung, sagte sie. Ich war Erstliga-Trainerin, bin schon lange Verbandstrainerin, habe Spielerinnen wie Dzsenifer Marozsan, Nadine Keßler und Josephine Henning ausgebildet. Ich bilde Männer aus, habe schon Nationalteams wie Namibia und Bolivien oder in Sri Lanka trainiert.

Im ersten Spiel gab es ein 0:1 gegen die USA, dann ein 2:2 gegen England. Das letzte Spiel ging nach einem wirklich schlechten Spiel mit 0:3 gegen Frankreich verloren.

KRATZ Nach dem Frankreich-Spiel hat Steffi zu mir gemeint: Du weißt, das war mein letztes Spiel. Drei Tage später hat mich dann der DFB angerufen und mir mitgeteilt, dass sie freigestellt wurde.

In den Medien stand vor dem Turnier, Joti Chatzialexiou und Sie wären „Aufpasser“ für Jones gewesen. Der 42-Jährige ist seit Jahresbeginn in der Direktion von Oliver Bierhoff als sportlicher Leiter Nationalmannschaften auch für die Frauen-Auswahl und die weiblichen U-Teams zuständig.

KRATZ (lacht) Nein, ich war nicht der Aufpasser, Beobachter oder Spitzel von Steffi. Aber ich habe in den USA so viel gelernt, bin dankbar, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Es waren 13 intensive Tage mit großen Temperatur-Unterschieden. Wir waren in Ohio, am Broadway, am Times Square. Mit Namibia war das mein schönster Trip.

Mit Jones wurden auch die Co-Trainer Markus Högner und Simon Panter freigestellt. Sie selbst möchten nicht in der ersten Reihe stehen. Sind Sie damit jetzt quasi außen vor im A-Nationalteam?

KRATZ Ja. Ich habe aber schon vor der Entscheidung mit Steffi entschieden, dass ich nicht zum nächsten Lehrgang fahre. Die Fahrt hat mir zwar sehr gut gefallen. Aber ich hatte ja noch keinen Vertrag mit dem DFB. Schon nach dem Treffer zum 0:2 gegen Frankreich hatte ich das Gefühl: Batsch, mir hat jemand mit dem Hammer auf den Kopf gehauen. Das hat mich dann auch in den nächsten Tagen emotional so mitgenommen, dass auch meine Entscheidung im Urlaub gefallen ist, dass ich Steffis Angebot nicht annehme.

Steffi Jones stand ja schon nach der EM unter Druck, rettete ihren Job quasi im Herbst durch ein 4:0 im Testspiel gegen Frankreich. Wie ist sie mit dem Druck umgegangen?

KRATZ Das war ihr kaum anzumerken. Sie muss auch keine Angst vor der Zukunft haben, bei der Fifa, Uefa oder beim DFB wird sie immer einen Job finden. Der Frauenfußball braucht Typen wie Steffi Jones. Sie ist eine Lichtgestalt des deutschen Frauenfußballs, war nicht umsonst Aushängeschild und Botschafterin der WM im eigenen Land 2011.

Was sind Jones’ Stärken?

KRATZ Sie ist ein ganz toller und warmherziger Mensch, hat dieses Amt mit großem Engagement, Einsatz und Leidenschaft ausgeübt. Menschlich ist die Beurlaubung wohl das Beste für sie, um sie zu schützen. Ich würde mir wünschen, dass sie beim DFB eine Funktion hätte, bei der sie ihre große Stärke, mit Menschen zu arbeiten, sie zu inspirieren und den Frauenfußball zu repräsentieren, ausleben kann.

Und was hat sie falsch gemacht?

KRATZ Ob sie Fehler gemacht hat, dafür waren die 13 Tage zu kurz. Man kann aber generell nicht alles nur an einer Person festmachen.

Der Sportinformationsdienst (sid) schrieb, ein großer Teil der Mannschaft hätte sich gegen Jones ausgesprochen.

KRATZ Dafür war ich nicht nahe genug an der Mannschaft, um etwas dazu sagen zu können. Von atmosphärischen Schwierigkeiten habe ich jedenfalls gar nichts gemerkt.

Der sportliche Abwärtstrend setzte ja schon 2011 mit dem frühen Ausscheiden bei der WM im eigenen Land ein. Was waren denn jetzt zum Beispiel beim „She-Believes-Cup“ in den USA die Probleme? Kein Sieg in drei Spielen gab es ja noch nie dort, so dass es quasi der Tiefpunkt der Talfahrt war.

KRATZ Wir haben derzeit nicht die Knipser, die wie früher Inka Grings, Birgit Prinz, Anja Mittag oder Celia Sasic aus dem Nichts ein Tor machen. Wir haben zu wenige Führungspersönlichkeiten, die nach einem 0:1-Rückstand den anderen mal in den Arsch treten. So wie früher Nadine Keßler. Nur wenn man drei Mal in die Hände klatscht und ruft „Auf geht’s“, ist man noch keine Führungsspielerin. Der DFB muss jetzt alles aufarbeiten. Es fehlen so ein bisschen die deutschen Tugenden, der wahnsinnige Wille, die Typen. Dazu kommt auch immer auf diesem Niveau der Faktor Glück, der etwas fehlte.

Der Frauenfußball hat sich ja auch verändert, die alles dominierende Rolle der Deutschen in den 90er und 2000er Jahren kommt ihnen immer mehr abhanden.

KRATZ Das stimmt. Unsere Präsenz geht uns verloren. Die anderen haben aufgeholt. Früher gab es nur zwei Konkurrenten: China und die USA. Dann waren es Japan, die USA und Brasilien. Und jetzt gibt es mehr Gegner, die uns schlagen können. Auch England, Frankreich, Spanien oder Dänemark. Es wird nie mehr so leicht wie in den 80ern und 90ern, darüber muss man sich im Klaren sein.

Jetzt fungiert Horst Hrubesch als Übergangslösung.

KRATZ Aufgrund seiner großen Erfolge und seiner Stellung ist er momentan der richtige Mann am richtigen Ort.

Und wer könnte langfristig Jones’ Nachfolgerin werden? Ex-Weltklassespielerin Maren Meinert hat ja schon abgesagt. Wolfsburgs langjähriger Trainer und jetziger Sportlicher Leiter Ralf Kellermann und Bayern Münchens Trainer Thomas Wörle sind auch im Gespräch. Und Sie selbst?

KRATZ (lacht) Also, ich definitiv nicht, das habe ich für mich entschieden. Kellermann und Wörle haben mit viel Erfolg in der Bundesliga gearbeitet. Den Fußballlehrer hat zum Beispiel Kellermanns langjährige Assistentin Britta Carlsson. Ich wäre am ehesten für Maren Meinert und Bettina Wiegmann gewesen. Meine zweite Favoritin: Martina Voss-Tecklenburg.

Was zeichnet die Ex-Nationalspielerin und aktuelle Schweizer Nationaltrainerin aus?

KRATZ Martina hat Erfahrung, sie hat in der Schweiz auch schon mal Aufbauarbeit leisten müssen und gehört jetzt mit ihrer Mannschaft zu den besten 24 Teams der Welt. Ich schätze sie als Trainerin, sie ist sehr ehrgeizig, leidenschaftlich und auch taktisch gut. Als Assistentin fände ich Inka Grings toll. Sie ist jung, hat die Fußballlehrer-Lizenz, trainiert eine U17-Mannschaft bei den Männern und könnte nah an der Mannschaft sein. Die beiden als Gespann könnten – rein gefühlsmäßig – das Beste aus der Mannschaft rausholen.

Im saarländischen Frauenfußball will ja die SV Elversberg die Frauen-Abteilung des SV Göttelborn übernehmen. Mit Selina Wagner als Aushängeschild und eigenem Jugendzentrum soll es bis in die Bundesliga gehen. Die Entscheidung darüber soll am Montagabend bei einer SFV-Präsidiumssitzung fallen. Zweitligist 1. FC Saarbrücken erwächst also neue Konkurrenz. Was sagen Sie dazu?

KRATZ Konkurrenz belebt das Geschäft. Das kann uns in Sachen Frauenfußball im Saarland nur helfen. Wir haben immer Top-Talente gehabt hier. Und dann könnten die sich vielleicht künftig auf zwei Vereine verteilen. Je mehr man anbietet, desto mehr kommt nach. Denn Talente brauchen Spielpraxis.

Die Fragen stellte Stefan Regel.