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Radsport
Hier Mitglieder-Zuwachs, dort Vereinssterben

Das Präsidium des Saarländischer Radfahrer-Bundes (v.l.): Präsident Jörg Aumann, Jugendleiter Dominik Schammne, Peter Schwöbel (Vizepräsident Sportbetrieb), Leander Wappler (Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit), Günther Eisenbach (stellv. Präsident) und Christine Hemmerling (Vizepräsidentin Breitensport).
Das Präsidium des Saarländischer Radfahrer-Bundes (v.l.): Präsident Jörg Aumann, Jugendleiter Dominik Schammne, Peter Schwöbel (Vizepräsident Sportbetrieb), Leander Wappler (Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit), Günther Eisenbach (stellv. Präsident) und Christine Hemmerling (Vizepräsidentin Breitensport). FOTO: Thomas Wieck
Saarbrücken. Der Saarländische Radfahrer-Bund hat sich „ganz, ganz stark verändert“, sagt der Präsident. Boom bei Jugend und beim Mountainbike.

Für einen Sportfunktionär pflegt Jörg Aumann einen ungewöhnlichen Kleidungsstil. Anzüge hat der Präsident des Saarländischen Radfahrer-Bundes (SRB) so einige im Schrank. Doch zu Radsport-Veranstaltungen erscheint Aumann regelmäßig in kurzen Hosen und mit Helm. Auf seinem Fahrrad. Denn der 48-Jährige gehört selbst zu den Aktivsten seines Verbandes, pro Jahr fährt Aumann um die 5000 Kilometer. Auch seine Kollegen aus dem SRB-Präsidium vermitteln den Eindruck, mit der Praxis bestens vertraut zu sein. Was nicht verwundert: Radfahren ist in Deutschland der beliebteste Volkssport. 25 Millionen Menschen treten in die Pedale, deutlich mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Das ergab eine Studie der Universität Mainz.



In Großstädten wie Berlin wächst die Bedeutung des Fahrrads als Verkehrsmittel. Im Saarland ist das noch anders. Hier bestimmen die vielen Freizeitradler auf Landstraßen und in den Wäldern die Szenerie. Als Vereinssport wird Radfahren jedoch seltener wahrgenommen. „Viele denken, Radfahren ist eine Individualsportart“, weiß Aumann: „Im Verein ist es aber einfach schöner.“ Der 48-Jährige schwärmt von einem „sozialen Sport“. Erst recht, seit sich immer mehr Vereine der „Bewegung für Luca“ anschließen. Im Juni war Mountainbike-Fahrer Luca Biwer in den Vogesen verunglückt. Diagnose: Querschnittslähmung. In der Radsportszene ist die Hilfsbereitschaft groß. „Das geht mir richtig ans Herz“, sagt Aumann.

Der von ihm geführte Verband vertritt derzeit 52 Clubs mit 4433 Mitgliedern. Der Frauenanteil liegt bei knapp 25 Prozent. Sportlich repräsentiert der SRB eine große Bandbreite an Disziplinen. Aber nicht nur das: „Wir reden über jede Menge olympisches Potenzial“, sagt Aumann. Bahn und Straße, BMX und Mountainbike gehören zum Programm der Olympischen Spiele. Daneben haben Kunstradfahren und Radball ihren festen Platz im SRB.

Nach zweieinhalb Jahren an der Verbandsspitze zieht Aumann eine kleine Bilanz. „Der Verband hat sich ganz, ganz stark verändert“, sagt der SRB-Präsident. Die Mitgliederzahlen steigen, der größte Club ist Bike Aid aus Saarbrücken mit etwas weniger als 400 Aktiven. „Wir haben überall Vereine, die gut aufgestellt sind“, sagt Aumann. Der Mitgliederzuwachs sei fast ausschließlich dem Jugendsport und dort dem Mountainbike zu verdanken, erläutert er. „Das zeigt uns, dass der Radsport nachgefragt wird von den Eltern – wenn man es richtig macht.“ Gleichzeitig beobachtet Aumann eine negative Entwicklung: „Wir haben auch ein Vereinssterben.“ So verschwand 2015 mit dem RSV Saarlouis-Fraulautern ein Traditionsverein.

Dominik Schammne kann über den positiven Trend berichten. Der Jugendleiter des SRB engagiert sich beim Mountainbike-Club Bergradler Oberthal als Nachwuchstrainer. Schammne sagt: „Die Marschroute ist immer gleich: die entsprechenden Trainer ausbilden, eine Trainingsstrecke herstellen – und dann kommt schon ein Riesenschwung an Kindern.“ Wobei der Infrastruktur aus seiner Sicht eine Schlüsselrolle zukommt. Schammne sagt: „Bei den Mountainbike-Vereinen ist es ganz offensichtlich, dass die eigene Trainingsstrecke der Magnet für die Kinder ist.“



Zugleich hat der Einstieg über das Mountainbike die Talentförderung verändert. „Durch das Mountain­bike haben wir den Vorteil, möglichst früh einsteigen zu können“, sagt der Jugendleiter: „Der Erlebnischarakter ist da, und das Austoben im Wald funktioniert gut.“ Die Trainerausbildung hat der SRB angesichts des Jugendbooms reformiert. Es geht nun verstärkt um den Umgang mit Kindern im Grundschulalter, inhaltlich liegt der Fokus nicht nur auf dem Rad. Statt einzelne Talente herauszupicken, sollen die Übungsleiter im Nachwuchsbereich eine breite Basis schaffen. Um mehr Fahrer an die Spitze heranzuführen. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis viel mehr Kinder und Jugendliche in den Lizenzradsport kommen und für das Saarland Werbung machen“, sagt Schammne.

Zwar ist mit Lisa Klein aus Völklingen-Lauterbach die mit Abstand erfolgreichste Radsportlerin aus dem Saarland auf Bahn und Straße unterwegs. Die 21-Jährige nahm 2016 an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil, gewann in diesem Jahr den Meistertitel auf der Straße, außerdem WM-Bronze im Mannschafts-Zeitfahren. Doch die größten Talente finden sich derzeit beim Mountainbike. So wie die Brüder Lars und Thore Hemmerling, die es in den Bundeskader geschafft haben. Aumann sieht in dieser Disziplin bis zu 70 Talente in der Region.

Für die breite Öffentlichkeit findet Radsport aber hauptsächlich auf der Straße statt, bei Klassikern wie der Tour de France. 2018 kommt die Deutschland-Tour ins Saarland. Sportminister Klaus Bouillon will außerdem die Frankreich-Rundfahrt wieder in die Region holen. Die Trofeo bringt als Traditionsrennen in großer Regelmäßigkeit internationale Talente in die Region.

Doch der SRB-Präsident sagt auch: „Es nützt uns alleine wenig, wenn wir die Tour im Saarland haben, aber in den Grundstrukturen hinterherhinken.“ Hinter dieser Äußerung steht der Wunsch nach einem modernen Trainingszentrum für die hiesigen Radsportler (siehe unten). „Wenn man uns vor die Wahl stellen würde“, wird Aumann deutlich, „würden wir uns eher dafür entscheiden, die Strukturen an der Basis zu verbessern, statt solche Megaevents hierher zu holen.“

Auch wenn der Profi-Radsport langsam resozialisiert erscheint: „Doping bleibt als Thema allgegenwärtig“, sagt Leander Wappler. Der SRB-Vizepräsident fungiert auch als Anti-Doping-Beauftragter. Zwar findet Wappler: „Wir kämpfen gegen ein gesellschaftliches Phänomen.“ Doch das soll keine Ausrede sein. Der SRB engagiert sich in der Prävention gegen Doping. Viele wüssten gar nicht, wo die Grenzen lägen, hat Wappler beobachtet. Milde lässt der Verband dennoch nicht walten. Im Gegenteil: Der SRB erhebt von Lizenzfahrern bei Veranstaltungen einen „Anti-Doping-Euro“. Damit werden zusätzliche Kontrollen bei den Amateuren finanziert. In Abstimmung mit der Nationalen Antidoping-Agentur Nada. „Man muss leider sagen, wir haben auch schon Erfolg gehabt“, berichtet Wappler. Der SRB will signalisieren: „Wenn du ins Saarland kommst, überlege dir genau, was du machst.“ Wer als Sportler die Region besucht, erlebt aber nicht nur Strenge. Sondern mit etwas Glück auch einen Präsidenten in Radlerhosen.

10SZ-Radfahren im Saarland
10SZ-Radfahren im Saarland FOTO: Müller, Astrid / SZ