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Handball
HG-Chef Jungmann übt Selbstkritik

Richard Jungmann am Rande der Verzweiflung – zuletzt sechs Pleiten in Serie in der 2. Liga, nun die Abwanderungsgedanken seiner Topspieler.
Richard Jungmann am Rande der Verzweiflung – zuletzt sechs Pleiten in Serie in der 2. Liga, nun die Abwanderungsgedanken seiner Topspieler. FOTO: Peter Franz/Eibner Pressefoto / Eibner Pressefoto
Saarlouis. Handball-Zweitligist HG Saarlouis steckt tief im Abstiegskampf. Die Toptalente Jerome Müller und wohl auch Lars Weissgerber werden den Club verlassen. Sebastian Zenner

Die HG Saarlouis steht mit dem Rücken zur Wand. Mit vier Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz überwintert der Handball-Zweitligist als Tabellen-Vorletzter. Am Montagabend startete das Team von Trainer Philipp Kessler in die Vorbereitung auf die Restrunde.



Eigentlich sollte der jahrelange Tanz auf der Rasierklinge im Abstiegskampf der 2. Liga endlich ein Ende haben. Doch das Konzept, mit jungen, talentierten Spielern die sicheren Gefilde der vorderen Tabellenhälfte zu erreichen, ist gescheitert. Zumal die Toptalente Jerome Müller (21 Jahre), mit 100 Toren beste Schütze, und sehr wahrscheinlich auch Lars Weissgerber (20, 87 Treffer) den Club nach der Saison verlassen werden.

„Von Scheitern würde ich noch nicht sprechen. Es liegt ja noch eine Rückrunde vor uns“, findet Richard Jungmann. Der Vorsitzende der HG Saarlouis gibt aber auch zu: „Das bisherige Abschneiden hatten wir so nicht erwartet. Deshalb auch der Trainerwechsel, weil wir den Umgang mit der sehr jungen Mannschaft nicht mehr gutgeheißen hatten.“ Philipp Kessler wurde Anfang November 2017 für den freigestellten Jörg Bohrmann vom Co- zum Cheftrainer befördert.

Jungmann übt aber auch Selbstkritik: „Dass die Mannschaft nicht so einschlägt, wie ich es mir vorgestellt habe, ist eine Fehleinschätzung meinerseits. Die Zusammenstellung war vor der Saison mit dem Trainer und den Verantwortlichen im Verein abgesprochen“, erklärt der HG-Chef, „trotzdem bin ich derjenige, der das Heft des Handelns in der Hand hat und dafür geradestehen muss.“

Auf dem Feld müssen die Spieler für ihre Leistungen geradestehen. Trainer Kessler, dem Richard Jungmann eine „strukturierte“ und „sehr gute Arbeit“ attestiert, freute sich am Montagabend über die Ergebnisse des Fitnesstests. „Die Spieler haben ihre Hausaufgaben gemacht. Alle sind mindestens auf dem Niveau von vor der Pause. Wenn nicht sogar besser“, lobt der Lehrer.



Kessler muss vorerst auf die verletzten Arthur Muller und Tom Paetow (Sprunggelenk), Kapitän Martin Murawski (krank) und Michael Schulz (nach Fuß-Operation) verzichten. Spätestens Ende nächster Woche sollten wieder alle an Bord sein. Um sich im Kampf um den Klassenverbleib durchzusetzen, braucht die HG jeden Mann. „Ich bin davon überzeugt, dass wir es schaffen können. Die Mannschaft kann auch mehr, als sie bisher gezeigt hat“, ist sich Trainer Kessler sicher.

Egal, in welcher Liga die HG in der kommenden Saison spielen wird – Jerome Müller wird seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Wohin es den Linkshänder zieht, will oder kann er noch nicht verraten. Fest steht nur, dass es „mindestens ein ambitionierter Zweitliga-Club sein wird“, wie der 21-Jährige sagt. Damit sich der Verein zeitnah nach einem Ersatz umschauen kann und „um den Kopf für den Kampf um den Klassenverbleib frei zu haben“, soll in den nächsten Wochen Klarheit herrschen.

Seine Entscheidung, die HG im Sommer zu verlassen, begründet der Rückraumspieler nicht mit der aktuellen Flaute. „Ausschlaggebend ist für mich eher, mal in einer Mannschaft zu spielen, in der nicht die Hälfte der Spieler seit über zehn Jahren zu meinen Freunden gehört“, erklärt Müller, „in einem neuen Umfeld werde ich selbstständiger und kann in der Persönlichkeitsentwicklung einen Schritt voran machen.“

Diesen Schritt wird früher oder später auch Lars Weissgerber wagen, dessen Vertrag ebenfalls ausläuft. Der Rechtsaußen, der sich zu diesem Thema nicht äußern möchte, bildet mit seinem Junioren-Nationalteam-Kamerad Müller seit Jahren ein erfolgreiches Duo.