Herzschlag-Finale in der Wüste

Herzschlag-Finale in der Wüste

Die Formel 1 erlebt am Sonntag ihren Saisonhöhepunkt: Im Finale in Abu Dhabi wird die Weltmeisterschaft zwischen den Mercedes-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton entschieden. Dem Deutschen genügt schon Rang drei, um seinen ersten WM-Titel einzufahren.

Dieses Finale um die Formel-1-Weltmeisterschaft ist ganz nach dem Geschmack von Oberzampano Bernie Ecclestone : die Entscheidung erst auf den "letzten Drücker", im letzten von 21 Rennen. Zwei Mercedes-Alphatiere machen's möglich. Doch Nico Rosberg und Lewis Hamilton erfüllen nicht nur den Wunsch des "Zirkus"-Direktors, sondern auch jenen von zig Millionen Fernsehzuschauern. Das Abu-Dhabi-Rennen (Sonntag/14 Uhr, RTL) wird zu einem Titel-Zweikampf der Extraklasse.

Rosberg kommt als WM-Führender in den Wüstenstaat. Zwölf Punkte beträgt sein Vorsprung auf Titelverteidiger Hamilton (367:355). In der Theorie ist die Aufgabenstellung für den Deutschen damit relativ einfach: Rosberg reicht schon ein dritter Platz zu seinem ersten WM-Titel - selbst wenn Hamilton gewinnt. Das Berechenbare in der Formel 1 ist aber nun mal das Unberechenbare.

Psychospiele von Hamilton

Zwei Mal hat es Nico Rosberg bislang probiert, zwei Mal hat er es nicht geschafft. Nun duellieren sich die Mercedes-Piloten zum dritten Mal in Folge um den Titel. 2014 hatte Rosberg im letzten Rennen seine Minimal-Chance durch einen technischen Defekt eingebüßt. Auch diesmal könnte sich der Defektteufel in das Duell einmischen. Doch daran möchten weder Rosberg noch Hamilton denken. "Ich fokussiere mich auf das, was ich beeinflussen kann. Ich versuche, das Rennen zu gewinnen. Ich fühle mich super stark", sagt Hamilton. "Es war keine perfekte Saison, und es scheint an diesem Wochenende schier unmöglich zu sein, noch den Titel zu holen. Aber ich werde nicht aufgeben."

Die Maxime des geborenen Wiesbadeners Rosberg lautet: "Ich befasse mich nicht mit ,Wenn' und ,Aber' und ,Hätte'. Das macht das Leben einfacher. Damit bin ich die gesamte Saison gut gefahren. Ich fahre zu den Rennen, um sie zu gewinnen."

Tatsächlich hatten beide Fahrer in diesem Jahr regelrechte Siegesserien. Rosberg gewann die ersten vier Grand Prix in Folge. Hamilton legte dafür vor der Sommerpause vier am Stück hin. Auch in der zweiten Saisonhälfte zeichnete sich dieses Muster ab. Rosberg siegte drei Mal. Hamilton konterte mit ebenfalls drei Siegen, zuletzt in den USA, Mexiko und Brasilien. Nach Siegen weisen nun beide Kontrahenten neun Erfolge auf.

Der Brite fährt derzeit wie entfesselt, hat zweifelsohne einen Lauf. Hätte Hamilton sein Lotterleben früher gezügelt, wäre er jetzt der Führende im WM-Klassement, sind sich die Experten einig. Nun versucht der dreimalige Champion mit Psychospielchen, Rosberg nervös zu machen, und erhöht somit den Druck auf den Deutschen. "Ich habe nichts zu verlieren, Nico aber alles. Ich bin glücklich, ihn im gleichen Auto geschlagen zu haben", schießt Hamilton kleine Giftpfeile ab.

Rosberg hat zuletzt zwei Matchbälle vergeben, doch die zweiten Plätzen hielten ihn auf Titel-Kurs. Nun will er den Erzrivalen auch auf der Strecke bezwingen. "Ich habe gute Erinnerungen an Abu Dhabi und werde voll auf Sieg fahren", verkündete der Vorjahressieger.

Mercedes-Oberaufseher Niki Lauda hat bei Rosberg einen "Prozess des Umdenkens" ausgemacht, "der zu den neuen Stärken geführt hat. Seine zurückhaltende Vernunft ist konsequenter Härte gewichen. Diese Härte hat sich Nico antrainiert", schilderte Lauda und merkt zu Hamilton an: "Lewis hat plötzlich gemerkt, dass er gegen diesen neuen Nico mit seinem Naturtalent allein nicht mehr ankommt."

In den Fußstapfen des Vaters?

Mercedes-Sportchef Toto Wolff reibt sich die Hände, sagt: "Es wird ein großer Showdown, wir dürfen uns auf ein spannendes Rennen freuen. Wir setzen alles daran, dass die Entscheidung nicht durch einen Technik-Defekt entschieden wird. Beide Fahrer wären würdige Champions", sagt Wolff.

Ist der Yas-Marina-Circuit nun aber eine Hamilton-Strecke, oder ist der 2009 in den Formel-1-Kalender aufgenommene Kurs Rosberg-Land? In den sieben auf der Strecke ausgetragenen Rennen gewann Hamilton zwei Mal: 2011 im McLaren und bei der WM-Entscheidung 2014 (Mercedes). Rosberg triumphierte 2015. Holt er nun den Titel, ist er nach Damon Hill erst der zweite Rennfahrersohn, der in dieser Hinsicht in die Fußstapfen seines Vaters tritt.

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