Happy in Hampstead

Der FC Arsenal, heute Gegner von Borussia Dortmund in der Champions League, hat sich eine deutsche Prägung zugelegt, die nicht von Nachteil ist. Per Mertesacker, Mesut Özil und Lukas Podolski haben in London noch weitere Weggefährten aus der Heimat.

Hampstead gilt als eines der letzten Überbleibsel des dörflichen Londons mit einer künstlerischen, exklusiven Atmosphäre. Ein Spaziergang durch Hampstead Heath, einen großen Landschaftspark mit ausgewaschenen Sandwegen und alten Eichen, ist längst kein Geheimtipp mehr. Gut Betuchte, Liberale, Intellektuelle und Politiker haben in der grünen Lunge eine Heimat gefunden.

Und Fußballer. So hat Per Mertesacker mit Freundin Ulrike Stange und Söhnchen Paul im citynahen Londoner Norden sein Zuhause. Hier haben auch Mesut Özil und die Sängerin Mandy Capristo ein Haus bezogen. "Wir haben intensiv gesucht, das hat sich gelohnt", sagt der neue Star des FC Arsenal, "die Menschen respektieren unsere Privatsphäre".

Rechtzeitig zum heutigen Champions-League-Heimspiel gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr) überzieht ein allgemeines Wohlfühlklima den Klub, was viel mit dem deutschen Einfluss zu tun hat. Mertesacker ist dabei nicht nur aufgrund seiner Größe der Anführer der deutschen Fraktion. Teamchef-Legende Arséne Wenger, der heute seinen 64. Geburtstag feiert, schätzt seinen Abwehrchef ungemein und überträgt dem 29-Jährigen nicht umsonst zeitweise die Kapitänsbinde. "Er ist intelligent, genießt großen Respekt und hat sich technisch und taktisch gut entwickelt", lobt Wenger, während Mertesacker einen "großen Respekt uns Deutschen gegenüber" verspürt. "Wir stehen nach Meinung der Engländer für Qualität."

Seit sein ehemaliger Bremer Weggefährte Özil hinzugekommen ist, hat Arsenal gleich eine andere Qualitätsstufe erklommen. Mertesacker spricht von einem emotionalen Schub, der von der Verpflichtung des 50 Millionen Euro teuren Strategen ausgegangen sei. "Von 100 Leuten, die Mesut auf der Straße erkennen, erkennen mich vielleicht 20." Der 25-jährige Spielmacher selbst hat seinem neuen Arbeitgeber und der neuen Umgebung mehrere Liebeserklärungen gemacht. "Mesut ist ein Traum, er ist für den Fußball geboren", schwärmt Wenger, "ein Weltfußballer". Tatsächlich paaren die "Gunners" mit dem filigranen Gestalter wieder Geschwindigkeit wie zu besten Zeiten eines Dennis Bergkamp und Thierry Henry, weil es heutzutage solche Passgeber braucht, um das Mittelfeld zu durchdringen. Özil hat just beim 4:1 gegen Norwich City am Wochenende seine ersten zwei Liga-Treffer erzielt. "Er gibt Arsenal den Glauben zurück, auf dem Weg zu etwas Gutem zu sein", stellte der "Guardian" fest.

Das Spiel gegen Dortmund, sagt Mertesacker, "wird unser erster richtiger Gradmesser". Der Elsässer Wenger, der bestens Deutsch spricht, geht davon aus, dass der "dritte und vierte Spieltag der Schlüssel fürs Achtelfinale" sind. Tatenlos wird mit Lukas Podolski der dritte deutsche Nationalspieler zusehen. Von Podolskis Verletzung profitiert ein deutscher U 19-Nationalspieler: Serge Gnabry, "German Wunderkind" getauft. "Er hat Talent und Persönlichkeit", urteilt Wenger, "leider ist er kein Engländer". Der in Böblingen aufgewachsene 18-Jährige - Sohn einer Schwäbin und des ivorischen Ex-Nationalspieler Jean-Hermann Gnabry - ist vielleicht verblüffendste Beitrag zu "Gersenal", wie der Tabellenführer der Premier League dieser Tage oft genannt wird. Der beidfüßige Irrwisch gibt den Anführer einer nachrückenden Arsenal-Garde, zu der die deutschen Talente Thomas Eisfeld und Gedion Zelalem sowie aus der vereinseigenen Akademie Leander Siemann gehören.

Damit ist aber des deutschen Brauchtums immer noch nicht genug. "Wir haben sogar einen deutschen Koch", erzählt Mertesacker, "leider hat er sich jetzt den Arm gebrochen und fällt sechs Wochen aus". Gegen Dortmund dürfte seine Verletzung nicht ins Gewicht fallen.

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HintergrundJürgen Klopp hat 150 der bisherigen 180 Minuten von Borussia Dortmund in der Champions-League-Saison auf der Tribüne erlebt. Die restlichen eineinhalb Stunden seiner Sperre stehen dem BVB-Trainer heute beim FC Arsenal noch bevor. Die Borussen stehen unter gehörigem Druck. "Wenn wir dort gewinnen, wäre das ein Riesenschritt in Richtung Achtelfinale", sagte Sportdirektor Michael Zorc. Sollte der BVB verlieren, könnte es mit nur drei Punkten auf dem Konto sogar im Kampf mit dem SSC Neapel und Olympique Marseille um Platz zwei eng werden. dpa