Hannes Vitense: Schwimm-Talente sollen mehr Zeit bekommen

Interview mit Hannes Vitense : Schwimm-Talente sollen mehr Zeit bekommen

Der neue Bundestrainer Hannes Vitense spricht im SZ-Interview über seine Ideen und die Perspektiven im deutschen Schwimmsport.

Der ehemalige saarländische Landestrainer Hannes Vitense ist seit 1. Februar neuer Bundestrainer. Zusammen mit dem Magdeburger Bernd Berkhahn bildet der 36-jährige Diplom-Sportwissenschaftler eine Doppelspitze, die die Athleten des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) erfolgreich auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereiten soll. Berkhahns Position lautet „Teamchef“, Vitense ist „Teamcoach“ und für die strategische Ausrichtung zuständig. Unterstützt werden sie von DSV-Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen, Team-Manager Christian Hirschmann (wie Vitense aus Neckarsulm), externen Experten und den Bundesstützpunkttrainern Nicole Endruschat (Essen) und Veith Sieber (Hamburg).

Herr Vitense, Ende 2017 haben Sie Ihr Amt als saarländischer Landestrainer beendet und sind nach Neckarsulm gewechselt. Mit Ihnen kamen Spitzenschwimmer wie Henning Mühlleitner, Annika Bruhn, Celine Rieder und Marlene Hüther. Wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahr in Neckarsulm aus?

HANNES VITENSE Die Bilanz ist extrem gut. Bei den Europameisterschaften 2018 in Glasgow haben wir vier Medaillen und damit die Hälfte aller deutschen Medaillen geholt.

Wie sehr haben Sie noch Ihre alte Wirkungsstätte im Saarland im Blick, wo Sie 13 Jahre lang am Beckenrand standen und acht Jahre Landestrainer waren?

VITENSE Mein Blick und meine Ohren sind überall, ich weiß natürlich vieles in Deutschland im Detail. Ich habe einen sehr guten Draht zu vielen Athleten und Coaches. Ich will auch das Saarland als Stützpunkt mitnehmen, künftig sollen wichtige Landesstützpunkte hervorgehoben werden. Da wird es auch gemeinsame Gespräche geben, wie man zusammen maximale Erfolge herausholen und die richtig guten Bedingungen in Saarbrücken am besten nutzen kann. Wir steigen da in einen Prozess ein, auch der DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, Anm. d. Red.) ist dabei in Gesprächen. Das Saarland muss seine eigenen Kompetenzen hervorheben, es geht darum, den Schwimmsport in der Region zu stärken. Darüber hinaus sollen die Bundesstützpunkte dabei helfen; die besten Athleten Deutschlands zu unterstützen.

Nach dem Rücktritt von Bundestrainer Henning Lambertz soll es jetzt also ein Team richten, dazu werden die Heimtrainer der Athleten gestärkt. Wie kam es dazu?

VITENSE Man ist auf mich im Januar zugekommen, das ist natürlich eine tolle Anerkennung und große Herausforderung. Den Teamgedanken finde ich gut, weil ich glaube, es gibt in Deutschland viele Trainer, die gute Ideen haben und kreativ genug sind, um Spitzenleistungen auf Weltniveau erreichen zu können. Meine Führungskompetenz ist unter anderem, dass ich gut auf Menschen zugehen und auf Augenhöhe und mit Respekt sprechen kann. Ich schaue über den Tellerrand und habe nur ein Interesse: Weltspitze für Deutschland entwickeln. Bernd Berkhahn und ich sind beide Bundestrainer und mit unterschiedlichen Aufgaben betraut. Wir kennen uns schon seit rund 15 Jahren und schätzen uns sehr. Die Entscheidung ist auch ein Signal an alle Trainer in Deutschland, dass man als Team alles schaffen kann, aber wir müssen es auch anpacken, denn von alleine wird es nicht gehen. Und ein „Weiter so“ darf es natürlich nicht geben. Es muss alles ein gut kontrollierbarer Prozess sein.

Henning Lambertz setzte auf anspruchsvolle Normen und ein Kraftkonzept, die von manchen als zu hart und unrealistisch empfundenen Normen werden jetzt wieder etwas nach unten korrigiert. Was ist da der Hintergrund?

VITENSE Da könnte ich wahrscheinlich jetzt zwei Stunden lang ausholen und erklären. Kurz gesagt geht es gar nicht so sehr um die Normen, ob die jetzt leichter oder schwerer sind, das ist mir zu viel Schwarz oder Weiß. Es geht um die Athleten. Wir wollen uns ausrichten an dem, was wir wollen: der Weltspitze. Daran orientieren sich auch die Normen. Schwimmen als Leistungssport wird immer komplexer. Andere Top-Nationen richten sich nach sehr ähnlichen Maßstäben. So haben auch die Niederländer oder die Franzosen ihre Normen angepasst. Und in Sachen Kraftkonzept müssen wir Dinge einordnen. Manche kommen stark über die Kraft, andere Athleten aber auch eher über das Wassergefühl oder andere Fähigkeiten, wir müssen auch hier den Prozess eng miteinander abstimmen und die Athleten besser machen. Dafür planen wir gemeinsame Wettkämpfe und Maßnahmen mit der Nationalmannschaft, bei denen Trainer und das Kompetenzteam des DSV anwesend sein sollen, um die Entwicklungen schneller und nachhaltiger zu machen.

Abseits von Trainingskonzepten und Standortfragen ist der Ansatz also auch, dass alles im Kopf der Athleten beginnt?

VITENSE Ja, es kommt immer drauf an, was der Athlet will, was gibt er für sich selbst als Ziel vor. Ist das die Olympia-Teilnahme? Oder dort ins Finale zu kommen und um eine Medaille zu schwimmen. Das ist ein Prozess. Und dabei müssen wir die Athleten unterstützen und begleiten. Der innere Antrieb muss Quelle für den Ehrgeiz der Sportler sein. Wir müssen dabei immer realistisch sein und die Athleten und Trainer dabei unterstützen, ihren Weg auch konsequent zu gehen. Dabei geht es auch darum einzuordnen und aufzuzeigen, wann Prozesse Veränderungen benötigen.

Heißt das auch, die Sportler sollen auch mehr Zeit zum „Reifen“ bekommen?

VITENSE Ja, wir hätten vielleicht in der Vergangenheit manchen Athleten mehr Zeit geben müssen, sich in die Weltspitze zu entwickeln. Ein Beispiel: Marco Koch scheidet 2012 bei Olympia im Halbfinale aus. Und 2013 wird er dann Vize-Weltmeister, 2014 Europameister und 2015 Weltmeister. Der Schwimmsport als Hochleistungssport ist komplexer geworden. Wir müssen daran denken, dass die Entwicklungsperspektiven, die der einzelne Athlet benötigt, manchmal auch Zeit brauchen.

Sie blicken viel über den Tellerrand, ob zum Ringen oder zum Triathlon. Wo blicken Sie in Sachen Schwimmen noch hin?

VITENSE Wir haben uns Briten und Niederländer angeschaut. Oder auch die Kanadier. Das ist die Nation, die in den letzten Jahren am schnellsten in die Weltspitze hineingewachsen ist. Die Kanadier arbeiten mit sogenannten On-Track-Systemen, das sind intensive Datenanalysen. Damit kann man auch Spätentwickler identifizieren. Die Leistungen von Nachwuchsathleten entwickeln sich nämlich nicht immer linear. Die Kanadier haben bei ihren Analysen festgestellt, dass in unterschiedlichen Disziplinen der Leistungshöhepunkt zu unterschiedlichen Zeitpunkten erreicht wird. Das erkennen wir manchmal in Deutschland nicht und sortieren zu früh aus.

Die deutschen Schwimmer haben in den vergangenen 20 Jahren rein medaillenmäßig immer schwächer abgeschnitten. Und auf die Medaillen blickt die Öffentlichkeit nun mal. Gibt es hierzulande weniger Talente als in anderen Ländern?

VITENSE Nein, das glaube ich nicht. Es gibt definitiv so viele Talente wie in Holland, Großbritannien oder anderen Ländern. Und Deutschland ist in der Lage, wieder Top-Platzierung­en bei Olympischen Spielen zu holen. Und wir wollen die deutschen Athleten in die Weltspitze bringen. Die Frage ist, wie können wir die Potenziale rauskitzeln, an welchen Stellschrauben gilt es zu drehen, da tauschen wir uns stetig aus. Wir glauben an die Athleten, es sollen sich alle bewusst werden: Wir stehen hinter ihnen. Und wir werden im Ausland aufgrund unserer Strukturen zum Teil auch beneidet. Mit dem neuen Team Tokio 2020 ist auch Aufbruchsstimmung verbunden, die Verantwortung wird auf mehr Schultern verteilt. Wir wollen als Team Tokio Verantwortung übernehmen und die Prozesse leiten, aber wir brauchen Unterstützung durch die Vereine, Landesverbände und insbesondere die Trainer. Wenn jeder sein Ding macht, wird es schwierig. Deutschland hat jetzt eine tolle Chance, dann sollten wir sie auch ergreifen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen wie von Britta Steffen oder Ex-Bundestrainer Dirk Lange, der sagt, es braucht wie auf jedem Boot einen Kapitän, der den Hut aufhat und dass jetzt jeder im Prinzip machen könne, was er will?

VITENSE Kritik sollte immer konstruktiv und auch am besten intern sein. Jeder Experte ist angehalten, sich hier mit einzubringen und den Prozess mitzugestalten unter unserer Führung. Mit Britta führen wir sehr positive Gespräche, und auch weitere Experten sichern ihre Mitarbeit zu. Der Prozess ist aktuell sehr positiv, und wir freuen uns über so viel Zuspruch. Klar, wir sind nicht gefeit vor Fehlern oder Niederlagen. Aber wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen, wissen wir, dass wir das Maximale aus unseren Möglichkeiten holen können. Wir haben ein Konzept gemeinsam entwickelt und setzen auf Nachhaltigkeit. Wie Bundestrainer Hermann Weinbuch im Biathlon oder Turn-Bundestrainerin Ulla Koch mit Pauline Schäfer. Wir wollen alle Kräfte bündeln und schauen, wie sich das bewährt. Es ist eine Chance für den Schwimmsport sich in Zukunft besser aufzustellen und das wollen wir gemeinsam erreichen.

Sie rufen dazu auf, mutig, offen und innovativ zu sein. Was heißt das beispielsweise?

VITENSE Im Nachwuchssport zum Beispiel sollte die Möglichkeit bestehen, alles mal auszuprobieren. Wie ein Höhentrainingslager. Und wir müssen den Talenten was bieten. Da ist die duale Karriereform ganz wichtig, es sollte alles abgesichert sein, damit sich die Athleten im System Leistungssport auch wohlfühlen, um in der olympischen Karriere eine Entwicklung zu erfahren und um Medaillen und Platzierungen kämpfen zu können. Da arbeiten wir mit vielen Partnern wie dem DSV, der Polizei, der Bundeswehr und Firmen zusammen.

Damit ist also auch die finanzielle Seite gemeint?

VITENSE Genau. Die Absicherung ist wichtig, damit Entwicklungsprozesse nicht enden, bevor sie richtig angefangen haben. Abgesichert kann man den Fokus besser auf den Leistungssport richten, damit im Übergang vom Juniorenbereich zu den Erwachsenen nicht ganze Generationen von Talenten wegbrechen. Denn oft müssen junge Talente nach Höhepunkten im Juniorenbereich mehrere Jahre bei den Erwachsenen auf den internationalen Durchbruch warten. Dafür haben wir Konzepte entwickelt und werden den jungen Talenten die Möglichkeit geben, sich jedes Jahr international zu messen.

Sie wohnen mit ihrer Frau und einer vierjährigen Tochter in Neckarsulm, werden jetzt aber auch oft an den Bundesstützpunkten in Deutschland sein. Bernd Berkhahn betreut in Magdeburg Spitzenschwimmer wie Florian Well­brock, Sarah Köhler oder Franziska Hentke. Könnte es in einer solchen Doppelfunktion Interessenskonflikte geben?

VITENSE Nein, das glaube ich weniger. Ziel muss es sein, den Leuten Gehör zu geben, ihre Kompetenzen wachsen zu lassen. Keiner will sich profilieren, wir wollen sehr sachlich, zielgerichtet und mit viel Power Richtung Tokio gehen. Je schneller wir das an die Basis bringen, umso besser. Meine Verantwortung liegt darin, den Prozess zu führen und Ideen für den Deutschen Schwimmsport umzusetzen. Die Unterstützung der Landesverbände, Vereine und der DSV-Bundesstützpunkte und Trainer ist dabei entscheidend.

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