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Karate
Gymnastik für den ganzen Körper

Die 15-jährige Annika Summa von Shotokan Saarwellingen gilt im Karate als eins der größten saarländischen Talente. Im vergangenen Oktober kämpfte sich die zweifache deutsche Meisterin bei der Junioren-WM auf Teneriffa im Kumite bis auf Platz fünf.
Die 15-jährige Annika Summa von Shotokan Saarwellingen gilt im Karate als eins der größten saarländischen Talente. Im vergangenen Oktober kämpfte sich die zweifache deutsche Meisterin bei der Junioren-WM auf Teneriffa im Kumite bis auf Platz fünf. FOTO: Christian Grüner/Karateverband
Bous. Der Saarländische Karate-Verband passt sich den Bedürfnissen seiner Mitglieder an und bietet Programme für alle Altersklassen an. Von Tobias Fuchs

Wer etwas über Karate im Saarland erfahren will, muss nach Bous fahren. Zum Rathaus. Im obersten Stockwerk, am Ende eines langen Flures, wartet Stefan Louis, der Bürgermeister der Gemeinde. Der Kommunalpolitiker führt nach Feierabend den Saarländischen Karate-Verband (SKV), und das bereits seit 18 Jahren.


„Karate ist Gymnastik für den ganzen Körper“, sagt Louis über seine Sportart. Sie biete ein komplettes Bewegungssystem, betont er: „Zusätzlich kann man das Ganze als Selbstverteidigung nutzen.“

Im organisierten Karate gibt es zwei Wettkampfdisziplinen: eine mit und eine ohne Gegner. Das Kumite war die Paradedisziplin von Louis – der freie Kampf, eins gegen eins. Zwischen 1982 und 1990 gewann er die Saarland-Meisterschaft, neun Mal in Serie. Daneben pflegen viele Aktive die Kata, eine Kunst der Bewegung mit Dutzenden Formen. In dieser Disziplin treffen Karateka auf imaginäre Gegner.

Stefan Louis ist ein großgewachsener Mann, durchtrainiert, starker Händedruck. Gegen ihn würde man im Kumite nicht unbedingt antreten wollen. Aber an diesem Nachmittag trägt der 53-Jährige keinen Karate-Anzug, nicht seinen schwarzen Gürtel, sondern Hemd und Pullover.

Wenn der Präsident über die Zukunft seines Verbandes spricht, denkt er auch an die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. „Wir haben es jetzt geschafft, ins Programm zu kommen“, berichtet Louis: „Das ist für uns ein richtiger Quantensprung.“ Karate wird in Japan als Präsentationssportart zu sehen sein. Im Leistungssport seien enorme Gelder freigesetzt worden, die für Olympia ausgegeben werden müssten, erklärt der SKV-Chef. Was bedeutet: Auch sein Landesverband erhält höhere Zuwendungen, „zusätzliche Gelder“, wie Louis betont. Um klarzumachen, dass dem Breitensport nichts verloren gehen wird.



Dem Karate-Verband gehören 58 Vereine an. Diese Größe hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Allerdings sinkt die Zahl der Aktiven. Zuletzt registrierte der Verband 3726 Mitglieder, rund 15 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Gegen diesen Trend meldete vor Kurzem der TV Altenwald-Schnappach eine Karate-Abteilung beim SKV an.

Ahmad Yousef Alkhatba, Träger des 6. Dans, geflüchtet aus Damaskus, hat den Sport in den Turnverein gebracht. Und zunächst neugierige Landsleute trainiert. Mittlerweile umfasst seine Gruppe etwa 30 Aktive, überwiegend Kinder und Jugendliche. „Wir haben sie einmal auf einem Turnier erlebt, die waren richtig gut“, erzählt Louis begeistert. Demnächst will er die Neuzugänge seines Verbandes auch einmal besuchen.

Wie lässt sich ansonsten die Vereinslandschaft im Saarland beschreiben? „Derzeit sind St. Wendel und Saarwellingen im Wettkampfsport ganz stark vertreten“, berichtet Louis. Auch die Karate-Dojos Bous und Köllerbach, das Karatecentrum Bushido Heiligenwald, der SV Alschbach oder Teikyo Karate Saarbrücken schicken viele Sportler zu Wettkämpfen.

Bei den Saarland-Meisterschaften vor einem Jahr gewannen Shotokan Saarwellingen und der TV St. Wendel die meisten Medaillen. Der SKV schrieb die Wettbewerbe erstmals offen aus, so dass nicht nur 184 Karateka aus 46 Vereinen, sondern auch aus fünf verschiedenen Ländern nach Bous kamen. Louis nennt auch „Zentren der traditionellen Kampfkunst“ ohne Wettkampfcharakter, die Turnvereine in Völklingen und Kleinblittersdorf, das Karate-Dojo Lebach und den Shotokan-Karate Club Zanshin in Saarbrücken.

Die Schwerpunkte bestimmen die Verantwortlichen vor Ort. Weil im Karate die Trainer einen besonderen Stellenwert besitzen – als „Dojo-Leiter“. Sie nehmen in den Clubs meist Führungspositionen ein. „Die Vereine sind oft auf eine Person oder wenige konzentriert“, berichtet Louis. Weshalb auf den Ehrenamtlichen eine hohe Verantwortung lastet. Die Bereitschaft, sich in einem Vorstand zu engagieren, sei nicht mehr so hoch, sagt Louis. Bei der Suche nach Nachfolgern macht sich das negativ bemerkbar. Teilweise auch, weil es an Nachwuchstrainern mangelt. Auf die Ausbildung legt die SKV gesteigerten Wert. „Wir haben jetzt eine größere Anzahl von relativ jungen Trainern in der Ausbildung“, erklärt Louis: „Ich denke, dass der ein oder andere später mal einen Verein leiten wird.“

Vor allem Kinder begeistern sich für die Sportart. „Wir haben einen Schwerpunkt von sechs bis 16 Jahren“, sagt Louis: „Und dann geht es noch mal los bei 35.“ Leistungssport wird meist in der Altersklasse dazwischen betrieben. Auf diese besondere Mischung hat sich der Verband eingestellt: „Wir legen sehr großen Wert darauf, dass wir für Sportler jeden Alters die entsprechenden Programme haben“, erklärt der SKV-Präsident. Wer Karate betreibt, sei immer wieder gefordert, sagt Vorstandsmitglied Günter Alm: „Das ist ein lebenslanges Lernen.“

Damit Kinder mit dem Sport in Kontakt kommen, kooperiert der SKV mit Schulen. Klar: Dort soll nicht gekämpft werden. Deshalb lancierte der Deutsche Karate Verband vor Jahren schon „Sound-Karate“. Bei dieser Abwandlung des Sports steht die Bewegung im Vordergrund, unterstützt durch Musik wird Karate zur Choreographie. 2003 brachte der SKV das Konzept auch ins Saarland.

Eine Nachwuchshoffnung des Verbandes ist Annika Summa von Shotokan Saarwellingen. „Für uns ist sie eines der größten Talente der letzten Jahre“, sagt Louis. Der Verbandschef lobt die 15-Jährige als „richtige Top-Sportlerin“. Im vergangenen Oktober kämpfte sich die zweifache deutsche Meisterin bei der Junioren-WM auf der Insel Teneriffa im Kumite bis auf den fünften Platz, das Treppchen verpasste sie in der Gewichtsklasse über 54 Kilogramm nur knapp. Summa habe einen erstklassigen Eindruck hinterlassen, lobte der Deutsche Karate Verband. Im Bundeskader steht auch der zwölfjährige Julian Hadizadeh vom TV St. Wendel.

Als Hadizadeh geboren wurde, stand Stefan Louis schon seit fünf Jahren an der Spitze der saarländischen Karateka. Seinen Sport betreibt der Bürgermeister von Bous seit bald 40 Jahren. „Karate kann man bis ins hohe Alter machen“, sagt Louis. Für den Ruhestand hat er also vorgesorgt.

Stefan Louis leitet seit 18 Jahren die Geschicke des Saarländischen Karate-Verbandes.
Stefan Louis leitet seit 18 Jahren die Geschicke des Saarländischen Karate-Verbandes. FOTO: Oliver Dietze