Gespräche ja, Pyrotechnik nein

Frankfurt. Den Jahreswechsel hat Holger Hieronymus wieder bei der Familie in der Hamburger Heimat verbracht. Und doch beschlich das Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball-Liga (DFL) kurz vor Silvester im Supermarkt ein mulmiges Gefühl, als ihm seine Ehefrau Andrea ein Sortiment an Feuerwerkskörpern in den Einkaufswagen legte

Frankfurt. Den Jahreswechsel hat Holger Hieronymus wieder bei der Familie in der Hamburger Heimat verbracht. Und doch beschlich das Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball-Liga (DFL) kurz vor Silvester im Supermarkt ein mulmiges Gefühl, als ihm seine Ehefrau Andrea ein Sortiment an Feuerwerkskörpern in den Einkaufswagen legte. So rasch wie die Dinger in seinen Korb gelangten, seien sie wieder ins Regal gewandert. "Mittlerweile hege ich gegen Pyrotechnik eine gewisse Phobie. Stellen Sie sich mal vor, dass es heißt: Der Hieronymus zündelt!'"Mit dieser Anekdote aus seinem Privatleben wollte der DFL-Funktionär und ehemalige Bundesliga-Profi bei einem Hintergrundgespräch in der Frankfurter Verbandszentrale nur verdeutlichen, wie kurz die Zündschnur bei einer der wohl heikelsten Thematiken im deutschen Fußball geworden ist. Hieronymus spricht eine deutliche Warnung aus: "DFB und DFL wollen einerseits die einzigartige Fankultur in Deutschland erhalten. Andererseits sollen weder Repressionen noch widerrechtliche Handlungen der Fanszene diese selbst gefährden."

Die Fülle an Verfehlungen haben nicht nur die Gründung einer Arbeitsgruppe erforderlich gemacht, sondern auch die Politik alarmiert, die bei der Innenministerkonferenz der Länder am 9. Dezember 2011 bereits über die Abschaffung der Stehplätze debattiert hat. Diese Gefahr sei mittlerweile existent, räumte Hieronymus ein. Der 52-Jährige hält die Stehplätze "für schützenswert, das ist Fankultur - Pyrotechnik ist das nicht".

Das Abbrennen bengalischer Feuer in vielen Stadien gilt in der Szene längst als zusätzliche Protestnote, weil sich über den vergangenen Sommer zwischen Fanvertretern, Deutschem Fußball-Bund (DFB) sowie DFL eine Geisterdebatte streckte, die falsche Hoffnungen bei einem Teil der Ultra-Gruppierungen weckte. Missverständnisse über eine aus gesetzlicher Sicht ohnehin kaum mögliche Legalisierung der Pyrotechnik räumen die Funktionäre rückblickend ein. "Das ist nicht gut gelaufen", sagte Hieronymus. Dennoch gelte: "Wir bleiben gerne mit den Fans im Gespräch - aber nicht über Pyrotechnik."

Die DFL präsentierte am Dienstag eine Umfrage, nach der eine überwältigende Mehrheit den Einsatz der bei falschem Gebrauch gemeingefährlichen Fackeln bei Fußball-Spielen ablehnt: Demnach votierten in einer repräsentativen Umfrage 84 Prozent dagegen, fast 80 Prozent forderten zugleich eine harte Bestrafung. "Höchster Sicherheitsanspruch und der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion sind nicht vereinbar", insistierte der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert. Der 37-Jährige ist erst seit drei Monaten im Amt tätig und versucht sich mit seinem DFL-Kollegen Thomas Schneider ("Ultra-Kultur ist Protest-Kultur: Da geht es viel um Deutungshoheit") an der Quadratur des Kreises. "Wenn man das Stilmittel Pyrotechnik anerkennt, dann schalten wir mit einem Schlag das Unrechtsbewusstsein ab", erklärte Hendrik Große Lefert, der gleichwohl auf den Gedankenaustausch setzen möchte und folglich auch am Wochenende in Berlin beim von der Initiative "Pro Fans" ausgerichteten Fankongress weilen wird. "Wir müssen und wollen im Dialog bleiben, damit uns die Themen nicht wegrutschen", ergänzte Hieronymus. "Es bleibt ein schwieriges Thema: Wahrscheinlich wird in 100 Jahren noch Fußball gespielt und in 105 Jahren noch gezündelt", sagte Hieronymus. "Mittlerweile hege ich gegen Pyrotechnik eine gewisse Phobie."

Holger Hieronymus, DFL-Vorstand