Geoffrey und die Kuh

St. Wendel. In einem kleinen Dorf im Hochland Kenias, etwa 70 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt, ist das Leben nicht einfach. Es gibt kein fließendes Wasser, Strom nur ab und an. Und obwohl mitten in Afrika gelegen, ist es noch nicht einmal wirklich warm, geschweige denn heiß: Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt runde 19 Grad

St. Wendel. In einem kleinen Dorf im Hochland Kenias, etwa 70 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt, ist das Leben nicht einfach. Es gibt kein fließendes Wasser, Strom nur ab und an. Und obwohl mitten in Afrika gelegen, ist es noch nicht einmal wirklich warm, geschweige denn heiß: Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt runde 19 Grad. Hier, etwa 1800 Meter über dem Meeresspiegel, lebt Geoffrey Gikuni Ndungu.

Gerade 23 Jahre alt ist Geoffrey, und trotzdem gilt er in seinem Dorf schon als gemachter Mann. Schließlich ist er stolzer Besitzer einer eigenen Kuh. Die garantiert ihm und seiner Familie eine sichere Lebensgrundlage. Unbekannt ist der Name der Kuh - bekannt ist hingegen, wie Geoffrey sich seinen Traum vom eigenen Huftier erfüllen konnte: Der Kenianer gewann vergangenes Jahr den Globus-Marathon der Stadt St. Wendel in der Rekordzeit von 2:14,27 Stunden. Er strich dafür eine Prämie von insgesamt 3500 Euro ein.

"1500 Euro beträgt die Siegprämie, weitere 1000 Euro gibt es für eine Zeit unter 2:15 Stunden, und noch einmal 1000 Euro für das Aufstellen eines neuen Streckenrekords", erzählt Thomas Wüst, Leiter des St. Wendeler Amtes für Stadtmarketing und Chefstratege des Marathons, wie sich die Summe, von der die Kuh finanziert wurde, zusammensetzt.

Auch in diesem Jahr will Geoffrey den Stadtmarathon, der am Sonntag zum vierten Mal durch die Straßen St. Wendels führt, als Sieger beenden. "Er hat eine neue Bestmarke angepeilt. Eine Zeit um 2:10 Stunden traue ich ihm zu", erzählt Wüst, dass sich Gikuni seit seinem überraschenden Vorjahreserfolg voll auf Marathon spezialisiert hat. "Im Vorjahr hatten wir Geoffrey ja eigentlich nur als Tempomacher für drei Landsleute engagiert." Nach etwas mehr als der halben Distanz, so war es vorgesehen, sollte er aus dem Rennen aussteigen. "Dass er den Marathon durchläuft, war gar nicht geplant", erinnert sich Wüst.

Erst recht nicht, dass er gewinnt. Denn noch nie zuvor war der Kenianer, der über die Halbmarathonstrecke zu den Weltbesten zählt, über die volle Distanz gegangen. "Den ersten Marathon dann in so einer Zeit zu beenden, ist schon außergewöhnlich stark", ist Wüst, der selbst etliche Marathonläufe in den Beinen hat, noch immer beeindruckt von der Leistung.

In diesem Jahr kann Gikuni keinen Überraschungserfolg mehr landen, "denn er ist ganz klar der Favorit", sagt Wüst. Seine stärksten Konkurrenten kommen aus dem eigenen Lager und heißen Wilson Melly und Peter Ndegwa Nyambura. Letztgenannter war im Vorjahr als Topfavorit angereist. Er konnte mit dem schnellen "Hasen" Gikuni aber nicht Schritt halten und wurde Dritter hinter dem Ukrainer Sergey Zachepa, dem Sieger von 2008.

Melly ist neu in der Athleten-Gruppe, die über das Projekt "run2gether" nach St. Wendel gekommen ist. "Das ist ein humanitäres Laufprojekt, bei dem Läufern aus Kenia Hilfe zur Selbsthilfe gegeben wird", erklärt Wüst, der keine teuer eingekauften Athleten haben will: "Ein Profi verlangt zwischen 3000 und 4000 Euro Startgeld, wobei ein großer Teil des Geldes in die Taschen des Managers fließt. So etwas wollen wir hier nicht." Wenngleich Wüst weiß, dass das in der Szene nicht gerne gesehen wird: "Wir machen ja praktisch die Preise kaputt. Geoffrey und seine Kollegen bekommen je 400 Euro Startgeld, zudem bezahlen wir die Unterbringung, das war's." Nur bei einer guten Platzierung fließt mehr - eventuell genug für eine weitere Kuh.

Auf Einen Blick

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Marathon-Chef Thomas Wüst rechnet bei der vierten Auflage des Globus-Marathons mit rund 3000 Startern. Nachmeldungen sind bis Sonntagmorgen möglich.

Die Startzeiten: 9.30 Uhr Marathon und Team-Marathon; 9.45 Uhr Kids-Marathon; 11 Uhr Halbmarathon. tog