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Gelähmte Kristina Vogel verlässt nach sechs Monaten das Krankenhaus

Kristina Vogel hat das Krankenhaus verlassen : „Ich will leben. Nur etwas anders“

Nach sechs Monaten verlässt die querschnittsgelähmte Radsportlerin Kristina Vogel zu Weihnachten das Krankenhaus. Sie bleibt zuversichtlich.

(sid/dpa) Am Heiligen Abend wird sich Kristina Vogel nach Strich und Faden verwöhnen lassen. „Die Familie zu Hause! Weihnachten, ein ganz, ganz großer Tannenbaum, hach“, sagt sie in heller Vorfreude. „Gut, wenn die Bude voll ist – dann kann ich nicht da rumfahren, also muss ich bedient werden“, sagt die Sportlerin und lächelt.

Am vergangenen Freitag, pünktlich zum Fest, hat die Bahnrad-Olympiasiegerin, die seit ihrem fatalen Unfall brustabwärts gelähmt ist, das Krankenhaus von Berlin-Marzahn verlassen. Im Rollstuhl. Nach sechs brutalen, traurigen, manchmal aberwitzigen Monaten, mit all den Sorgen, Problemen, Träumen und Hoffnungen, die ein traumatisches Ereignis mit sich bringt. „2019 wird großartig!“, schrieb sie vergangene Woche bei Instagram. „Ich fühle es!“

Sie wird sich 2019 nur noch stationär in der Reha bei den Spezialisten in Marzahn schinden. Dort profitierte sie vor allem vom Know-how Bodo Heidemanns, dem Trainer der Paralympics-Siegerin Marianne Buggenhagen. Im neuen Jahr will sie dann bei ihrem Lebenspartner und Berufskollegen Michael Seidenbecher wohnen, der ebenfalls bei der Bundespolizei beschäftigt, und bis September 2019 in der Sportschule Kienbaum stationiert ist.

Im Herzen trägt Kristina Vogel, die mit ihrem Freund Michael seit 13,5 Jahren ein Paar ist, ihren sehnlichsten Wunsch. „Ich will leben“, hat sie der französischen Sportzeitung L‘Equipe in einem ihrer vielen Interviews erzählt. „Leben, wie all die anderen in meinem Alter. Nur etwas anders.“ Es ist ein neues Leben. Im Alltag erscheinen nun turmhohe Hindernisse, die vorher keine waren. Es nervt, wenn schon das Öffnen eines Fensters ewig dauert: „Da werde ich sauer.“

Eines ihrer konkreten Ziele für 2019: „Einen Spaghetti-Topf vom Herd nehmen, ohne die Spaghetti in der Hand zu haben. Ich muss so stabil werden, dass ich den Alltag bestreiten kann.“ Der Umbau ihres Hauses ist noch im Gange. „Es geht auch um Fahrstühle und so weiter. Michael trägt mich momentan immer hoch ins Schlafzimmer. Da muss ich mit meinem Gewicht und dem Süßigkeiten-Konsum aufpassen“. Ihre Wünsche zum Fest sind ganz banal: Zum Beispiel ein Rollkoffer mit vier Rädern und – perspektivisch – ein Therapiehund.

Kristina Vogel kämpft. Die Beine, die sie 27 Jahre lang getragen haben, denen sie ja alle ihre Erfolge zu verdanken hat, empfangen keine Impulse mehr oder setzen diese nicht um. Ihre „Ferrari-Klasse“, wie sie die Herausforderungen nennt, ist jetzt, vom Boden aus in den Rollstuhl einzusteigen, mit viel Technik und wenig Kraft. „Zack!“ Es gelingt. Vogel lacht.

Man sieht sie viel lachen in diesen Tagen. Kristina Vogel ist schnell zur Vorzeigefrau geworden, sie wird herumgereicht oder reicht sich womöglich auch selbst ein wenig herum. Sie wird präsentiert als Kämpferin, die ein schweres Schicksal vorbildlich verarbeitet. Das ist eine tolle Geschichte, danach gieren die Menschen, da es ihnen selbst Hoffnung gibt. Vogel weiß um die gewisse Ironie, die darin besteht, dass sie derzeit mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als jemals in ihrer sportlichen Karriere. „Man braucht halt immer krasse, neue Sensationen.“ Sie ist momentan so eine. Da ist keine Verbitterung. Bewundernswert.

Ihr Leben hat sich am 26. Juni im Cottbuser Radstadion dramatisch verengt. Aufs Überleben, auf den Krankenwagen, den Rettungshubschrauber und das Krankenhaus. Nun weitet es sich wieder. Das gibt Luft und Lust. Sie schmiedet Pläne, sie möchte alle Sportarten ausprobieren – und Kinder haben. Denn: „Das Wie, das Warum, das Weshalb bringt mich nicht weiter. Hätte, hätte, Fahrradkette.“

Kristina Vogel fühlt sich frei. Das klingt merkwürdig, denn es bleibt eine flaue Ahnung, dass die schwierigen Tage womöglich erst noch kommen werden, wenn das Kümmern nachlässt, das Interesse. Auch: die Öffentlichkeit. Sie redet über das Gefühl, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen, nun, da sie „ihren“ Sport nicht mehr ausüben kann. Doch: „Ich bin da“, sagt Kristina Vogel. „Und ich bin immer noch ich. Nur anders.“ Die 27-Jährige möchte ein Vorbild sein, das andere Menschen antreibt. Auch in ihrem neuen Leben, in dem es der erste Heiligabend sein wird.