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Champions League
Fußball nahe an der Perfektion

Und plötzlich schwingt sich der FC Liverpool zum Champions-League-Favoriten auf. Hier jubelt Mohamed Salah (Mitte) über sein Tor zum 1:0.
Und plötzlich schwingt sich der FC Liverpool zum Champions-League-Favoriten auf. Hier jubelt Mohamed Salah (Mitte) über sein Tor zum 1:0. FOTO: Peter Byrne / dpa
Liverpool. Der FC Liverpool demontiert den Titelfavoriten der Champions League, Manchester City, im Viertelfinal-Hinspiel mit 3:0.

Für den sonst so aufbrausenden und leidenschaftlichen Jürgen Klopp war das ungewöhnlich. Um den Trainer des FC Liverpool tobte an der Anfield Road ein gigantischer Stimmungsorkan. Man musste schon fast Sorge haben, dass der legendäre Fußballtempel dem Jubelsturm überhaupt standhält, doch Klopp blieb vor seiner Bank beinahe regungslos. Dabei geschah gerade Unfassbares.


Drei Gegentreffer für Manchester City in nur 19 Minuten. Schiere Fassungslosigkeit bei Star-Trainer Pep Guardiola. Mit 3:0 (3:0) fegten die Reds das scheinbar übermächtige, aber an diesem Abend wehrlose Team des stolzen Katalanen vom Platz und stehen kurz vor dem Halbfinal-Einzug in der Champions League. Klopp nahm die Tore so hin, als spiele Liverpool gerade gegen Watford oder Stoke City. Es war aber der große Favorit in der Königsklasse, gerade weil er die Premier League auf der Insel nahezu uneinholbar anführt und an diesem Samstag frühzeitig Meister werden kann.

Wenn der FC Bayern beim FC Sevilla mit 2:1 gewinnt, wird das zur Kenntnis genommen. Das 4:1 des FC Barcelona gegen AS Rom, es lässt aufhorchen. Und setzt sich Real Madrid bei Juventus Turin mit 3:0 durch, hebt mancher Experte die Augenbraue. Aber Liverpools Erfolg und die Art und Weise – das ist eine unerwartete Sensation.

„Das war in der ersten Hälfte kurz vor der Perfektion“, sagte Klopp über einen ersten Durchgang, in dessen Verlauf Guardiola Hören und Sehen verging. Das Erstaunliche: Liverpool hatte gegen den ehemaligen Bayern-Trainer das bessere taktische Konzept. Zum siebten Mal im 13. Duell Klopp gegen Guardiola düpierte der frühere Dortmunder seinen spanischen Widersacher, der seine Champions-League-Seuche anscheinend aus München mitgenommen hat. In den vergangenen vier Spielzeiten gab es für Guardiola im wichtigsten Wettbewerb jeweils ein Ausscheiden vor dem Finale.

Die London Times störte sich an der Aufstellung des wirkungslosen deutschen Nationalspielers Ilkay Gündogan. Es sei ein „schrecklicher taktischer Fehler“ von Guardiola gewesen, das Blatt verglich Gündogan mit der „Feder in einer Windmaschine“. Auch Leroy Sané hatte nichts entgegenzusetzen, wenngleich der Telegraph meinte, der Ex-Schalker sei bei City der einzige gewesen, der annähernd gut gespielt hätte. Dabei leitete Sané das 0:1 mit einem schlampigen Zuspiel ein.



Vernichtend für Guardiola fiel das Urteil der Boulevardzeitung Sun aus. Liverpool habe ein „meisterhaftes Beispiel“ dafür abgegeben, „wie man eine technisch überlegene Mannschaft wie City besiegt, mundtot macht, kastriert und besitzt“. Der Traum vom Henkelpott sei für die Sky Blues „in einer Wolke aus rotem Rauch“ aufgegangen, meinte der Mirror.

Doch trotz aller Begeisterung fand Klopp, dass die Tore von Mohamed Salah (12. Minute), Alex Oxlade-Chamberlain (21.) und Sadio Mané (31.) mitnichten die halbe Miete sind. „Das Rückspiel wird uns noch mal richtig Energie kosten. Jetzt führen wir mit 3:0. Aber es ist noch nichts entschieden“, merkte der 50-Jährige an. Nun ja, die Reds haben unter Klopp im September 0:5 bei City verloren, aber ein zweites Mal? „Keiner glaubt mehr an uns, aber wir werden es versuchen“, sagte Guardiola.

Was die Ereignisse dieses imposanten Fußballabends trübte, war der Angriff von Liverpooler Fans auf den Teambus von City mit Flaschen und Feuerwerkskörpern vor dem Spiel. Guardiola erinnerte an den Bombenanschlag auf den Bus von Borussia Dortmund vor einem Jahr und kritisierte die Sicherheitsbehörden. „Normalerweise, wenn die Polizei weiß, dass es passieren wird, verhindern sie so etwas. Ich verstehe das nicht“, sagte Guardiola. Klopp entschuldigte sich für das Verhalten den Anhänger. Die Uefa ermittelt mit einem Disziplinarverfahren gegen Liverpool.

Vier Gegentreffer waren es nicht, „nur“ drei. Der enttäuschte Pep Guardiola (rechts) gestikuliert, Jürgen Klopp steht im Hintergrund.
Vier Gegentreffer waren es nicht, „nur“ drei. Der enttäuschte Pep Guardiola (rechts) gestikuliert, Jürgen Klopp steht im Hintergrund. FOTO: Dave Thompson / dpa